Aqua

 

Das dumpfe Trommeln übertönte jedes andere Geräusch. Rhythmisch, mal schneller zunehmend, bevor die Schläge wieder länger und tiefer wurden, ähnlich einer Sekunde, die sich urplötzlich immer weiter dehnt, ein kurzer Moment der Ewigkeit, bevor sie wie im Nichts verrinnt.
Stille!
Dann setzte das Trommeln erneut ein. Schneller als zuvor, fordernd, mit einer Wildheit, welche die versammelte Menge in Ekstase versetzte. Körper schüttelten sich, warfen jegliche bewusste Wahrnehmung ab, wurden eins mit der Musik, der Energie, einem wilden, tief verwurzelten Instinkt folgend.
Die Luft knisterte und jederzeit konnte die Stimmung umschlagen und die gesammelte Aggressivität, ein Ventil suchend, explodieren.

Die Houndi waren die Attraktion in Saramee, versetzten die Massen in Entzücken mit ihrer Mischung aus Kunst, Intellekt und Gewalt. Seit Wochen musizierten sie, allerdings außerhalb der Stadtmauern, da Arun Beran, Harus und Meister der Gelehrtengilde, sie dazu verdonnert hatte, ihre Konzerte in die Einöde des Umlandes zu verlegen. Sie wären ein Anziehungspunkt für den Sündenpfuhl der Stadt, aus Berans Sicht die Gestaltwerdung des Bösen. Und da sie angreifbar waren, boten sie dem Harus eine willkommene Zielscheibe, um den immer mehr um sich greifenden Verfall von Sitten und Moral zu brandmarken.
Beran sollte vor seiner eigenen Haustür kehren und sein untreues Eheweib einfangen statt den Leuten ihre Freude zu vermiesen.

Aqua schüttelte bei diesem Gedanken automatisch den Kopf, während der restliche Körper im Rhythmus der Houndi wogte. Aber ihn interessierte die Verbannung der Houndi in Wirklichkeit überhaupt nicht. Hier, außerhalb der Stadt, war es für ihn viel einfacher, seinen dunklen Begierden zu folgen.
Er blickte über die tanzende Menge, eingerahmt von Dschungel und Meer, sah die provisorischen Stände der Wetahverkäufer. Diese Lichtung war ein Brennpunkt nächtlichen Treibens und zog von Mal zu Mal mehr Besucher an.

Seine vierzehigen Füße führten ein unheilvolles Eigenleben, tanzten, sprangen, ohne dass er ihnen Einhalt gebieten konnte. So schlecht seine Ohren auch waren, die Phi eigenen Organe am Hinterkopf nahmen die Musik auf und brachten sein kühles Blut zum Erhitzen. Er kannte eine unendliche Anzahl von Musikern, aber noch nie empfand er etwas anderes als fades Interesse, nie ein solch intensives Gefühl wie bei dem orgastischen Rhythmus der Houndi: Die gallertartige Masse, die anstelle Knochen seinen Körper formte, sendete Wellen voll Glückseligkeit in seine vorderen Hirnlappen. In der Mitte das riesige Feuer, das ein bizarres Schauspiel über die versammelte Menge warf, umhüllt von den glänzenden, mit Öl eingeriebenen Houndis, die sich ganz ihrer Musik hingaben, hatte dieser Abend etwas Magisches, etwas Einmaliges.

Aqua musterte die unzähligen Gruppen, die sich berauscht von Wetah und Stärkerem der Symphonie der Trommeln hingaben. Eine Gruppe Glisk, seltsam steif, bewegte sich ruckartig in einer komplizierten Schrittfolge um ein imaginäres Zentrum. Dort die dunklen und glänzenden Körper der hoch gewachsenen Okaner, deren Augen weit aufgerissen von der süßen Frucht Yalmens in höhere Sphären blickten. Links neben sich die bleichgesichtige Gruppe ekstatisch tanzender Istader.

