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Angst in Weiß

(Titelbild aus: When animals dream, copyright: Alpha Ville Pictures Copenhagen, 2014)

Meine Phantasien machten meine Mutter nervös. Ich mochte die Farben aus dem Malkasten nicht, mischte wild und düster und zauberte schlammgrüne Fische aufs Papier, die sich in schwarzbraunem Wasser tummelten. Sie war sehr besorgt. Selbst ihr anfänglicher Stolz auf meine Leidenschaft für die hohe Kunst des Reimens, die mich im Alter von acht Jahren gepackt und mich freilich mit all ihrer lästigen Langeweile rasch wieder verlassen hatte, wich ungeliebt von ihr dem leidigen Kummer über mangelnde Fröhlichkeit.
„Sei nicht so düster, das ich nicht gut für dich.“ Sagte sie streng, zog argwöhnend und doch so gottgegeben lächelnd, wie Mütter eben lächeln, die Augenbrauen zusammen, wenn ich ihr wortlos ein weiteres Blatt Papier gereicht hatte, um ihr ein neues Gedicht zu schenken.

Schaurig schön das Blut in seinen Augen
will an Deiner Kehle saugen
will nicht artig essen
will zerfetzen
will Dich kauen
will Dich fressen.

Meine Verse gefielen ihr nur bedingt. Trotzdem verwahrte sie meine kindliche Poesie beinah ranggleich mit dem goldblonden Löckchen und meinem ersten Zahn in einer Zigarrenkiste auf, die unter ihrem Bett stand, gleich neben der meines kleinen Bruders Daniel, der es verstand, meine keifenden Eltern mit seiner unbekümmerten Leichtigkeit auszusöhnen. Er war noch dumm und stellte sich vor, später mal ein Held zu werden, ein Retter der Welt mit speckigem Cowboyhut und Laserpistole.

Ich stellte mir vor, in der Leichenhalle zu liegen und aufzuwachen in einem weißen Nachthemd aus Spitze, ähnlich dem meiner Tante Elsbett, die noch nicht alt und sehr tot fotografiert worden war, was mich fasziniert hatte. Ein Bild, das meine Mutter nicht sonderlich mochte. „Irgendwie schon schön gruselig“, sagte sie gern und oft, wenn sie mich misstrauisch dabei beobachtete, wie ich ihre bleiche Schwester ansah, immer wieder, bis sie „Schluss jetzt, nichts für Kinder!“ sagte und es mir wegnahm, um es zu verstecken. Ich fand es stets, ich roch das Verbotene und wusste, was mir gefallen wollte.

Und mir gefiel der Gedanke, in meinem Sarg ganz unverhofft die Augen zu öffnen, Kerzen am Fußende, Lilien auf dem bestickten Kisschen, das Haar nicht geflochten, die Hände brav auf der unreifen Brust gefaltet, vielleicht ein Kreuz am Hals, das goldene mit dem Rubin, das meiner Mutter gehörte und das sie mir vermutlich im Leben nicht mitgegeben hätte auf meinen Weg nach ganz da unten, wo der Moder duftet. Welch Genuss für mich, mir auszumalen, wie ich das milchige Fensterglas im Totenschauhaus, wie unsere Nachbarin Else Goldmann die jüngst erst im viel zu frischen Orange gestrichene Halle am Heiligbrunner Friedhofseingang nannte, mit einem Holzkreuz zerschlagen würde, um in die Nacht hinausklettern zu können, barfuß, in bodenlangem Kleid, um nach Hause zu laufen, dorthin, wo sie weinten und nicht schlafen konnten. Wie ich gegen die Tür hämmern würde, Gewittergrollen in meinem Nacken, nass geregnet von den dicken Tropfen, die mir der Himmel dem Anlass gebührend gegönnt hätte. Wie ich sie ansehen würde, ihre verheulten Gesichter hinter Händen und Tüchern versteckt, die schwarze Kleidung bereits gereinigt, der Kranz bestellt. Dunkelrote Rosen, die gelbe Schleife mit dem letzten Gruß, die Anzeige im Lokalblatt längst schon bezahlt. „Unser geliebtes Töchterchen …“

