Sherlock Holmes wäre ohne C. Auguste Dupin nicht denkbar. Die beiden Detektive voneinander abzuheben, ist nicht leicht, vor allem, weil Holmes nach einer Blaupause des Protagonisten in Edgar Allan Poes drei Kabinettstückchen gebildet wurde, dann aber ein Eigenleben entwickelte, das ihn wiederum zum ersten aller Detektive werden ließ. Um die Spezifikationen einer Detektivgeschichte kümmern wir uns in einem anderen Artikel, hier sehen wir uns die beiden berühmten Vertreter erst einmal gesondert an.

Verwendete Musik:

Hard Boiled by Kevin MacLeod
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Samba Isobel by Kevin MacLeod
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Transkript

Der Detektiv als Schlüsselfigur

C. Auguste Dupin war Sherlock Holmes, bevor es zu Sherlock Holmes kam. Ein genialer Detektiv, der erstmals in Edgar Allan Poes Geschichte “Die Morde in der Rue Morgue” auftauchte, die im Jahre 1841 veröffentlicht wurde. Hier begegnen wir dem Rätsel des verschlossenen Raums. Zwei Frauen sind tot und nur ein blutiges Rasiermesser, ein paar Goldmünzen und einige Haarbüschel wurden mit den Leichen im Raum gefunden.

Obwohl die Wurzeln der Rätselgeschichte bis zu Shakespeare (und noch weiter in der Zeit) zurückreichen, begründeten Poes Erzählungen über die Aufklärung eines Verbrechens, ein neues Genre, das die Leser dazu einlud, ebenfalls zu versuchen, das Rätsel zu lösen.

Die Schlüsselfigur in einer solchen Detektiv- oder Kriminalgeschichte ist also der Detektiv. Poes Detektiv, der auch in “Das Geheimnis der Marie Rogêt” und “Der entwendete Brief” auftaucht, bildet die Bühne für diese Figur. Dupin ist ein Gentleman der Muße, der nicht arbeiten muss und sich stattdessen damit beschäftigt, der echten Polizei mit “Analyse” bei der Aufklärung von Verbrechen zu helfen. Die wirkliche Polizei ist natürlich absolut inkompetent, wie Inspektor Lestrade und Scotland Yard für Sherlock Holmes.

Wie sein literarischer Nachfahre raucht Dupin eine Meerschaumpfeife und ist im Allgemeinen exzentrisch. Er ist auch unnatürlich klug, ein reiner Verstandesmensch, eine Art Superheld, der seine Denkkraft einsetzt, um große Leistungen bei der Lösung von Verbrechen zu vollbringen. Und der Erzähler der Geschichte, der dem Detektiv buchstäblich auf Schritt und Tritt folgt, ist sein Zimmergenosse. Im Gegensatz zu John Watson bleibt Dupins Zimmergenosse in allen drei Geschichten ein namenloses “Ich”.

Sogar Arthur Conan Doyle, der Schöpfer von Sherlock, musste Poes Einfluss anerkennen. “Wo war die Detektivgeschichte, bis Poe ihr den Atem des Lebens einhauchte?”, schrieb er.

Poes Formel fand im 19. Jahrhundert großen Anklang, weil Detektivgeschichten dem Leser versprachen, dass der Verstand die Antwort auf jede Frage enthalten konnte. Gleichzeitig appellierten sie mit gespenstischen Untertönen an die Beschäftigung vieler Menschen des neunzehnten Jahrhunderts mit dem Okkulten. Was uns heute wie ein Widerspruch erscheinen mag, ist im Grunde keiner, denn auch die Okkultisten gingen – und gehen auch heute – von ganz logischen Zusammenhängen aus, die selbst in den gemiedenen Wissenschaften Gültigkeit besitzen.