Sein Blick, überladen von der Vielzahl an Sinneseindrücken, wollte gerade weiterwandern, da erblickte er sie und erstarrte mitten in seinen Bewegungen. Ihre Größe passte zu der tanzenden Menge der Istader, doch ihr Gesicht war nicht spitz, sondern weich, die blassen grauen Augen schwammen in einer trüben Flüssigkeit. Als sie ihn anblickte, pochte die Flüssigkeit in seinem Inneren. Die gallertartige Masse dehnte sich und zog sich zusammen, machte ihn länger und kürzer, gleichzeitig versprühten seine Drüsen jene Düfte rücksichtloser Lust, die vollständig von ihm Besitz ergriffen hatte. Er stolperte, verlor die Magie der Musik für sich unendlich dehnende Sekunden, fiel zu Boden, während sein Ich erbebte. Schnell erhob er sich, immer noch unkoordiniert schwankend, dann stand er, den Blick suchend und geriet an den Rand der Panik.
Wo war sie?

Erleichtert fand er ihre Konturen, ihren harmonischen Gang, fließende Bewegungen, eins mit dem dumpfen Bum Bum, das die Luft erfüllte. Im Gleichklang tanzte er durch die Menge, wich aus, wo nötig, doch der Abstand verringerte sich nicht. Über die Schulter warf sie ihm einen koketten Blick zu, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen.
Er beschleunigte seine Schritte und folgte ihr noch, als sie den Weg in das Dickicht nahm. Die Trommeln waren immer noch allgegenwärtig, doch nahm die Lautstärke ab, erst unhörbar, doch je mehr ihn die grüne Wand in sich aufnahm, desto mehr geriet die hypnotische Musik in den Hintergrund. Immer wieder verschwand sie hinter hohen Bäumen und wucherndem Gestrüpp, aber kaum wallte Panik in ihm auf, eine urtümliche Verlustangst, blitzte ihr lieblich bleiches Gesicht im vollen Schein Landras auf.

Aqua verlor immer mehr die Orientierung, tauchte immer tiefer in das Hinterland ein, bis sich die Umgebung schlagartig änderte. Vor ihm öffnete sich eine Lichtung, die in das schwarz schimmernde Meer überging. Er war gar nicht ins Hinterland Saramees vorgedrungen. Der Weg musste ihn hin und her, schlussendlich aber wieder zum offenen Wasser geführt haben. Ganz zart fühlte er die Musik der Houndi in der Luft, doch schien sie weit entfernt und seltsam dumpf.

Gerade noch sah er sie wie ein Pfeil durch die Luft schnellen, dann durchbrach sie mit einem leichten Platsch die Wasseroberfläche und verschwand in den Tiefen des Ozeans.

Er zögerte, verlangsamte seine Schritte bis zum Stillstand und blickte unschlüssig die Fluten an. Sie, die Phi, hatte lange unterdrückte Bedürfnisse geweckt. Leidenschaften hervor beschworen, die er längst vergessen glaubte. Wie lange war es her, dass er jemanden seiner Rasse getroffen hatte? Und dann eine solche begehrenswerte Phi…

Das Meer rief. Die Verlockung nach dem kühlen Nass und der lang verwehrten Vereinigung ließ ihn rasch handeln. Er entledigte sich seines einteiligen Gewandes, sprang in die Fluten, die herrlich kalt waren. Er tauchte, folgte dem inneren Kompass, der ihn in Spiralen nach unten zog, dem Ziel seiner Begierde folgend.
Das trübe Wasser erschwerte die Sicht, aber schon nach wenigen Zügen hatten sich seine Augen auf die veränderten Bedingungen eingestellt. Während er das Wasser gefühlvoll in seine Kiemen einsog, durchlief ein kaltes Kribbeln seinen Körper. Jetzt war er in seinem Element, schoss durch die Fluten, mal in eine warme Strömung, mal in eine kältere. Weit vorn schwamm die Phi, er verdoppelte die Anstrengung und stellte fluchend fest, dass er nicht näher heran kam. Die Muskeln anspannend erhöhte er die Taktzahl, katapultierte sich nach vorne, seiner Sehnsucht entgegen. Und tatsächlich, endlich verringerte sich der Abstand.

Seine Erregung wuchs.
Er beobachtete, wie sie die Richtung änderte und nach unten abtauchte, er im Gleichklang hinterher. Sie drehte Spiralen, er auch, ein unheimliches, fast lustvolles Ballett.

