Anne Rice

Anne Rice, respektvoll Königin des modernen Schauerromans genannt, begeistert mit ihren Geschichten ein Millionenpublikum. Ihr Garant für erstklassigen Lesegenuss: Gute Recherche und ein Schreibstil, der poetisch und modern ist. In die Liga der erfolgreichsten Horror-Schriftsteller/-innen weltweit hat sie es mit ihrer zehnbändigen Chronik der Vampire geschafft, den einen absolut ruhmreichen Wurf freilich verdankt sie einem Interview. Und dessen grandioser Verfilmung, die ihrer Definition des Bösen so phantastisch gerecht wird:

“Das Böse ist nicht einfach eine unzweideutige Perversion, etwas, das schlicht der dunklen Seite der menschlichen Seele entspringt. Das wirklich Böse in der Welt ist eine komplexe und oftmals verführerische Sache, es hat etwas Schillerndes und Glänzendes.” (Anne Rice)

Anne Rice
Anne Rice

Anne Rice, geboren 1941 in New Orleans, getauft auf Howard Allen O’Brien, ein phantasievolles Mädchen mit irischem Blut und streng katholischer, gleichwohl kreativer Erziehung, wusste schon als Sechsjährige, was wie will: Anne als Vornamen. Und schreiben. Dabei blieb es.

Auf der High-School begegnete sie in der Redaktion der Schülerzeitung ihrer großen Liebe, dem amerikanischen Lyriker Stan Rice (1942 – 2002). O’Brien und Rice heirateten 1961 und machten beide ihren Abschluss an der San Francisco State University, Anne in Politikwissenschaften, später einen zweiten in Literatur wie ihr Ehemann. 1966 kam Tochter Michele zur Welt, die schon als Kleinkind an Leukämie erkrankte und 1972 starb.

Nach dem Trauerjahr, gezeichnet von Kummer, Verarbeitung und zu viel Alkohol, setzte sich Anne Rice, von Ehrgeiz und Lebensmut wieder gepackt, an ihren Schreibtisch und verfasste in nur fünf Wochen Interview mit einem Vampir. Ihrer toten Tochter widmete sie dabei die Rolle des Vampirmädchens Claudia, das als Kind gebissen und damit nie erwachsen, nie ein reelles Leben führen wird. Bei ihrer Hauptfigur Lestat schwebte Ehemann Stan ihr optisch vor.

Rice schickte das Manuskript, basierend auf einer ihrer Short-Stories aus den 1960ern, an verschiedene Adressen, erhielt nur Absagen. Der Ablehnung zu trotzen war ein absoluter Glücksstreich: Letztendlich griff 1976 ein New Yorker Verlag (Alfred A. Knopf, Originalausgabe) beherzt zu, und direkt nach Erscheinen sicherte sich Paramount die Filmrechte und damit 223 Millionen eingespielte Dollar. Allein in Deutschland zählte man 1,61 Millionen Kinogänger. Das war 1994, bis dahin ruhte der Vampir auf Studio-Eis.

Nun dauerte es zwar genannte achtzehn Jahre, bis unter der Regie von Neil Jordan Interview mit einem Vampir weltweit auf die Leinwand kam und bombastisch einschlug, aber die lange Zeit dazwischen nutzte Rice in jeder Beziehung goldrichtig: Privat beschenkt, – 1978 wurde Sohn Christopher, heute selbst Schriftsteller, geboren -, spornte der phantastische Erfolg ihres Debütromans sie an zu weiteren Geschichten über die Welt und das Sein der Vampire, speziell ihres blutsaugenden Hauptgalans Lestat.

Die erste Fortsetzung, The Vampire Lestat (Fürst der Finsternis), erschien 1985, 1988 folgte The Queen of the Damned (Die Königin der Verdammten) Unter dem Titel des dritten Bandes wurden beide Bücher 2002 auf die Leinwand gebracht (Regie: Michael Rymer, mit Stuart Townsend als Lestat), man versprach sich natürlich viel vom Stoff nach Jordans goldenem Treffer, aber der Film floppte. The Tale of the Body Thief (Nachtmahr) erschien dann 1992 , der Rest ist zehnbändige Chronik-Legende, die bis dato mit Prince Lestat (2014) endet.

