Asche zu Asche

Mit Skepsis betrachtete sie die funkelnden Steine auf dem weinroten Samt, der das Feuer in den Diamanten eindrucksvoll zur Geltung brachte. Frau Rohloffs Rechte ruhte neben der Musterpalette, und der Blick der Mittfünfzigerin wanderte von den Ausstellungsstücken zu den Steinen auf den Ringen, die ihre feingliedrigen Finger zierten.
Kastner ließ ihr Zeit. Er wusste nur zu gut, dass er seine Kunden nicht drängen durfte, vor allem nicht in dieser Situation.
Als Frau Rohloff registrierte, wie sehr sie die Brillanten und den Rubin auf ihren Ringen anstarrte, zog sie ihre Hand zurück und verschränkte die Finger auf ihrem Schoß. Ihre extrem weiße Haut bildete einen scharfen Kontrast zum Schwarz ihres Kleides, das zweifellos einer edlen Designerschmiede entstammte. Sie hob den Kopf und schaute Kastner lange an, bevor sie zögerlich eine Frage formulierte: »Die … die Herstellung dauert mehrere Wochen, sagten Sie?«
Ohne seine distinguierte Haltung aufzugeben, nickte Kastner. »In einer Zeitspanne von drei bis vier Wochen wird die Asche bei einem Druck von fünfzigtausend Bar und einer Temperatur von fünfzehnhundert Grad Celcius gepresst, bis wir das gewünschte Ergebnis erzielen.«
»Das, was am Ende dieser … Prozedur herauskommt, ist aber ein echter Diamant, nicht wahr?«
»Er ist zwar synthetisch hergestellt, aber durchaus echt, Frau Rohloff. Man kann einen synthetisch hergestellten Diamanten allerdings mittels chemischer und technischer Analysen von einem natürlich entstandenen unterscheiden.« Jetzt lächelte Kastner jovial. »Aber in diesem Fall geht es ja nicht um den Stein selbst, sondern um die Erinnerung, die damit verbunden ist.«
»Natürlich.« Frau Rohloff seufzte, dann erhob sie sich. »Ich werde es mir überlegen, Herr Kastner.« Sie reichte ihm die Hand. »Ich danke Ihnen auf alle Fälle für Ihre freundliche und sehr rücksichtsvolle Beratung.« Sie setzte ihre Sonnenbrille auf und zog die schwarzen Seidenhandschuhe an, die sie beim Hereinkommen abgestreift hatte. Mit zügigen Schritten verließ sie den Ausstellungsraum.
Kastner geleitete sie zum Ausgang und hielt ihr die Tür auf, dann wandte er sich dem anderen Kunden zu, der die ganze Zeit über auf der Ledercouch im Eingangsbereich gewartet hatte. »Guten Tag! Mein Name ist Gerhard Kastner. Was kann ich für Sie tun?«
Der Mann trug, wie auch Frau Rohloff, dunkle Kleidung: einen anthrazitfarbenen, klassisch geschnittenen Anzug, dazu ein schwarzes Hemd und eine dezent gemusterte, dunkle Krawatte. Sein Alter war schwer zu erraten, aber seine faltige, fast lederartige Haut und die grau melierten Schläfen ließen gewisse Rückschlüsse zu.
»Mein Name ist Wittek«, eröffnete der Mann. »Ich würde gerne Ihre Dienste in Anspruch nehmen. Allerdings …« Er räusperte sich, bevor er fortfuhr. »Vielleicht wird Ihnen mein Wunsch etwas ungewöhnlich erscheinen, aber ich würde gerne mit Ihnen im Vorfeld einen Vertrag abschließen, der sämtliche Transaktionen sowie Ihre Verschwiegenheit regelt.«
Kastner behielt seinen geschäftigen Gesichtsausdruck bei. Nur das kurze Zögern verriet seine Irritation. »Verschwiegenheit ist einer der Grundsätze unseres Hauses«, erklärte er höflich. »Und selbstverständlich schließen wir mit unseren Kunden Verträge. Immerhin geht es neben der sehr persönlichen Seite auch um beträchtliche Werte, und es spricht absolut nichts dagegen, das gegenseitige Vertrauen durch einen Vertrag zu untermauern.«
Wittek lächelte. »Sehr schön.«
Kastner dirigierte Wittek zum ledergepolsterten Stuhl vor dem Beratungstisch, dann nahm er selbst dahinter Platz. Als Wittek einige Papierbögen aus der Innentasche seines Jacketts zog, runzelte Kastner die Stirn und rieb die Handflächen gegeneinander.