Ein unbeteiligter Beobachter wäre entzückt, ein solches Schauspiel zu beobachten, durchfuhr es Aqua unwillkürlich.
Immer schneller durchdrangen sie das Wasser, immer wilder waren die Figuren die sie dabei zeichneten, und immer knapper wurde der Abstand zu ihr.
Und urplötzlich war sie verschwunden. Weg!
Für einen Moment blieb Aqua ohne Orientierung, schwamm im Kreis, während Panik ob ihres Verlustes Besitz von ihm ergriff.
Dann hörte er ein rhythmisches Pochen, die Musik der Houndi war zurückgekehrt, hier unten, weit weg von der Lichtung, wo alles begann.
Sein ganzer Körper pulsierte im Takt, war gefangen vom Zauber der einfachen, aber köstlichen Melodie. Ohne es zu merken, hatte er eine bestimmte Richtung eingeschlagen: Der Musik entgegen.
Vor ihm eine Felswand, er glitt hinab, eine Öffnung entgegen, schwamm hinein, angezogen von dem hypnotischen Rhythmus, der ihm fast den klaren Verstand raubte.

Die Röhre endete in einer Höhle, deren Decke er entgegen schwamm, die er aber nicht erreichte, da sein Kopf weit vorher die Wasseroberfläche durchstieß.
Er blickte sich um, während er Sauerstoff in seine Lunge pumpte. Luft, die seltsam schal und muffig roch.
Seine Aufmerksamkeit wurde von einer Bewegung vor ihm in Anspruch genommen. Im hinteren Teil der Höhle stand sie und tanzte herausfordern in Takt der zügellosen Musik.

Er eilte, pflügte durch die Fluten, bis er das Ufer erreichte. Er verringerte das Tempo, schlich förmlich zu ihr hin, schüchtern, fast ängstlich. Seine Beine schienen zentnerschwer, doch der pulsierende Rhythmus der Musik aus dem Irgendwo zog ihn magisch an. Er studierte ihr Gesicht, die feinen Linien um ihre blassen Augen, der Ausdruck von Versprechen in sich spiegelnd. Seine Augen verschlangen ihren filigranen Oberkörper, der fast zerbrechlich wirkte. Er bewunderte ihre Beinmuskulatur, wohl proportioniert und stellte sich vor, wie diese ihn umschlangen, ihn in höhere Sphären der Verzückung trieben. Fast roch er ihre Pheromone, die kurz vor ihrem Höhepunkt seine Sinne vernebelten würden.
Die Musik gewann an Intensität, wurde wild, fordernd, pulsierend, während er immer weiter an sie herantrat. Er streckte seine linke Hand aus, berührte zärtlich, fast ängstlich ihre Wange.
Die Musik verstummte abrupt. Ein letzter, tiefer Ton, zog sich fast bis ins Unendliche.
Ein Kübel heißes Wasser hätte nicht ernüchternder sein können. Doch war das nur der Anfang. Ein harmloser Anfang, der in einem Alptraum enden sollte.

Ihr Körper zerbarst in einer lauten Explosion und überschüttete ihn mit Fetzen von Fleisch, Haut und Muskelgewebe. Blut besudelte ihn von oben bis unten, ein metallischen Geruch verströmend, der Übelkeit in ihm hervorrief.

Unter der zerplatzenden Hülle schälte sich eine graugrüne, kleine, verwachsene Gestalt empor. Dünne Beinchen, die nach außen standen und in platten, mit Schwimmhäuten versehenen Füßen endeten. Der Oberkörper war mager, genau wie die zweigliedrigen Arme, deren lange Finger sich ihm drohend entgegenstreckten. Der runde, scheußlich anzusehende Kopf, in dessen riesige Augen der Wahnsinn hell loderte., ließ Aqua vor Lähmung erstarren, doch bevor die widerwärtigen Finger ihn berühren konnten, wich er zurück, zuerst noch benommen, dann sprintete er los, von Panik ergriffen, dem Wasser entgegen.
Und stoppte abrupt, das Wesen direkt vor ihm erblickend. Sich fragend, wie ein solch schmächtiges Wesen so schnell sein konnte, warf er sich herum und hetzte zurück. Seine Beine wirbelten über den glitschigen Stein, schneller und schneller.