Wie ich dort vor ihnen stehen würde, künstlich gepudert, die Knochen noch steif vom Liegen auf dunkelblauem Satin, anklagend, zufrieden, ihnen ihre monotone Ruhe zu nehmen: „Lebendig begraben. Fast, fast. Aber ich bin nicht tot. Lebe, atme, könnte schreien, flüstere nur.“ Und dann, während ich leise sprechen würde, leise, langsam, einprägend genug, um sie erstarren zu lassen, unfähig, auch nur einen Hauch Glück empfinden zu können über die heimgekehrte Tochter, die sie am nächsten Morgen kühler stummer Erde hätten überlassen müssen, können, wollen, vielleicht auch zu meiner Missbilligung wollen, würde ich auf sie zugehen, mit abgespreizten Armen und den geöffneten Händen des Predigers, ein Lächeln von mir, das selbst mich nervös gemacht hätte. „Lasst euch umarmen.“

Meine armen Eltern. Insgeheim empfinde ich eine Art Mitgefühl, möchte sie trösten. Immerhin habe ich mir in meinen selbst inszenierten Träumen nicht die Finger blutig gekratzt, habe mich nicht durch jung aufgeworfenen Torf gewühlt, um zu ihnen zurückzufinden, mit violetten Schatten unter den Augen, die den Wahnsinn herausbrüllen. Ich bin einfach so nach Hause gekommen, unerwartet, aber irgendwann, so denke ich mir, wieder geduldet wie eine Katze, die nicht liebt und trotzdem nicht verschwindet. Eine wunderbare Vorstellung. Dachte ich unbekümmert, ein wenig boshaft und doch so prinzipiell folgenlos. Bis ich Jahre später Gerlinde traf.

Gerlinde Overstolz war eine Heimatlose im weißen Totenhemd, die nicht gehen wollte. Mein Entsetzen bei unserem ersten Zusammentreffen war kaum nennenswert, so fremdartig die junge Frau mit der feinen Spitze am Hals und an den Handgelenken mir auch hätte erscheinen müssen, die ihre nackten Zehen gedankenverloren in die Erde bohrte, während sie auf einem flachen Grabstein hockte und ihre Lippen bewegte, um lautlos zu beten oder zu fluchen. Es war grad so, als würde sich ein Tor für mich öffnen, durch das schlafwandlerisch sicher zu schreiten mir und nur mir allein gestattet war. Auf einem zweiten Grabstein, der unter dem mächtigen Ahorn platziert war, lag eine zusammengerollte Katze, die sie unentwegt anstarrte, als würde nur sie sehen, wer noch dort saß und sich den Schatten, den die dichte Baumkrone schenkte, mit ihr teilte. Es war ein trockener, heißer Sommertag, den ich mir ausgesucht hatte, um Heiligbrunns Tote zu besuchen, und ich war zur ausgewählten Mittagsstunde so gut wie allein unterwegs. Was mir stets ein besonderes Vergnügen bereitete, denn so konnte ich hier und dort verweilen, um unbeobachtet mit ihnen zu plaudern.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich es bereits geschafft, mein Leben recht angepasst und unauffällig zu normalisieren, behielt meine Bilder für mich und war beliebt, weil ich es mir beigebracht hatte, mich lachend und schön gemacht amüsieren zu können. Kaum noch einen Gedanken verschwendete ich auf das hilflose Unverständnis, das meine von unnötiger Sorge geplagte Mutter mir damals entgegengebracht hatte, hörte sie nur noch aus mir fremd gewordener Ferne jammern. „Sei doch glücklicher, Kind, was habe ich denn falsch gemacht?“