1990 startete Anne Rice mit The Witching Hour (Hexenstunde) noch eine zweite Buchreihe. Die “Hexensaga” wurde von den Kritikern gelobt, von den Lesern weniger enthusiastisch als erhofft angenommen. Ergo antwortete sie auf die gewaltige Resonanz, die sie nach der Verfilmung von Interview mit dem Vampir erlebte, bereits ein Jahr nach dem Kinostart mit einem weiteren Band für ihre Vampir-Serie: Memnoch the Devil (Memnoch der Teufel).

Prachtvampire: Claudia, Louis und Lestat (Kirsten Dunst, Brad Pitt und Tom Cruise)
Prachtvampire: Claudia, Louis und Lestat (Kirsten Dunst, Brad Pitt und Tom Cruise)

Ihr treues, auf die Düsternis ihrer traurigen, trotzigen, wilden und einsamen Heroen der Nacht fixiertes Publikum dankte es. Zumal es für so manchen wohl der Film mit Star-Crew Tom Cruise, Brad Pitt, Anonio Banderas und Kirsten Dunst in bester Biss-Atmosphäre made in Hollywood für die Schön(st)en der Nacht gewesen ist, der ihn Blut auf die Bücher dieser Frau aus New Orleans (Rice) hat lecken lassen.
Rice hatte auch am Drehbuch mitgeschrieben, im Teamwork mit Regisseur Jordan, den sie damals eindringlich davor warnte, ihren Prinzen Lestat mit Tom Cruise besetzen zu lassen. Der war und sah so anders aus als ihr Mann Stan, an dessen Bild sich ihre Vorstellung von einem kräftigen, maskulinen, vielleicht (auch) bärtigen Vampir orientiert hatte. Kurzum, den wollte sie partout nicht, dieser Beau und Lestat, das sei wie Gangsterface Edward G. Robinson (Little Caesar, Key Largo…)und Ur-Gentleman Rhett Butler (Clark Gable, Vom Winde verweht):

„I was particulary stunned by the casting of Cruise, who is no more my Vampire Lestat than Edward G. Robinson is Rhett Butler.“

Ihr Urteil revidierte sie freilich schnell, mehr noch, sie schwärmte lange vor dem Filmstart in den höchsten Tönen von ihm und war geradezu auf verklärte Art selig, als sie ihn dann erstmalig auf gigantischer Leinwand in voller Vamirpracht sah.

„From the moment he appeared Tom was Lestat for me.“

Er war’s.
Besser geht nicht. Und das gilt, mögen auch passionierte, gar kompromisslose Rice-Fans jetzt heftig protestieren, gleichermaßen für die Autorin selbst. Deren zweifellos große Begabung zeigt sich zwar nicht nur in ihrer Vampir-Chronik, – in ihrer literarischen Schatztruhe befinden sich auch erotische Werke (Dornröschentrilogie), historische Romane ohne phantastischen Background und über das Leben Christi (2005: Christ the Lord: Out of Egypt, 2008: The Road to Cana), und, irgendwo in der Ecke, auch unter Pseudonym veröffentlichte Artikel im Playboy und in der Vogue -, aber die gilt als ihr unumstritten schriftstellerisches Erbe.

Anne Rice verließ New Orleans 2005, drei Jahre, nachdem ihr Ehemann Stan mit nur sechszig Jahren verstorben war, , und zog nach Kalifornien. Im gleichen Jahr hatte das Musical Lestat (Elton John, Bernie Taupin) in San Francisco Uraufführung. Die Kritiken waren gemischt. 2006 startete es in einer überarbeiteten Version am Broadway. Doch auch in New York waren Publikum und Kritik von „Lestat“ enttäuscht.