Der Kriminalroman, schrieb Ben MacIntyre für die Times of London, war zu dieser Zeit besonders reizvoll, weil er versprach, dass “der Intellekt triumphieren wird, der Gauner durch den rationalen Spleen verwirrt wird, die Wissenschaft die Übeltäter aufspüren und ehrlichen Seelen erlauben wird, nachts gut zu schlafen”. Gleichzeitig, so schrieb MacIntyre, unterstützten die Ängste des 19. Jahrhunderts vor der industriellen Revolution und neuen Lebensformen die Idee, dass das Böse anonym und überall sei. Diese beiden Instinkte – “Glaube an die Vernunft und Misstrauen gegenüber dem äußeren Schein” – sind es, die die Viktorianer dazu brachten, Detektivgeschichten zu lieben, eine Liebe, die bis heute anhält.

Der Tatort als ein Ort der Berechnung

Sowohl in “Die Morde in der Rue Morgue” als auch in “Der entwendete Brief” arbeitet Dupin außerhalb konventioneller Polizeimethoden, und er nutzt seine Distanz zur traditionellen Strafverfolgung, um neue Wege zur Aufklärung von Verbrechen zu erforschen. Er argumentiert immer wieder damit, dass die Pariser Polizei abgestandene und unoriginelle Analysemethoden anwendet. Er sagt, die Polizei lasse sich leicht von den spezifischen Tatsachen des Verbrechens ablenken und sei nicht in der Lage, einen objektiven Standpunkt zu liefern, von dem aus ermittelt werden könne. In “Die Morde in der Rue Morgue” gelingt es der Polizei nicht, über die gewalttätige Natur des Doppelmordes hinauszugehen. Weil sie von den grausam zugerichteten Opfern so abgelenkt ist, nimmt sie die Fenster der Wohnung, die einen Einstieg und Fluchtpunkt offenbaren, nicht genau unter die Lupe. Dupin distanziert sich von dem emotionalen Aspekt der Gewalt. Wie ein Mathematiker betrachtet er den Tatort als einen Ort der Berechnung, und er betrachtet die Züge des Mörders wie in einer Schachpartie.

In “Der entwendete Brief” löst Dupin den Diebstahl des entsprechenden Briefes, indem er sich selbst politisch in Gefahr bringt. Während die Pariser Polizei die Handlungen von Minister D–, einem wichtigen Regierungsbeamten, mit Leichtigkeit verfolgt, ignoriert Dupin die Politik ebenso wie er die Emotionen bei den Morden in der Rue Morgue ignoriert. In dieser Geschichte offenbart Dupin seine Fähigkeit zur Rache. Als der Minister ihn Jahre vor dem fraglichen Verbrechen in Wien beleidigte, versprach Dupin, die Kränkung zurückzuzahlen. Diese Geschichte zeigt, dass Dupins Brillanz nicht immer leidenschaftslos mathematisch ist. Er analysiert listig die äußeren Tatsachen des Verbrechens, aber er ist auch durch seinen Rachehunger motiviert. Dupin muss als unabhängiger Detektiv fungieren, denn seine Art der Untersuchung lebt von Intuition und persönlicher Gerissenheit, die in einer traditionellen Polizeiarbeit nicht institutionalisiert werden können.

Das Geheimnis der Marie Rogêt  basiert auf einem Verbrechen aus dem wirklichen Leben, das sich 1841 in New York City ereignete, als die Leiche eines jungen Mädchens namens Mary Rogers im Hudson River treibend aufgefunden wurde. Der ursprüngliche Mord wurde nie wirklich aufgeklärt – was oft als Grund dafür angegeben wird, warum Poe seine zweite Dupin-Geschichte Geschichte technisch “unvollendet” gelassen hat. Dupin erstellt hier nur eine Liste, auf der eine Lösung enthalten sein könnte. Er kommt zu dem Schluss, dass weitere Untersuchungen die Richtigkeit seiner Spekulationen bestätigen könnten, aber wir wissen nicht, ob diese Theorien gültig sind oder nicht.

Es ist sehr bedauerlich, dass Poe nicht erkannt hat, welches Potential seine literarische Errungenschaft in sich barg, was sich aber aus dem zu dieser Zeit noch desolaten literarischen Betrieb in Amerika ergab. Andererseits muss man auf der positiven Seite anmerken, dass es natürlich nie einen Sherlock Holmes gegeben hätte, wenn Dupin bereits in Serie gegangen und Aufmerksamkeit erregt hätte.