Jetzt nur nicht ausrutschen, dachte er entsetzt, während er weiter rannte und die brennenden Beine ignorierte. Bald hatte er die Höhle durchquert und nahm die nächstbeste Öffnung in der Felswand und hetzte den nächstbesten Tunnel entlang, der sich ihm darbot.
Das blaue Geflecht sorgte für ein unheimliches Zwielicht, reichte ihm aber vollkommen aus. Zielsicher raste er durch die Gänge, sich immer wieder umsehend und einen Schatten wahrnehmend, der ihn daran erinnerte, nur nicht langsamer zu werden.

Was war das nur für ein Wesen? Warum hatte dieses Ding ihn hier herunter gelockt? Und warum gerade ihn?
Aqua konnte sich nicht daran erinnern, jemals etwas Ähnliches gesehen zu haben. Nichts, was so furchterregend war, so ganz gegen das Leben.
Als der Gang einen scharfen Knick machte, stolperte er und rannte in vollem Lauf gegen die Wand. Der Schlag war furchtbar und trieb ihm die Luft aus den Lungen. Aus kleinen Schürfwunden trat Blut. Schürfwunden, die unangenehm brannten in der salzgeschwängerten Luft.

„He! Wohin so schnell?“
Die krächzende Stimme ließ ihn herumfahren. In Erwartung des Wesens spannten sich seine Muskeln, doch ließ er die unwillkürlich geballten Fäuste wieder sinken. Weißes Haar hing lang und strähnig um einen runden Kopf, der ihn dümmlich an griente, ihm einen Schwall übel riechende Luft entgegen schleuderte. Das alte Männchen zeigte mit einem dünnen Ärmchen in den Gang, dem Ding entgegen.
„Kommt bald, nicht jetzt. Hat Zeit. Will…“

Der Alte legte den Kopf schief, als überlegte er und puhlte mit dem knochigen Finger in seinem Ohr Schmalz heraus. Er machte eine Pause, wog den Oberkörper hin und her, dann leuchteten seine Augen in plötzlicher Erkenntnis auf.
„Genießt. Ja, er genießt die Jagd. Kostet sie aus. Das ist seine Nahrung. Ach, wie gut tut es, wieder zu sprechen, wenn es auch nach so langer Zeit ungewohnt ist und im Hals schmerzt. Ist so einsam hier unten. So einsam. Man verliert Sprache.“

Ein meckerndes Lachen verlässt seine Kehle. Während des Gesprächs wandert Aquas Blick wild umher, aber das Männchen scheint Recht zu haben. Das Ding bleibt in der Tiefe des Ganges verschwunden.
„Sag! Wo gibt es einen Ausgang?“
Hämisches Lachen anstelle einer Antwort. Drohend tritt Aqua vor. Das Männchen verstummt abrupt.
„He! Nicht grob, du wilder Mann. Zwei Ausgänge sind da. Den über das Meer hast du wohl genommen. Für den anderen müsstest du fliegen können.“
Aqua blickte skeptisch in die graugrünen Augen seines Gegenübers. Dieser hielt dem Blick stand.
„Zeig mir den luftigen Ausgang!“
„Nun, wenn du unbedingt willst. Folge mir!“

Er ging ohne weitere Worte voran, einen stetig steigend Pfad erklimmend. Aqua folgte ihm, dabei immer wieder um sich blickend.
„Wenn es nur zwei Ausgänge gibt, wie bist du hier hinein gekommen? Den Weg übers Meer hast du wohl nicht genommen.“
„Wie wahr! Wie wahr! Ich stürzte durch das Loch und überlebte nur knapp. Es ist hart, hier zu überleben. Wirklich hart. Die Nahrung ist sehr mager und wenig schmackhaft. Schlimme Sache für einen Gourmet wie mich. Doch jetzt ist mein Zuhause die Welt von Boreal, diesem unersättlichen Wesen von Irgendwo.“
„Du meinst, du weißt nicht, woher er stammt? Woher weißt du denn seinen Namen?“
„Wer weiß!“
Die kryptische Antwort ließ das Gespräch verstummen, sodass Aqua sich auf den Weg konzentrierte, der immer steiler anstieg und das Fortkommen zu einer Qual machte.

