Atemlos

(Titelbild: The Haunted, copyright: Dark Castle Entertainment, 1999)

Am 22. September 2002 gegen 03.45 Uhr wurde ich von den Ruhelosen geweckt. Es war, als würde jemand lautlos in mein Gesicht husten, das warm und feucht von Speicheltropfen war, die auf meiner Stirn und meinen Wangen perlten und die der Glaube meiner furchtsamen Ahnen hätte verbieten müssen. Ein Glaube, der nicht wirklich meiner war, weil das blütenweiße Hemd und das silberne Kreuz an der filigranen Kette mich längst schon Heuchlerin nannten.

Die Tropfen stiegen mir in die Nase, wie damals, als Großmutter Sauerland in die bestickten Taschentücher spuckte, um mir den Mund abzuwischen, und wie damals hielt ich die Luft an, um den Geruch nicht schmecken zu müssen. Er widerte mich an wie nasse Blumenerde, die seit Wochen im Topf schwappt, um winzige weiße Würmer zu zaubern, die mich würgen lassen. Ich höre sie krabbeln, pumpe Sauerstoff, den ich wie Galle schlucke, möchte sie töten, kann nichts dafür.

Ich war allein in dieser Nacht und vermisste keinen flüchtigen Besucher, der sich in mir amüsiert, um mir unnötig seinen Schweiß zu schenken. Der Hund träumte im Flur auf den kühlen Fliesen, über die er im Schlaf seine Pfoten schlittern ließ, schnappte nach taubengroßen Fliegen und fraß sie. Ich gönnte ihm, der Held zu sein, der er nicht war.

Von den Ruhelosen hatte ich gehört, wollte das alles gar nicht wissen. Aber das Datum mit der genauen Uhrzeit habe ich mir notiert, weil ich nicht vergessen wollte, wie es war, als sie kamen. Tatsächlich hatte es sich in meinem Gehirn eingebrannt wie die Telefonnummer eines alten Freundes, die man noch auf dem Totenbett mit verfaulter Zunge stammelt. 2209020345. Kein wirkliches Gottvergibmir. Nur eine Zahlenfolge.

Der Priester, den sie gerufen haben, damit ich mich nicht verlaufe, lässt mich brabbeln, fährt mit tröstenden Fingern mechanisch über meine Halbglatze, über einen Kopf wie in kochendem Wasser gebadet. Eine nutzlose, verschrumpelte Kugel, hinter deren mit dickem Gold durchstochenen Ohren vor hundert Jahren lange dunkle Haarsträhnen steckten und auf die Schultern fielen, weil ich eitel und gierig war. Schön wohl auch. Sagten sie.

Ich sehe mich alt und eingefallen, sehe, wie der Tod nach mir leckt, lausche, wie mein lausiges Herz nach dem Rhythmus der Sonne schreit, die ihn nicht mehr teilen will. Mein Mund ist geöffnet, breit, zu weit, um noch klug wirken zu können, und hinter den Lappen, die wie gekräuselter Rocksaum aussehen, sucht eine gelbe Zunge nach Zähnen, eine totgelbe Zunge, die ich rosarot in Erinnerung habe. Mein muffiger Atem quält sich bis in den Magen des Priesters durch, er lächelt tapfer, der Ekel ist ihm vertraut, diesem schwanzlosen blutleeren Mann, der sich jetzt über mich beugt wie so viele andere zuvor, irgendwann vor Urzeiten, als meine schwarzen Augen noch stachen und meine Lippen Süßigkeiten versprachen.

Das Gönnerhafte ist mir fremd, ich hasse ihn und lasse ihn boshaft an verdorbenen Innereien schnuppern, die ich ihm, dem flüsternden Gelackten, in die alles verzeihende blasierte Visage puste. Die letzten Züge, das weiß er vermutlich, riechen immer gleich, immer übel, so gottverflucht übel, obwohl doch die Hölle immer noch vergeblich nach dir krächzen soll, und er wird mit Johannes sprechen, während er nach Luft schnappt: „Ich lebe. Und Ihr sollt auch leben.“

Ich liege da auf meinem durchgetränkten Laken, das grundsätzlich noch einmal ausgewechselt werden müsste. Es lohnt sich nicht mehr, denkt die heulende Brut, lasst sie pinkeln und kotzen und stinken, gleich ist es vorbei. 2209020345. Mir hört keiner mehr zu. Später vielleicht. Später mit Sicherheit. Komme ja wieder. Kriegen die gar nicht mit. Klatschen mir schmierige Paste auf den Leib, jemand kippt mir Messwein in den Mund. Kann nicht schlucken, rotze ihn aus wie die Krümel der Hostie, die meinen Ausschnitt besudeln. Dort, wo er mal war.

Ein frisches Nachthemd ziehen sie mir nicht mehr an, das wird für die Kiste aufbewahrt. Sie trinken Pflaumenschnaps, der Priester trinkt mit, das Dörrfleisch in seiner schwarzen Wiege, das wohl ich sein soll, kriegt nichts. Nur sein letztes Amen. Leergut. Mausetot.

Ich bin mir da nicht so sicher. Als ich in dieser Septembernacht aufwachte, wusste ich, dass der Himmel sich aufspart. 2209020345. Die Unglücklichen beißt er weg. Er blafft sie an wie ein sabbernder Köter, schlägt seine spitzen Pflöcke in ihre Hintern und jagt sie aus Eden, weg von herrlichen sauren Äpfeln, die vergessen lassen. Verstört bleiben sie zurück, finden sich, sammeln sich, suchen mich und meinesgleichen, um zu zeigen, dass sie noch da sind. Ich habe gelernt, ihnen zuzuhören. Sie weinen nicht, sie sind ernst und grausam, weil sie dich nicht lachen sehen möchten.

Es sind viele. Ihr Alter spielt keine Rolle mehr. Die Art, wie sie gekleidet sind, ist unwichtig. Einige tragen steife Röcke und geschnürte Stiefel, toupierten oder puderten ihr Haar, als ihre Wangen noch rosig waren, die Lenden und Schöße noch feucht. Viele sind hässlich, weil sie zu spät gestorben sind. Schämen sich für ihre Haut, für ihr schäbiges Kleid, in dem man sie schmucklos in die Grube fallen ließ. Andere sind gestern gegangen, um heute wiederzukommen. Sie sind überall. Irren umher, weil sie nicht wissen, wohin, stehen an deinem Bett und sehen dich an. Sitzen neben dir und berühren dich, und wenn Barmherzigkeit es dir erlaubt, nüchtern zu sein, wirst du denken, dass es der Wind war, der sich durch Fensterritzen schmuggelte, um dich frieren zu lassen.

Ich friere nicht mehr, ich wärme mich an ihnen und ihren Schmerzen. Und bete, dass Gott sie nicht vergisst. Der längst vergessen hat. Ich weiß, dass ich zu ihnen gehören werde. Besser jetzt, will nicht unnütz Zeit verstreichen lassen, um meine Zähne im Waschbecken zu finden.

Es missfällt mir, alt zu gehen. Das Bild von mir als furzendes Wrack in einem Gitterbett werde ich nicht malen lassen. Den Priester streiche ich. Warte nicht mehr lange. Warte atemlos auf euch. Auf mich.

(erschienen in: Gottes kalte Gabe, Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken, 2006)

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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