Sherlock Holmes ist neben Dracula jene fiktive Figur, die in der Popkultur am meisten adaptiert und inszeniert wurde. Dass der Detektiv auf der ganzen Welt bekannt ist, liegt aber nicht an den kongenialen Originalgeschichten, sondern an den unzähligen Filmen, Theaterstücken, Musicals und Comics. Fast alle Symbole und Sätze, die aus den vielen Fernseh-, Film-, Theater- und anderen grafischen Reproduktionen stammen und die heute scheinbar zum Kanon gehören – wie etwa der Deerstalker-Hut – kommen in den Texten überhaupt nicht vor. Aber während diese dazu neigen, mit der Mode zu wechseln, scheinen die Originalgeschichten von Sir Arthur Conan Doyle, die immer wieder bearbeitet werden, sich in unserem kollektiven Bewusstsein festzuhalten wie nichts vor oder nach ihnen.

Der Reichenbach-Schock

1893 stieß der Autor Sir Arthur Conan Doyle den Detektiv Sherlock Holmes von einer Klippe. Die Klippe befand sich in der Schweiz. Es sind die berühmten Reichenbachfälle, die unter ihr dahinbrausen. Aber Conan Doyle war gar nicht vor Ort, er erledigte die Drecksarbeit von seinem Haus in London aus, in dem er schrieb.

“Ich nehme schweren Herzens meine Feder in die Hand, um diese letzten Worte zu schreiben, mit denen ich die einzigartigen Gaben festhalten werde, mit denen mein Freund Sherlock Holmes ausgezeichnet wurde”,

sagt der Erzähler Dr. John Watson in Conan Doyles Geschichte Das letzte Problem, die im Dezember 1893 im Magazin “The Strand” erschien.

Conan Doyle selbst wirkte etwas weniger emotional. “Tötete Holmes”, schrieb er in sein Tagebuch. Man kann sich Conan Doyle vorstellen, sein glattes Haar, das im Kerzenschein schimmert, wie er seinen üppigen Schnurrbart vor Freude dreht. Später sagte er von seiner berühmten Figur: “Ich hatte eine solche Überdosis von ihm, dass ich mich ihm gegenüber fühlte wie gegenüber der Leberpastete, von der ich einmal zu viel gegessen hatte, so dass allein der Name mir bis heute ein kränkliches Gefühl gibt.”

Sherlock Holmes an den Reichenbachfällen;gezeichnet von Frederic Dorr Steele als Cover für Collier’s Weekly, 26. September, 1903

Conan Doyle mag zu diesem Zeitpunkt noch gedacht haben, dass er sich seiner Figur damit entledigt hätte, aber damit unterschätzte er die Fans. Die öffentliche Reaktion auf Holmes’ Tod war anders als alles, was die Welt der Fiktion jemals vorher erlebt hatte. Mehr als 20.000 Strand-Leser kündigten ihre Abonnements, empört über Holmes’ vorzeitigen Tod. Das Magazin überlebte kaum. Selbst die Mitarbeiter bezeichneten Holmes’ Tod als ein “absolut schreckliches Ereignis”.

Der Legende nach trugen junge Männer in ganz London schwarzes Trauerflor. Leser schrieben wütende Briefe an die Redaktion, es wurden Clubs gegründet, in denen es ausschließlich um die Rettung von Holmes’ Leben ging.

Das erste Fandom

Und Conan Doyle war schiockiert über das Verhalten der Fans. Das hatte es vorher noch nicht gegeben. (Sie wurden zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal als “Fans” bezeichnet. Der Begriff – eine Kurzform für “Fanatiker” – wurde erst vor kurzem für amerikanische Baseballbegeisterte verwendet). In der Regel akzeptierten die Leser, was in ihren Büchern geschah. Jetzt begannen sie, ihre Lektüre persönlich zu nehmen und zu erwarten, dass ihre Lieblingswerke bestimmten Erwartungen entspräche.