„Boreal ist aus einer anderen Welt“, unterbrach das Männchen nach einer Weile die Stille.
„Boreal, dessen Fähigkeiten viele und dennoch wenige sind. Er ernährt sich von der Angst. Auch von deiner Furcht.“
Die großen Augen sahen Aqua mit einer Mischung aus Spott und Furcht an.
„Du hast nur eine Chance, ihm zu entkommen: Töte ihn. Und wenn du ihn nicht vernichtest, wird er dich vernichten. Ein qualvoller Tod, sabbernd vor Angst. Nimm den schwarzen Kristall und drücke diesen ganz tief in sein Herz.“
„Wo ist dieser Kristall?“
„Hör auf deine innere Stimme, dann wirst du ihn finden.“

Damit verstummte das Männchen und blieb still, bis sie an das Ende des Weges gelangt waren. Der Gang endete abrupt, was Aqua zu einem fragenden Blick veranlasste. Die dürren Finger zeigten nach oben und Aqua legte den Kopf in den Nacken, doch sah er in der angegebenen Richtung nichts. Aber mit einem Mal spürte er den Zug, den Hauch frischer Luft, der nach oben und den Weg in die Freiheit wies. Sein resignierender Blick traf das Männchen, dessen feines Lächeln plötzlich Risse bekam. Die Haare fielen aus, die Kopfhaut schälte sich ab und herunter kam das Wesen, das nach eigener Aussage Boreal hieß.
Wahnsinn trat ihm entgegen, Wahnsinn in riesigen dunklen Augen.

Aqua wirbelte herum und floh erneut. Er raste den Weg zurück, halb rennend, halb stolpernd, schon bald aus unzähligen Schürfwunden blutend.
Was hatte Boreal vor?
Er hätte Aqua jederzeit töten können. Oder hatte das Wesen die Wahrheit gesagt? Nährte es sich von seiner Angst?
Dann musste er gerade einen Festschmaus erhalten. Angst trieb ihn durch die Gänge, hilflos und ohne Ziel.
Aber Boreal hatte noch etwas erwähnt: Einen schwarzen Kristall.
Aqua dachte fieberhaft nach.
Auf meine innere Stimme soll ich hören.

Während er weiter rannte, gabelte sich der Weg vor ihm. Welchen Weg sollte er nehmen?
Er trat ein paar Schritte in den linken Gang. Der Odem des Bösen traf ihn wie ein Hieb. Es musste das absolute Böse sein, was sonst in aller Welt konnte eine solch abartige Präsenz besitzen.
Sein Herz verkrampfte sich, Schauer erfassten seinen Körper. Unwillkürlich wich er zurück und seine Beine bewegten sich fast ohne sein Zutun. Je mehr er sich von dem Gang des Bösen entfernte, desto mehr fiel die kalte Umklammerung von ihm ab. Noch ein paar Schritte und er fühlte sich leicht. Seine Zuversicht kehrte zurück. Und mit der Zuversicht das klare Denkvermögen, die Erinnerung an Boreals Worte.
„Nimm den Kristall und drücke ihn in sein Herz.“

Aquas Schritte verlangsamten sich. Unwillkürlich packte ihn eine urtümliche Furcht, als ihn die Erkenntnis ereilte. Es gab nur einen Weg, sich Boreal zu stellen. Fliehen konnte er nicht. Er musste es tun oder er würde sterben.
Alles in ihm sträubte sich auch nur bei dem Gedanken, dem Odem des Bösen erneut entgegen zu treten. Doch was blieb ihm anderes übrig. Wollte er für immer hier unten verweilen? Würde er überhaupt genügend Nahrung finden, oder würde er elendig verhungern?
Er konnte es drehen und wenden wie er wollte. Ihm blieb nur diese eine Möglichkeit. Resigniert machte er kehrt, bis er die Gabelung erneut erreichte. Wie ein Hammerschlag traf ihn die Ausdünstung, doch er wusste, es gab nur diesen einen Weg.