Wittek entfaltete die Bögen und legte sie auf den Tisch. »Ich habe den Vertrag bereits vorfertigen lassen. Wenn Sie die Freundlichkeit besitzen und sich die Bedingungen einmal durchlesen würden …«
Schnell hatte Kastner seine Contenance wiedergefunden und griff nach den Bögen. »Selbstverständlich, Herr Wittek. Üblicherweise fertigen wir die Verträge aus – aber warum soll es nicht auch andersherum möglich sein?«
Er las den Vertrag aufmerksam durch, der vorsah, dass Wittek zukünftig als Verteter nicht genannter Personen die Anfertigung von Diamanten in Auftrag gab. Als Kastner zu der Stelle kam, an der ein fünfzehnprozentiger Aufschlag auf die üblichen Preise festgelegt wurde, hielt er kurz mit dem Lesen inne, um sich dann gleich dem Rest zu widmen.
»Nun«, begann er nach der Lektüre des Textes, »hier steht nichts geschrieben, was ich nicht guten Gewissens unterzeichnen könnte. Und die finanziellen Regelungen sind mehr als akzeptabel. In Anbetracht der Tatsache, dass bei größeren Vertragsabschlüssen im Allgemeinen Rabatte anstelle von Preisaufschlägen ausgehandelt werden, sind sie für meine Firma sogar außerordentlich günstig.« Er überflog die Seiten noch einmal, dann fügte er hinzu: »Was hier nicht steht, ist die Herkunft des Materials – der Asche.«
Wittek lächelte reserviert. »Fragen nach der Herkunft des Materials fallen unter den letzten Paragraphen: keine Rückfragen und absolute Verschwiegenheit gegenüber Dritten.«
Kastner erwiderte das Lächeln. »So ungewöhnlich ist das nicht. Zwar regeln wir das üblicherweise nicht in unseren Verträgen, aber wenn ein Kunde nicht verraten möchte, von wem die Asche stammt, aus der wir den Diamanten anfertigen sollen, dann fragen wir auch nicht danach. Und Außenstehenden geben wir grundsätzlich keinerlei Kundendaten bekannt. Ungewöhnlich ist nur, dass dieser Punkt ausdrücklich geregelt wird.«
»Nun«, sagte Wittek bedächtig, »dann sollte dem Vertragsabschluss ja nichts im Weg stehen.«
Kastner überlegte einen Augenblick, ob er nicht etwas zu voreilig war, dann schüttelte er den Kopf. »Nein.« Die Aussicht darauf, dass Wittek mehr als nur einen Diamanten herstellen lassen wollte und die an sich geschäftsübliche Verschwiegenheit der Firma durch einen fünfzehnprozentigen Preisaufschlag zu erkaufen bereit war, ließ überhaupt keine andere Reaktion zu. Und da Kastner Mehrheitsanteile der Firma besaß, begann die Rechenmaschine in seinem Oberstübchen bereits zu arbeiten.
Er tastete sein Jackett nach einem Kugelschreiber ab. Wittek war schneller und reichte ihm einen schwarzen Füller mit Goldfeder. Kastner hielt irritiert inne, dann nahm er den schweren Füllfederhalter mit einem Dank auf den Lippen entgegen und unterzeichnete die beiden Vertragsausfertigungen. Die Tinte war nicht blau, auch nicht schwarz, sondern braun; ausgefallen – wie Witteks gesamte Erscheinung. Kastner setzte ein Lächeln auf, schob die Bögen über den Schreibtisch und gab den Füller zurück. Wittek kritzelte sein Autogramm neben Kastners Unterschrift, ließ eine Vertragsausfertigung liegen und steckte die zweite in seine Jacketttasche. Dann erhob er sich, Kastner folgte seinem Beispiel.
»Ich komme zu gegebener Zeit auf Sie zu«, schloss Wittek und schüttelte Kastner die Hand.

»Ich hatte heute einen sonderbaren Kunden«, erklärte Kastner nachdenklich, während er sein Pyjamaoberteil zuknöpfte.