In diese Zeit fällt ihre stark religiös gefärbte Schaffensphase, die man als durchaus charakteristisch für eine Frau bezeichnen kann, die sich in ihrem Leben ständig mit der Glaubensthematik konfrontierte. Die katholisch erzogene Autorin war (und ist) stets zweifelnd, hat aber immer klar Stellung bezogen, bekannte sich zum Atheismus (nach dem Tod ihrer Tochter), fand den Glauben wieder (nach dem Tod ihres Mannes), äußerte sich 2010 erneut kritisch der Institution Kirche gegenüber, betonte aber, sich deshalb nicht abgewandt zu haben.

Louis vor einem Biss, den er nicht geben will
Louis vor einem Biss, den er nicht geben will

Einen schöner Satz fällt in diesem Zusammenhang. Für Rice sind Christus und Louis, ihr grüblerischer, sensibler Vampir an der Seite des sarkastischen, kühl überlegenen Lestat im Interview…, sanfte Brüder im Geiste. Beide auf der Suche nach Sinn und Erkenntnis. Sie sagt:

„At its core, Christ The Lord is the story of a boy’s search for truth, for identity, for meaning. In that way, it’s not so different from Louis’ search in Interview With The Vampire.“

Das klingt irgendwie ordentlich und mag auch gelten, für wen es passt.

Literarisch begab sich Rice nach ihrer öffentlichen Erklärung 2010, der ein gleichfalls öffentlicher Schlussstrich unter Vampire und andere Schattenwesen einige Jahre zuvor vorangegangen war, wieder in die Welt der nächtlichen Verwandlung. The Wolfe (2012, dt. Das Geschenk der Wölfe) und The Wolfs of Midwinter (2013) kamen, gedacht als erste Bände einer geplanten Werwolf-Chronik, heiß erwartet auf den Markt, wurden auch angenommen, stießen aber längst nicht auf so viel Enthusiasmus wie Lestat, Louis, Armand & Co. Es folgte ergo 2014 Prince Lestat, der Zehnte.

Es kann nur einen geben
Es kann nur einen geben

Gleichfalls 2014 wurden die Filmrechte an ihren gesammelten Vampir-Werken verkauft. Und hier bleibt nur zu spekulieren. Das zu erhoffende Mammut-Projekt kann natürlich ganz und gar großartig werden, und Rice selbst wird sich hoffentlich als (auch) erfahrene Drehbuchautorin mit einbringen. Aber ob Interview mit einem Vampir, der legendäre erste Teil, zu toppen ist?

Für Rice unmöglich. Sie schwärmt von Tom Cruise als dem einzig Wahren, der nunmehr ihr Hamlet auf ewig sein wird:

„I like to believe Tom’s Lestat will be remembered the way Olivier’s Hamlet is remembered. Others may play the role someday, but no one will ever forget Tom’s version of it.“

Highlander mit Biss. Es kann nur einen geben. Eben.

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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6 Kommentare auf "Anne Rice"

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Erik R. Andara
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Memnoch the devil gehört zu einem der besten Bücher, die ich jemals lesen durfte! Der Mythos, den sie um Lestat bildet, vor allem mit ihrem riesigen, historischen Wissen, ist phänomenal!
Und die Original-Verfilmung kann glaube ich nicht geschlagen werden;

Michael Perkampus
Webmaster

Ich finde die ganze Reihe in Sachen Vampire unerreicht, gefolgt von Necroscope (Brian Lumley).

Erik R. Andara
Autor

Und Kim Newman habe ich auch am Plan und im Regal stehen, ich habe gehört Anno Dracula soll auch ziemlich unerreicht sein.

Michael Perkampus
Webmaster

Dazu kann ich gegenwärtig leider nichts sagen 🙂

Erik R. Andara
Autor

Ich sag Dir dann, was ich davon halte, wenn ich´s vor Dir durchhabe 😉

Michael Perkampus
Webmaster

Musst du wohl… mein Leseweg führt mich ganz woanders hin.

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