Sie schenkte mir weiße Söckchen und rosa Haarspangen, kämmte mein Haar und tanzte mit mir zu einer Musik, die sie nur mir zuliebe mochte. Plauderte von netten Jungs – „Später einmal, Goldie, wollt’s nur schon mal sagen …“ – und brachte mir die Zeitschrift mit, die ich heimlich auf der Toilette las, obwohl es ja offiziell war. Ich dachte an das Mädchen, das sich für die Leute im Spital in eine Linde verwandelt hatte, um die Nachtigall wieder singen zu lassen, während ich auf dem Deckel hockte und mir das erste Mal meiner Schulfreundinnen vorstellte. Ich selbst betastete mich, aber so recht in Ordnung war meine Welt nicht. Fremde Berührungen gefielen mir nicht, und Männer auf und in mir duldete ich später, weil sie mich bis zur Peinlichkeit begehrten. Vermutlich war ich sehr schön, es interessierte mich nicht, denn ich las meine Bücher und träumte meine Geschichten. Und wenn ich wollte, dass Hitze durch meinen Körper strömt, sah ich mich in meinem Sarg, sah, wie ich die Augen öffnete, sah mich hinaussteigen, um zu ängstigen, sah, dass es gut war. Für mich.

Gerlinde Overstolz hatte diese angstmachende Angst, die ich nicht kannte, die ich mir nur vorstellte und die mich auf diese ganz besondere Art glücklich machte. Irgendwann mal.
„Ich fürchte mich davor, zu gehen.“ Sagte sie, die Tote, der es nicht vergönnt gewesen war, sich wieder zu erheben. Irrte einfach so umher, kauerte auf Grabsteinen, knabberte an ihren Fingernägeln, sah glatt durch mich hindurch und sprach mit der Katze: „Ojeojeoje, wo soll ich hin, was soll ich hier, dunkel alles, will nicht wissen, will nur bleiben, warumwarumwarum.“

Ich stand dort neben dem weißen Flieder, atmete ihn und rauchte, um den süßen Duft zu vertreiben. Sie schnupperte, zog die spitze graue Nase kraus, schien mich erst jetzt zu bemerken. „Gib mir eine, lass mich ziehen. Einmal noch, einmal noch.“ Senkte den Kopf in den Schoss, heulte auf, richtete sich wieder, starrte mich böse an. „Aber ich kann ja nicht, kann nicht mehr. Du bist schuld, schuld bist du. Sanfte Unschuld, weiche Haut. Riechst knusprig, lass mich dich umarmen, Schwester.“

In diesem Moment fühlte ich ein aufdringliches Mitgefühl, das mir fremd und lästig war und doch in mir brannte. Kurz nur, bevor ich wieder kalt werden wollte, lang genug, um ihr in die Augen zu blicken, hellbraun, gelbstichig, dunkelgraue Sprenkel, weiß mit viel Schwarz vermischt. Trotzig, verschlagen, wie ich befand, ohne wirklich davonhasten zu wollen, weg von dieser Frau, die strenggenommen gar nicht dort hätte sitzen dürfen, wäre meine Mutter, wäre Else Goldmann gefragt worden. Gott, Else! Hätte ich die arme Seele doch bloß nicht hineingezogen, hätte ich doch bloß ihren Zorn nicht entfacht, der mich endgültig um den Schlaf der Unbekümmerten bringen sollte, den ich für mich so sauber und gedankenlos schätzen gelernt hatte.

Gerlinde Overstolz, diese armselige Gestalt auf ihrem Grabstein, war vorerst für mich nur eine traurige, eine lächerliche Figur. Ich nahm mir vor, mich mit ihr zu amüsieren, so, wie ich sie dort hocken sah, eingesunken, das Haar strähnig, älter, als sie war. Boshafter, als sie es vielleicht jemals gewesen ist, damals, als sie sich noch Zöpfe flocht, um sie wie einen Kranz um den Kopf zu legen, fest gesteckt mit silbernen Nadeln. Ich hatte große Lust, meinen Kopf derartige Bilder malen zu lassen, ließ sie erzählen, obgleich ich ihr Worte in den Mund legte, die vielleicht auch nur in mir herumspukten wie Fliegen, die sich ums Verrecken nicht vertreiben lassen. Und irgendwann gefiel mir das Summen im Ohr.