Seine Frau lag bereits im Bett, hatte die Lesebrille auf der Nase und schmökerte lustlos in einem dicken Taschenbuch. Sie warf ihrem Mann über den Rand des Brillengestells hinweg einen flüchtigen Blick zu. »Inwiefern sonderbar?«
»Er wollte einen von ihm vorgefertigten Vertrag abschließen und hat größten Wert auf unsere Verschwiegenheit gelegt.« Ein kurzes Lächeln huschte über Kastners Gesicht, bevor er hinzufügte: »Dafür zahlt er fünfzehn Prozent über dem Normalpreis.«
Elvira schaute noch einmal von ihrem Buch auf und zog die Augenbrauen hoch. »Freiwillig?«
»Ja, es stand bereits so in seinem Vertragstext. Und das Beste kommt erst noch: Er will in Zukunft öfter bei uns Diamanten anfertigen lassen.«
Jetzt ließ Elvira das Buch sinken und setzte sich aufrecht hin. »Erwartet er mehrere Todesfälle?« Sie lachte trocken auf. »Vielleicht ist der Kerl von der Mafia.«
»Unsinn, Elvi!« Kastner schüttelte den Kopf und schlug seine Seite der Bettdecke zurück. »Vielleicht repräsentiert er Kunden, die nicht gerne in der Öffentlichkeit auftreten, aber das muss doch nicht gleich die Mafia sein. Und wozu sollten die für teures Geld Diamanten aus Menschenasche pressen lassen?« Er setzte sich auf die Bettkante und nahm seine Armbanduhr ab. »Außerdem kann uns das doch egal sein, oder? Hauptsache, er bezahlt.«
»Wenn du es sagst …« Elvira schien zunächst unentschlossen, dann zuckte sie jedoch die Achseln und widmete sich wieder ihrem Buch.

Am Montag darauf kam Wittek kurz vor Geschäftsschluss, stellte einen Aluminiumkoffer auf Kastners Schreibtisch und entnahm ihm zwei metallene Urnen. »Guten Tag! Das wären die ersten beiden, Herr Kastner«, erklärte er mit unbewegter Miene.
Kastner hielt einen Augenblick lang den Atem an und starrte auf die beiden Urnen, bevor er sich räusperte und ein bemüht-geschäftiges Lächeln aufsetzte. »Guten Tag, Herr Wittek. So schnell hatte ich gar nicht mit Ihnen gerechnet. Ich dachte …« Er vollendete den Satz nicht. »Nun, nehmen Sie doch bitte Platz.«
Wittek schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, aber ich habe wenig Zeit.« Er überreichte Kastner eine geradezu spartanische Visitenkarte, auf der nur K. Wittek stand, und darunter eine handgeschriebene Telefonnummer. »Unter dieser Nummer können Sie mich erreichen, wenn die Diamanten fertig sind.«
Sie besprachen noch ein paar Details, dann verabschiedete sich Wittek und verließ das Gebäude. Kastner betrachtete mit einigem Unbehagen die beiden Urnen auf dem Tisch. Er atmete tief durch, dann schraubte er beide Deckel ab und schaute hinein. Menschenasche – zumindest dem Anschein nach. Der Anblick und der Geruch machten Kastner schon lange nichts mehr aus, aber diesmal war es anders als sonst. Er hatte am Wochenende noch mit Elvira über Wittek gesprochen, und im Nachhinein waren ihm mehr Bedenken gekommen, als ihm lieb sein konnte. Aber Vertrag war Vertrag, ein Zurück gab es nicht. Er verschloss die beiden Urnen wieder, versah sie mit beschrifteten Anhängern und verstaute sie in einem Hinterzimmer im Safe.
Am Freitag brachte Wittek zwei weitere Urnen, und am Mittwoch der darauffolgenden Woche drei. Obwohl Kastner sich eigentlich freuen sollte, war das Einzige, was der expansive Geschäftsverlauf bei ihm hervorrief, ein unangenehmer Druck in der Magengegend, der beinahe schmerzhaft wurde, als Wittek eine Woche später noch einmal drei Urnen aus seinem Aluminiumkoffer hervorzauberte. Nachdem Wittek das Gebäude verlassen hatte, trat Kastner an die Glastür und schaute ihm reichlich konsterniert hinterher. Wittek näherte sich gemessenen Schrittes einer dunklen Limousine, die zwei Häuser weiter am Straßenrand geparkt war, und stieg in den Fond. Kurz darauf scherte der Wagen aus der Parklücke aus und reihte sich in zügiger Fahrt in den Nachmittagsverkehr ein.