Er rannte los, das Herz verkrampft, mit zitternden Beinen, die immer langsamer wurden und ihm bald den Dienst versagten. Er kämpfte sich vor, Meter um Meter, während die unheilvolle Präsenz Übelkeit verursachte und gleichzeitig sein Herz rasen ließ, als hätte er sich stundenlang verausgabt. Er fühlte, als wate er durch zähen Schleim, das Böse schien förmlich die Luft zu verdichten. Er sammelte seine Kraft und schritt weiter voran.
Und prallte zurück. Vor ihm stand sein Vater, die Hand drohend erhoben und beschimpfte ihn mit seiner hohen Stimme: „Du hast dein Volk verraten, indem du dich deinen Pflichten entzogst. Du hast die Verantwortung abgelehnt und bringst Schande über das Volk der Phi. Du elender Versager hast deiner Mutter das Herz zerbrochen. Mögest du in der Hölle schmoren.“

Aqua duckte sich, wie es bei seinem Volk üblich war, wenn der Vater schimpfte. Der Vater, der immer Recht hatte. Der Vater, der gestorben war und ihm dadurch die endgültige Trennung von seinem Volk ermöglicht hatte. Die Gestalt konnte nicht sein Vater sein. Die Erkenntnis ließ die Illusion platzen. Aqua schüttelte sich kurz, dann setzte er seinen Weg fort.
Er sah Rune Flock, einen kostbaren Schatz in einer funkelnden Truhe, unendlich viel Blut und ihn, zerfetzt bis zur Unkenntlichkeit.
Markele!

Tränen rannen über Aquas Wangen, während er seine Verzweiflung lauthals herausschrie. Aber nichtsdestotrotz ging er weiter. Der Schmerz zerriss ihm fast das Herz, hielt ihn gepackt, aber die Erinnerung an Markele hielt ihn aufrecht, gab ihm Kraft. Markele hätte nicht gewollt, dass er wie ein weinerliches Kind stehen blieb und sich der Verzweiflung hingab. Der Gedanke gab ihm Mut und er schritt voran.
Immer mehr Bilder aus seiner Vergangenheit prasselten auf ihn ein, konnten ihm aber jetzt nichts mehr anhaben. Egal, ob es die Angst war, das erste Mal alleine zu tauchen, sein Versagen beim Liebesspiel mit Almeida, all das konnte ihn nicht stoppen.
Markele gab ihm Kraft und so schüttelte er die Präsenz ab und näherte sich weiter seinem Ziel.
Plötzlich trat ihm eisiger Wind entgegen. Wind, der zu einem Orkan anschwoll, an seinen Haaren riss und ihn fast zurückstieß.

Er rollte die Schultern ein, presste die Arme eng an den Körper und stemmte sich dem Sturm entgegen.
Der genauso plötzlich verschwand wie er aufgekommen war und einer Eiseskälte Platz machte.
Eine tiefe Traurigkeit nahm Aqua gefangen und stürzte ihn in absolute Verzweiflung. Tränen rannen in Strömen über Aquas Gesicht, die Glieder zitterten wie Espenlaub, doch er kämpfte sich weiter nach vorne, dann sah er ihn:
Ein tiefschwarzer Kristall, den ein bläuliches Leuchten umgab.
Mit dem Blickkontakt fiel die Verzweiflung von ihm ab, die Illusionen der Vergangenheit verschwanden und er fühlte sich unglaublich leicht, fast trug ihn etwas wie Euphorie die letzten Meter nach vorne. Er machte den letzten Schritt und ergriff den Kristall.

