Angst haben

Mein aktueller Angstmacher ist der Babadook. Mögen die Jünger der Vernunft süffisant darüber lächeln, ich lächle nicht mit. Nie. Der Babadook will mich holen, seit ich klar denken kann. Und das kann ich schon verdammt lange.

Es macht mir nur begrenzt etwas aus, wenn sie in Eingeweiden wühlen, Arme abreißen und sich zerfleischen, das lese ich, das guck ich mir an, das schreibe ich auf. Aber wenn sie in der Ecke stehen oder sich im Keller verstecken, möchte ich weit weg sein, an einem Sandstrand, auf einer Wiese. Im Bauch meiner Mutter. Am allerliebsten wohl in ihr. Dort bin ich sicher gewesen, dort war es warm.
bababahDer Babadook steht in der Kälte und friert nicht. Er beobachtet aus der Nähe und spricht nicht. Der Babadook wohnt in meinem Kopf und geht nicht. Er hat ihn sich ausgesucht, weil ich es zugelassen habe, dass er sich in mir einnistet. Ich wollte das nicht. Wollte ihn nicht. Will nicht. Niemand hat mich gewarnt. Niemand hat auf Tod und Teufel geschworen, dass es endgültig ist. Ich bin ewig erwachsen und werde ihn nicht los.
Irgendwann zeigt er sich. Nicht nur einfach so, sondern richtig. Dann werde ich verschwunden sein. Vielleicht hinter einer Wand, wo alles schwarz ist und wo sie brüllen und mich kratzen und beißen, und ich heule und klopfe, aber niemand hört mich, weil da nur diese Wand ist, hinter der nichts sein kann.

Ich wurde nervös, wenn die anderen Kinder Wer-hat-Angst-vor-dem-schwarzen-Mann spielten und ich mitrennen musste. Mich hat er stets erwischt, ich habe gelogen, wenn ich Niemandniemandniemand im Chor der Unschuldigen schrie und längst wusste, dass er mich kriegt. Meine Angst war echt.
Träume, von denen ich nicht erzählen wollte, sorgten dafür, dass ich nachts ins Schlafzimmer meiner Eltern flüchtete und mich ans Bett meiner Mutter stellte, um dort schweigend in der Dunkelheit auf sie zu starren. Ich war barfuß, ich fror in meinem dünnen Nachthemd, kaute an meinen geflochtenen Zöpfen und wartete darauf, dass sie ihre Augen aufschlug. Meine Geduld war nicht grenzenlos. Viel Zeit war nicht, da hinten irgendwo war was, es lauerte. Lauert immer noch und immer wieder, schleicht sich langsam, lautlos an mich heran, packt mich, zieht mich, frisst mich, wenn meine Mutter mich nicht gleich, sofort, jetzt zu sich unter ihre Decke holt.

Ich rufe nach ihr, aber sie ist gar nicht da, ich trage keine Zöpfe mehr, ich trinke Wein und rauche seit neunundneunzig Jahren. Der Hund beruhigt mich, er ist klein und dumm und kann sich so rein gar nichts vorstellen, aber er atmet und bellt im Schlaf, das verscheucht die, die nicht da sind. Das sind die, die hinter mir stehen, wenn ich mir halbblind Wasser ins Gesicht spritze. Wenn ich mich unvorsichtig bücke. Wenn ich das Licht ausschalte.

Licht muss sein. Ich bewege mich nicht in völlig Dunkelheit, es geht nicht, ich werde steif und verschlucke meine Zunge. Meine Augäpfel quellen hervor, sie machen das nicht mit Absicht, tatsächlich machen sie es gar nicht. Es ist fürchterlich.
Folter ist schlimmer, das tröstet mich nicht, das geht auch gar nicht. Folter ist die Dunkelkammer meiner Phantasie, da werden keine Kerzen angezündet, da wird der Horror ohne eine Spur von Romantik fixiert. Auch nicht schön. Aber ich darf entscheiden, ob die Glühbirnen funktionieren, und das ist gut so, weil ich mich vor und hinter dem Vorhang aufhalten kann. Da ist kein Babadook, da bin nur ich. Da ist die Sonne, der Mond, die Deckenlampe, und nichts bläst mir eisig in den Nacken, während ich schlimme Dinge schreibe.

Der Babadook kommt ungünstig, er taucht auf, wenn ich mich alt und erfahren fühle. Ich schrecke auf. Ich schaue mich um. Ich höre ihn. Er verfolgt mich überall hin. Einzig auf dem alten Friedhof, den ich tagtäglich mit meinem Hund aufsuche, weil ich dort wohne und die Toten kenne, lässt er mich in Ruhe. Er ist zu wirklich für ihn. Alles zu echt. Denke ich.

Manchmal vergesse ich den Babadook, dann könnte ich meinen, dass es ihn nicht gibt. Das sind die Tage, an denen ich gar nicht auffalle unter all den Unwissenden. Da wird nicht gefragt, wer Angst vor dem schwarzen Mann hat. Da wird nicht gesagt, dass man Bilder verbrennen muss. An diesen Tagen wird blindlings darauf vertraut, dass unter dem Bett nur Staubflocken sind. Und dass es den Babadook nur im Kino gibt.

„Ein äußerst verstörender Film.“ (Stephen King)

baba2Solch ein Tag ist heute nicht. Ich sehe zur Schlafzimmertür. Sie ist verschlossen. Der Blick zum Fenster zeigt mir die Nacht. Da hinten sind meine Gräber. Weit weg. Zu weit. Ich werde die Tür jetzt öffnen. Vorher wecke ich den Hund. Seinen Namen spreche ich aus. Den anderen nicht. Nie. Niemals. Besser, man liest ihn auch nicht allzu oft. Pssst…

Babadook.

 

„Ich habe noch nie einen derart furchteinflössenden Film gesehen.“ (William Friedkin, Regisseur von „Der Exorzist“)

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)