Mit dem eigenartigen Gefühl in der Magengrube wuchs auch Kastners Neugierde. Natürlich hatte er sich so manche Theorie zurechtgelegt, bei der sowohl die Mafia, Neonazis, obskure Sekten als auch Leichenfledderer eine Rolle spielten. Gerade Letzteres erschien ihm immer wahrscheinlicher, und doch ergab es, wenn man Kosten und Ergebnis ins Verhältnis setzte, keinen rechten Sinn.
Dann war es so weit: Wittek holte die Diamanten ab, die aus den ersten beiden Aschelieferungen gefertigt worden waren, begutachtete sie mit zufriedener Miene und steckte sie zusammen mit der Rechnung in seine Jackettasche. Nach einem ebenso oberflächlichen wie kurzen Smalltalk verabschiedete er sich und ließ Kastner stehen.
Als Wittek in die Limousine einstieg, informierte Kastner seinen Mitarbeiter, dass er einige Zeit außer Haus sein würde, dann verließ er eilig das Geschäft und klemmte sich hinters Steuer seines Wagens. Er behielt die Limousine im Blickfeld und folgte ihr in gebührendem Abstand. Beinahe machte Kastner das Detektivspielen Spaß, doch seine Hauptantriebsfeder war das ungute Gefühl, das er seit der ersten Begegnung mit Wittek nicht wieder los geworden war und das ihn schon mehrfach um seinen Schlaf gebracht hatte. Er musste einfach wissen, woher Wittek die Asche hatte und was er mit den Diamanten anstellte.
Sie verließen das Geschäftsviertel, und schon bald brachte sie die Fahrt in ein Industriegebiet in der Vorstadt. Kastner vergrößerte den Abstand, da der Verkehr hier merklich abnahm. Dennoch bereitete ihm die Verfolgung keine Mühe, da die Straßen sehr übersichtlich angelegt waren.
Dann schien die Limousine am Ziel ihrer Fahrt angekommen zu sein. Sie bog in den Hof einer u-förmig errichteten, flachen Lagerhalle ab und hielt vor dem angrenzenden Verwaltungsgebäude, hinter dem ein hoher Schornstein aufragte. Eine dünne, schwarze Rauchfahne zog in den wolkenverhangenen Himmel. Über der Eingangstür des Bürogebäudes wies ein verwitterter Schriftzug eine Firma WITTEK & PARTNER, IM- UND EXPORTE aus. Sowohl das Verwaltungsgebäude als auch die Halle hatten ihre beste Zeit längst hinter sich, und die mondäne Limousine wollte nicht so recht zum gesamten Ambiente passen.
Kastner steuerte seinen Wagen an den Straßenrand und beobachtete, wie Wittek und sein Chauffeur im Bürogebäude verschwanden. Rechts neben der Eingangstür hing eine Messingtafel, deren Inschrift Kastner aus dieser Entfernung nicht entziffern konnte. Er musste näher heran. Also stieg er aus und blickte sich um. Keine Menschenseele war auf dem Betriebsgelände zu sehen. Vor einer Laderampe standen zwei Kleinbusse und drei PKWs.
Langsam näherte sich Kastner der Hofeinfahrt und kniff dabei die Augen zusammen, weil er sich einbildete, die Inschrift auf der Messingtafel dadurch eher lesen zu können. Aber selbst als er einen Fuß auf den gepflasterten Innenhof gesetzt hatte, war es ihm noch nicht möglich. Hin- und hergerissen zwischen der nagenden Neugierde und der Angst vor einer mehr als peinlichen Entdeckung trat Kastner auf der Stelle, bis er sich einen Ruck gab und möglichst dicht an der Hofmauer entlang Richtung Verwaltungsgebäude lief. Er legte sich eine Ausrede für sein Erscheinen zurecht, von der er hoffte, dass er sie nicht anzuwenden brauchte.
Die Erkenntnis, dass auf dem Schild nur Bürozeiten eingraviert waren, enttäuschte ihn maßlos. Als er sich zum Gehen wandte, stand plötzlich ein baumlanger Kerl mit rotunterlaufenen Augen vor ihm. Kastners Herz setzte einen Schlag aus.
»Darf ich fragen, was Sie hier machen?« Der Mann war beinahe einen Kopf größer als Kastner und hatte eine schrankähnliche Statur.