Gerlinde Overstolz. Gestorben mit neunundzwanzig, schandhaft selbst gerichtet, wie Else Goldmann es missbilligend formuliert hätte, die gefräßige nette einfache fette Else mit ihrer hausgemachten Billigdauerwelle und ihren pinkfarbenen Plüschpantoffeln, die Amenamenamen sagte, wenn sie über ihren längt schon gefressenen Edgar sprach, ein „übler Taugenichts, versoffen, ungeputzte Zähne, Hosenträger und Korn im Kleiderschrank, schlimmschlimmschlimm“. Und bitte Amenamenamen. „Habe Gott ihn trotzdem selig.“

Habe Gott auch Else selig. Flüstere ich heute, verschämt im Nachhinein, wenn mich niemand hören kann. Habe er mich noch seliger, bete ich inbrünstig, ungewohnt für mich, die niemals erschauerte, wenn sich in ihrem Hirn Zähne in fleischige Kehlen bohrten. Oder gar Lebenskraft saugten. Wie Gerlinde.

Gerlinde Overstolz konnte, so stelle ich mir das vor und weiß es auch, nicht darüber hinwegkommen, dass ihre Marie als Totgeburt ins Leben und Sterben und Nirgendwo gekommen war. Verschwunden. Kein Laut. Kein Schrei. Keine Spur, die zu ihrer Brust führte. Kein Brei auf dem Herd.

Eine glatzköpfige Puppe, ein hölzernes Schaukelpferd, das ungeritten blieb. Weg! Ab in die Erde! Ein Mann, der ihr das Nachthemd nicht mehr hoch schob, um in ihr die Hitze zu leben, die mit Marie gestorben war. Ein Mann, der das Messer da unten und oben in der Kehle verdient hatte. Dem sie folgte, indem sie sich aufschnitt, um in ihrem warmen Blut zu baden. Große Lust, die letzte. Und jetzt? Irrte die Unglückselige umher, der ich Frieden zugetraut hatte. Sonst hätte ich ihr diese Umarmung nicht geschenkt. Nicht meine. Eine mütterliche, alte, faltige, die nach Mottenkugeln, Kirschtörtchen und hoch gepumptem Magensaft roch. Wäre ich weitsichtiger gewesen, hätte diese gelbstichigen Augen mich misstrauischer gemacht.

Die Umarmung. Sie bettelte darum, während sie sich steif und doch so geschickt behände von diesem lausigen Grabstein erhob und auf mich zu torkelte, das Kinn selbstbewusst in der Höhe, als wollte sie beweisen, welche Kraft noch in ihr steckte, tot, wie sie war. Untot, wie ich sie erkannte. Ich dachte an mich, sah meinen viel zu schlanken, großen Körper mit den krummen Zehen und den schmalen Fingern, die das Kreuz an meinem Hals umklammerten, gottlos, aber eitel und wundersam, wie ich war. Sah mich im Sarg, in den ich nicht gehörte, hörte mich wieder und wieder klopfen an die Tür, hörte meine Mutter weinen, sah den grauen Vater, hörte mich klagend, böse rufen: „Aber ich lebe. Verflucht, ich lebe.“

Denke ich jetzt, nass geschwitzt und mit einer Wachsamkeit gestraft, die ich zuvor nicht gekannt habe, schlaflos auf feuchtem Laken an mich zurück, denke ich an Gerlinde, deren Geschichte ich erraten habe, ohne ihrer Stimme Beachtung zu schenken. Denke an Else, die ich verraten habe, frage großkotzig, aufgebracht, selbstgefällig und ärgerlich Gott, den ich stets ungern gefragt habe, warum ich jetzt Angst haben muss. Lebe ohne besser, lebe nunmehr für den Morgen, der die Geräusche und Krallen der Nacht vertreibt.

„Umarme mich. Brauche Saft.“ Gerlindes Aufforderung bin ich nicht nachgekommen. Bin kein Freund der Menschen. Bin kein Freund der Toten. Bin selbst nur vergänglicher Spuk. Ich schickte ihr Else. Else mit dem Rosenkranz, die nach Melisse und Saurem roch und die vermutlich nur für ihre viereinhalb Kinder – Hennes war mausetot mit elf umgefallen – die Beine ordnungsgemäß breit gemacht hatte.