„Du hast es geschafft. Meine Wahl war die richtige gewesen. Eine Ewigkeit musste ich auf diesen Moment warten. Endlich ist es soweit und meine Erlösung nahe. Schick mich zurück in meine Welt.“
Aqua drehte sich herum und blickte erneut in die Augen, in denen der Wahnsinn loderte. Ein unwiderstehlicher Sog bildete sich. Aqua nahm den Kristall, der lebendig wirkte. Eine unnatürliche Lebendigkeit, die Verspottung wahren Lebens. Er fühlte das konzentrierte Böse, erschauerte und rammte den Kristall Boreal mitten ins Herz.
Boreals schrie auf, dann klärte sich sein Blick. Fast schien er Aqua voller Zuneigung anzublicken, bevor er durchscheinend wurde und langsam verblasste. Wenig später war er endgültig verschwunden.
Mit einem Mal fiel eine unendliche Last von Aquas Schultern. Der Druck um sein Herz verschwand und es wurde merklich wärmer. Der Odem des Bösen streifte ihn ein letztes Mal, dann verflüchtigte sich Boreals Präsenz ins Nirgendwo.

Aqua taumelte ein paar Schritte, dann wurde es dunkel um ihn. Der Mantel der Bewusstlosigkeit nahm ihn gefangen.

Mit schwerem Kopf erwachte Aqua. Sein Herz fing an zu rasen. Er öffnete die Augen und hob den Kopf, den Blick panisch nach rechts und links wirbelnd, bevor er erleichtert zurücksank. Den sandigen Boden spürend, sprang er auf und blickte sich um. Die Lichtung war leer, die Houndi verschwunden.
Ein Gefühl der Desorientierung breitete sich in ihm aus. Wie kam er hierher, zurück zum Ausgangspunkt des gestrigen Abends?
Er spürte ein Ziehen im Nacken, ein untrügliches Zeichen für einen Kater. Er konnte sich nicht erinnern, gestern Rauschmittel zu sich genommen zu haben. Er war sich sicher, einzig von der Musik der Houndi berauscht gewesen zu sein. Doch alles sprach dagegen.
Boreal!

Seltsam unwirklich war die Erinnerung an ihn und je länger der Schlaf von ihm wich, desto mehr verblasste sie und schon nach wenigen Minuten war er sich sicher, dass er sich alles nur eingebildet hatte, berauscht von der Musik der Houndi und der süßen Frucht der Yang-Pflanze.

Die Benommenheit abstreifend ging er los, dem Sündenpfuhl Saramee entgegen. Es wurde Zeit für ein richtiges Abenteuer.
Doch ganz hinten in seinem Bewusstsein meldete sich leise die Stimme des Zweifels.

 

Story:

Überarbeitete Fassung.
Ursprünglich erschienen in
Chris Weidler (Hrsg.) – In den Gassen von Saramee, Atlantis Verlag, 2008

Kurzinfo:
Die Stadt Saramee – ein Schmelztiegel von Abenteurern, Glücksrittern, Vertriebenen und verlorenen Existenzen auf der Suche nach einem neuen Weg zum Leben, Ruhm, Reichtum und einen Neuanfang. Doch werden sie ihr Glück in Saramee finden …?
Saramee ist eine Shared World Serie in Tradition der Diebeswelt Geschichten von Robert Asprin. 2002 aus der Taufe gehoben, erschien die Serie von 2005 – 2012 im Atlantis Verlag. Da alle Bände inzwischen verlagsseitig vergriffen sind, startete 2014 die Neuauflage als E-Book.
Duftgarten ist die erste in einer Reihe neuer Geschichten, auf die sich der Leser im Laufe des Jahres 2016 freuen darf.
Hintergrundinformationen zur Serie finden sich auf www.saramee.de

Michael Schmidt

Michael Schmidt

Michael Schmidt wurde 1970 in Koblenz geboren. Er veröffentlichte bisher über 60 Kurzgeschichten, die sich quer durch alle Genres bewegen und oft den Rahmen des Gewöhnlichen sprengen.
Als Herausgeber zeichnete er schon für diverse Anthologien verantwortlich. Zwielicht gewann dabei dreimal in Folge den Vincent Preis.
Seine Kurzgeschichtensammlungen sind bei Create Space Publishing erschienen.

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[…] Antreiber, Michael Schmidt, konnte parallel eine etwas ältere Story dort unterbringen, Aqua, ursprünglich im Band In den Gassen von Saramee erschienen und findet sich auch in dem eBook Der […]

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