Kastner fing an zu stottern und brachte keinen klar verständlichen Satz heraus. Schweiß sammelte sich auf seiner Stirn, und als er sich verlegen umschaute, wurde die Tür des Bürogebäudes geöffnet. Wittek trat heraus und winkte Kastner nach kurzem Zögern zu sich. Kastner kam der Aufforderung nach und bemühte sich um einen freundlichen, unverbindlichen Gesichtsausdruck.
»Herr Kastner!« In Witteks knarrende Bassstimme hatte sich eine Spur Verwunderung eingeschlichen. »Wie kommen Sie denn hierher? Sind Sie mir etwa gefolgt?«
Mit einem gezwungenen Lächeln erklärte Kastner: »Äh, ja … nun, Herr Wittek … es ist mir etwas peinlich, und daher wollte ich Ihnen das auch nicht am Telefon erklären. Uns … uns ist leider ein kleiner Lapsus unterlaufen. Die Steine, die Sie heute abgeholt haben, wurden durch die Unachtsamkeit meines Mitarbeiters leider … äh, vertauscht.«
Wittek zog unmerklich die Augenbrauen hoch. Dabei fiel Kastner auf, dass seine Augen jetzt ebenso rotgeädert waren wie die des breitschultrigen Hünen.
»Ihre Steine brauchen noch zwei Tage bis zur Fertigstellung«, fuhr Kastner fort. »Die Diamanten, die ich Ihnen mitgegeben habe, gehören anderen Kunden.« Er senkte unterwürfig den Blick. »Leider.«
Wittek bewahrte die Fassung und überlegte einen Moment, dann bat er Kastner ins Gebäude. Der Hüne folgte ihnen.
»Nun gut, Fehler können vorkommen«, meinte Wittek, während sie einen langen Korridor durchschritten. Er öffnete die letzte Tür und ließ Kastner eintreten, der sich unvermittelt in einem großen, mit viel Leder, edlem Holz und dunklem Samt ausgestatteten Büroraum wiederfand. Büroraum war krass untertrieben – Fürstensuite hätte es besser getroffen.
Wittek nahm hinter einem Mahagonischreibtisch Platz und griff nach dem Beutel mit den Diamanten. Während er die Steine aus ihren Verpackungen schälte, konnte Kastner aus dem Augenwinkel feststellen, dass der Bodyguard sich vor der Tür aufgebaut hatte und wartete.
Mit einer ausladenden Geste führte Wittek die flache Hand mit den Diamanten vor seiner Nase vorbei und schien an den Steinen zu riechen. Um sicherzugehen wiederholte er den Vorgang, anschließend gab er die Steine in den Beutel zurück und lächelte Kastner an. »Es sind die richtigen«, bemerkte er knapp.
Kastner lief ein Schweißtropfen ins Auge, und er wischte mit einer fahrigen Bewegung über seine Stirn. »Äh, wie …«
»Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen! Ihnen ist kein Fehler unterlaufen. Ihr Mitarbeiter hat tadellos gearbeitet.«
Kastner bemühte sich vergeblich, erleichtert auszusehen. »Da fällt mir ein Stein vom Herzen, Herr Wittek! Aber … wie können Sie das feststellen?«
Witteks Miene entspannte sich. Gleichzeitig verstärkte sich das Rot in seinen Augen. So etwas hatte Kastner noch nie gesehen. Es schien beinahe so, als wären mehrere Äderchen geplatzt.
»Keine Angst, Herr Kastner, ich kann so etwas feststellen. Wie Sie vermutlich bemerkt haben, ist hier einiges ein bisschen … ungewöhnlich, um es vorsichtig auszudrücken. Es wäre besser gewesen, wenn Sie sich an unseren Vertrag gehalten und in Ruhe ihr Geld gezählt hätten anstatt mir hinterherzuspionieren.«
Kastners Hände waren schweißfeucht, sein Mund hingegen war knochentrocken. Er schielte zur Tür, aber dieser Weg blieb ihm versperrt, und die Fenster hinter den dicken Gardinen, so musste er jetzt mit Schrecken erkennen, waren vergittert.