Am Tag nach meiner Begegnung mit der Unglückseligen im weißen Hemd, die vielleicht so niemals stattgefunden hat und vielleicht doch, unternahm ich diesen Ausflug mit Else Goldmann, befreite sie von ihrem Tee mit Rum, verpackte sie sanft in ihrer karierten Wolldecke, die nach alten ungewaschenen Füßen roch, bestrich ihre gekräuselten Lippen mit glänzendem Rosarot, weil sie hübsch sein wollte für das da draußen. Kämmte ihre falschen Locken und besprühte sie mit Zitrone, ließ sie geduldig über den viel zu kühlen September schimpfen, versprach ihr, auf dem Rückweg Melissengeist zu besorgen, um die Glieder wieder in Ordnung zu bringen. Rollte sie in ihrem Stuhl zu Edgar, ließ sie Moosröschen mit Schleierkraut ablegen, ließ sie raunen. „Edgar, Edgar, Kummer hast du mir gemacht. Bete für dich. Leide du nur. Hurenbock. Bete für dich. Und Amenamenamen, zehn Vaterunser, vergib und dulde.“

Ich rauchte, wartete, schob sie dann zu Gerlinde, ohne auf ihren Protest zu achten. „Wo geht’s hin, Kindchen? Kalt hier, will nach Hause.“ Kaspar Hoffkens stand auf dem Grabstein, war gar nicht Gerlindes, trieb sich da nur rum, egal, machte mir keine Gedanken darüber. Schob sie hin und ließ sie dort stehen, wartete auf Gerlinde, auf die Umarmung. Dachte mir, die hält das schon aus, lässt sich kurz drücken. Und ruhet allesamt in eurem verdammten Frieden. Dachte mir, ist schon alles richtig so. Bist du selbst doch einwandfrei zu dunkel, zu düster, das schafft die Else besser, gibt Mut, gibt Kraft, und ab mit dir, Gerlinde, endlich, endlich in den Himmel oder sonst wo hin, kurzer Abstecher in den Fegekeller, denn Mord und Selbstmord kann man sich ja nicht einfach so weg philosophieren. Da muss anständig gereinigt werden.

Dachte ich und gönnte. Zwinkerte Else, die mich nicht sah, weil sie mir in ihrem Rollstuhl den Rücken zukehrte, verschwörerisch mit einem meiner schwarzen Augen zu. „Mir ist kalt. Bring mich weg.“ Else. Die Gute. Natürlich ignorierte ich sie, horchte auf ihre Schwäche, liebte es, als nur noch der Wind erzählte, als ihre Stimme sich verflüchtigte, um Platz zu schaffen für den Gesang eines Vogels, den ich nicht kennenlernen durfte. Nickte, als Gerlinde zu uns stieß, längst schon vom Mond geküsst. Erstaunter, glücklicher Blick, rudernde Arme. Dann umschlang sie den gottesfürchtigen kalten Speck und lachte. Else schlief bereits, die Nase tropfte, die fetten Finger waren blau. Ich sorgte mich kurz, aber es war getan.

In der Nacht starb Else. In der folgenden kam sie zurück und schrie meinen Namen. Dann wurde sie zornig, weil sie nicht wusste, wohin. Am dritten Tag besuchte ich Kaspars Grab und stieß auf Gerlinde. Das Weib war immer noch dort, lümmelte auf dem Stein herum und war sichtbar unzufrieden. „Altes Blut. Zu wenig Saft. Bring mir was Junges. Will Frischfleisch liebkosen, fest an den Busen drücken. Brauch das, gib es mir. Will noch nicht gehen, darf noch nicht. Will Weiches umarmen, will Kraft, Saft, Saft. Schaurig sonst, will hier weg. Schaurig sonst, sonst nehme ich dich.“
Sie zupfte an der Spitze, bohrte mit den gelben Augen, wollte wohl Angst machen. Weiße, weiße Angst. Nicht mit mir. Hätte sie gern nach Kaspar gefragt. Ließ es. Überlege jetzt mit geliebter, von mir auf Lebzeiten versprochener Schwärze, während ich ungewollt und erstaunt mein Bettzeug tränke und alles vergessen habe, was mich so herrlich normal gemacht hat.

Lindners, zwei Häuserblocks entfernt, haben einen kleinen Jungen. Jonas. Zahnlücke, Rotschopf, Rotznase. Unnütz für meine Hoffnungen. Ich mag ihn nicht. Ich gebe ihn ihr.

(erschienen in: Schweigeminuten, Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken, 2011)

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (154 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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