Die begeisterten Leser von Sherlock Holmes waren es, die das moderne Fandom erschufen. Interessanterweise setzt sich Holmes’ intensive Fangemeinde bis heute fort und läutet endlose Neuerungen ein, wie etwa die US-Serie Elementary und  BBCs Sherlock. (Es darf angemerkt werden, dass das bekannte Zitat: “Elementar, mein lieber Watson!”, nachdem die Elementary-Serie benannt ist, gar nicht in den Originaltexten auftaucht).

1887 erschien die erste Novelle mit dem Detektiv: Eine Studie in Scharlachrot. Von Beginn an war er so beliebt, dass Conan Doyle bald darauf bereits zu bereuen begann, ihn überhaupt erschaffen zu haben. Denn diese Geschichten überschatteten alles, was Doyle für sein “ernsthaftes Werk” hielt, etwa seine historischen Romane.

An Veröffentlichungstagen standen die Leser an den Kiosken schlange, sobald eine neue Holmes-Geschichte in The Strand erschien. Wegen Holmes war Conan Doyle, wie ein Historiker schrieb, “so bekannt wie Queen Victoria”.

Ein Leben nach dem Tode

Seitdem sind die Fans allerdings noch wesentlich obsessiver geworden. Der Unterschied zu damals besteht ledigich darin, dass wir uns an ein starkes Fandom gewöhnt haben. Maßgeblich beteiligt an der Glut der Leidenschaft ist die BBC-Serie Sherlock, die von 2010 – 2017 in 180 Ländern ausgestrahlt wurde. Hier spielt Benedict Cumberbatch in einer atemberaubenden Performance den zwar modernen, aber besten Holmes, den es je zu sehen gab, begleitet von Martin Freeman als Watson. Seitdem pilgern unfassbare Scharen in den von Holmes und Watson bevorzugten Londoner Sandwich-Shop, oder in Speedy’s Café. Während der Produktion der Serie kam es sogar zu Problemen, weil sich Tausende Fans am Set tummelten, die dann in die Baker Street weiter zogen, die in Wirklichkeit die Gower Street ist.

Bemerkenswert ist, dass sich die Fans von Sherlock Holmes seit mehr als 120 Jahren intensiv mit dem fiktiven Detektiv beschäftigen, unabhängig davon, in welches Medium er übertragen wurde (es dürfte kein einziges fehlen).

Mark Gatiss, der Mitgestalter der Sherlock-Reihe, hat darauf hingewiesen, dass Holmes einer der ursprünglichen fiktiven Detektive ist – die meisten anderen danach geschaffenen Ermittler waren Kopien oder eine direkte Reaktion auf ihn:

“Alles in allem ziehen die Leute eine Linie unter Sherlock und Watson. Agatha Christie kann ihren Poirot nur klein und rundlich machen – im Gegensatz zu groß und schlank. Auch er braucht einen Watson, also erschafft sie Captain Hastings. Wenn man sich umsieht, ist das immer das gleiche Modell. Es ist unverwüstlich.”

Nun, selbst Sherlock Holmes hatte einen Vorgänger, und der stammt aus der Feder von Edgar Allan Poe. Dessen Auguste Dupin trat erstmals 1841 in der Erzählung Der Doppelmord in der Rue Morgue und dann in zwei weiteren Erzählungen auf. Conan Doyle hat ihm Refernz erwiesen, indem er ihn in Eine Studie in Scharlachrot auftreten lässt. Dass er sich bei Poe bediente, bedeutet aber nicht, dass sich Sherlock Holmes nicht in eine völlig eigene Richtung entwickelte. Hier wurde der Detektiv in eine definitive Form gegossen.

Sherlock-Mitgestalter Steven Moffat sollte nun das Schlusswort haben:

“Sherlock Holmes ist ein Genie, deshalb ist er ein bisschen seltsam. Ich weiß nicht, wie oft das im wirklichen Leben vorkommt, aber in der Fiktion kommt es doch oft vor. Und das haben wir Sherlock zu verdanken”