Wittek zog eine Schreibtischschublade auf und beförderte seine Vertragsausfertigung auf den Tisch. »Verträge, die mit Blut geschrieben sind, sollten eingehalten werden, Herr Kastner.«
Kastner schaute Wittek ungläubig an. Seine Knie zitterten. »Ich …«, stammelte er, »ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Es geht mich nichts an, was Sie hier …«
Mit sich verfinsternder Miene schüttelte Wittek den Kopf. »Dafür ist es jetzt zu spät, Herr Kastner. Wir bleiben gerne unter uns, und wir legen hier äußersten Wert auf Diskretion und Anonymität. Neugierige Geschäftspartner können wir absolut nicht gebrauchen.« Das Weiß in seinen Augen war jetzt fast vollständig verschwunden. »Wie unschwer zu erraten ist, gehören wir nicht derselben Rasse an – Sie und ich. Meine Rasse hat sich der Ihren angepasst und lebt hier unerkannt seit langer Zeit, und das soll auch so bleiben. Unser Faible für … menschliche Produkte ist diesbezüglich natürlich nicht ganz unproblematisch.« Er strich mit den Fingern über den dunklen Einband des Terminbuches, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag. »Feinstes Leder, gefertigt aus der Haut eines Schwarzafrikaners.« Wittek hob den Kopf und sah Kastner an. »Die Tinte, mit der Sie den Vertrag unterzeichnet haben, wurde aus dem Blut dieses Mannes hergestellt. Und die Edelsteine auf unseren Schmuckgegenständen – nun, woher die stammen, wissen Sie ja bereits.« Er schielte auf den Brillantring an seiner Rechten.
»Menschliche Produkte?«, entfuhr es Kastner heiser.
Wittek nickte. »Genauso wie Sie und Ihresgleichen sich mit tierischen Produkten umgeben, verarbeiten wir gerne menschliches Rohmaterial. Es ist edler als das Material von Schweinen oder Rindern – exklusiver. Finden Sie nicht auch?«
Kastner wich zwei Schritte zurück und rang um Fassung. »Mein Mitarbeiter weiß Bescheid, dass ich Ihnen gefolgt bin, und meine Frau ebenfalls! Wenn ich nicht zurückkomme, werden sie die Polizei alarmieren, und …«
Wittek hob die Hand, und Kastner verstummte augenblicklich. Witteks Augen blitzten kurz auf, als er sagte: »Dann müssen wir uns wohl um die beiden auch noch kümmern.« Er nickte dem Hünen zu.
»Was heißt ›kümmern‹?«, wollte Kastner wissen. »Wie meinen Sie das?«
»Wir müssen sichergehen, dass uns niemand auf die Schliche kommt.«
»Heißt das …«
»Sie wissen, was das heißt, Herr Kastner.« Wittek faltete die Hände vor der Brust.
»D… das können Sie doch nicht machen!« Kastner wich bis zur Regalwand zurück und warf einen kurzen Blick auf den Bodyguard, der mit stoischer Miene auf Witteks Befehle wartete. »Meine Frau und mein Mitarbeiter wissen gar nicht, wo ich bin«, fuhr Kastner verzweifelt fort. »Das habe ich nur gesagt, um …« Abermals wischte er sich den Schweiß von der Stirn. »Lassen Sie meine Frau in Ruhe!«
Wittek schüttelte den Kopf. »Nein, Herr Kastner, dieses Risiko kann ich nicht eingehen. Vielleicht weiß sie etwas, vielleicht weiß sie nichts – einerlei.« Er nickte dem Bodyguard zu. »Ins Krematorium. Alle drei!«
Der Hüne löste sich mit ausdrucksloser Miene von der Tür und näherte sich Kastner, der in eine Ecke des Büros flüchtete und dort erkennen musste, was die Stunde geschlagen hatte. In seinen letzten Gedanken verfluchte er seine verdammte Neugierde.

Erstveröffentlichung in EXODUS 18

Ch. Weis

Ch. Weis

Christian Weis, Jahrgang 1966, lebt im Norden Bayerns. Nach dem Abitur absolvierte er Aus- und Fortbildung im öffentlichen Dienst. Seine Erzählungen wurden in Magazinen (unter anderem c’t, Exodus, Nova, phantastisch!, Zwielicht) und Anthologien veröffentlicht und für den Deutschen Science Fiction Preis sowie den Fränkischen Krimipreis nominiert. Bei Bastei Entertainment erschienen seine Kurzromane „Tief unter der Stadt“ in der Reihe Horror Factory und „Ebene Null“ sowie „Das Gift der Viper“ in der Reihe Cotton Reloaded. Mehr über Christian Weis in seinem Blog „Schreibkram & Bücherwelten“ (www.christianweis.org).

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