Andrei Tschikatilo: Der Schlitzer von Rostow

Wen man so aufspürt, wenn man wirklich furchtbare Zeitgenossen sucht. Beispielsweise einen der absolut schlimmsten. Andrei RomanowitschTschikatilo. Russischer Serienkiller. Als solcher tatsächlich ein schrecklich guter Volltreffer. Über 52 Menschen, Frauen, Mädchen und Jungen, hat er ermordet.

Andrei Romanowitsch Tschikatilo, Archiv-Bild

Seine verstörend dunkle Geschichte zu lesen wäre freilich so ohne weiteres nicht machbar gewesen, wenn seine Verhaftung zeitlich nicht unmittelbar mit dem bevorstehenden Zerfall der Sowjetunion stattgefunden hätte. Denn Serienkiller existierten unter jahrzehntelanger alter Flagge offiziell in der UdSSR nicht, sie galten ausschließlich als ungleich entsetzliches Problem des entarteten Westens und wurden, wenn sie denn tatsächlich auch in den eigenen Reihen auftauchten, – und das kam natürlich sehr wohl auf krasse Art des öfteren vor – , mit Diskretion und Verschleierung behandelt.

Unter den Teppich gekehrt

Heißt: Möglichst magere und falsche, besser keine Informationen an die Presse, schon gar nicht an die ausländische. Die (Welt-)Öffentlichkeit blieb unaufgeklärt und außen vor, die Täter verschwanden hinter heuchlerischer Geheimniskrämerei und schweren Mauern. Welche Gräueltaten tatsächlich während des gesamten kommunistischen Regimes unter den blutroten Teppich gekehrt wurden, ist bis heute noch nicht im Entferntesten bekannt.

Andrei Tschikatilo, der “Schlitzer von Rostow”, gehört zu denjenigen, die nicht mehr verschwiegen werden konnten. 1990 wurde er auf einem Bahnhof festgenommen, schwer atmend und mit Blut verschmiert. Kurz zuvor hatte er die 21jährige Svetlana Korostik ermordet. Sein letztes Opfer. Und die Bevölkerung atmete auf. Endlich keine Angst mehr vor der wahnsinnigen Bestie, wie man den längst schon gesuchten Mörder so vieler Unschuldiger nannte, der den Toten, wie der erst 13jährigen Lijuba, die Augen herausschnitt und Genitalien entfernte, die er gegessen haben soll.

Film: Das Schweigen der Lämmer, 1991, (c) Columbia Tri Star Film

Er selbst gab zu, daran “geknabbert” zu haben, vielleicht mit dem Schicksal seines älteren Bruders im Kopf, der während der von Armut und Hunger geprägten Kindheit in der ländlichen Ukraine in den 1930er/-40er Jahren von Nachbarn entführt, umgebracht und regelrecht aufgefressen wurde. So zumindest behauptete es Tschikatilos Mutter. Die verhängnisvolle Seelenpein, eine derartige Grausamkeit als Kind mitbekommen zu haben, borgte sich Thomas Harris als Motiv für seinen Hannibal Lecter.

Der “echte” Tschikatilo, dessen Brutalität und Kaltschnäuzigkeit von Mord zu Mord zunahm, erstaunte: Dieser kleine, ältere, unscheinbare Mann mit dicker Brille, leiser Stimme, verschämten Blicken, unsicherem Auftreten war wahrhaftig die gefürchtete Bestie. Und er war geständig. Zwei Jahre später wurde ihm der Prozess gemacht, unter reger, aufgewühlter Anteilnahme vor allem der Angehörigen seiner Mordopfer, die ihn am liebsten gelyncht hätten. Um ihn vor der von Fassungslosigkeit und Trauer durchtränkten Wut der Leute bis zur Urteilsverkündung zu schützen, sperrte man den Angeklagten während der Verhandlung in einen Käfig. Der kahl geschorene Tschikatilo tobte.
Im Februar 1994, zwei Jahre vor Abschaffung der Todesstrafe, wurde der “Schlitzer von Rostow” durch einen Genickschuss hingerichtet.

Andrei Romanowitsch Tschikalito schien bis 1979 ein recht normales, unspektakuläres Leben geführt zu haben: Er beendete die Schule, ging zur Armee, wurde Telefontechniker, war nach einem Begleitstudium sogar als Lehrer in der Nähe von Rostow am Don angestellt. Seine Schwester verkuppelte ihn mit einer Frau, sie bekamen zwei Kinder. Erst mit zweiundvierzig Jahren erwachte das Monster in ihm; psychischen Abgründe taten sich auf. Da war dieser Drang, es zu machen:

Er sprach die neunjährige Lena an, brachte sie dazu, ihn zum Fluss zu begleiten. Dort packte er sie, versuchte, das sich verzweifelt wehrende kleine Mädchen zu vergewaltigen, erstach es dann und warf die Leiche in den Fluss, wo sie am Heiligabend gefunden wurde. Fieberhaft fahndete man nach dem Kindermörder. Tschikalito zählte auch tatsächlich zu den Verdächtigen, wurde mehrfach verhört und durch eine Falschaussage seiner Frau Fayina entlastet. An seiner Stelle wurde ein anderer Mann hingerichtet: Alexander Kratschenko, wegen Vergewaltigung vorbestraft, ein brauchbarer Pseudo-Täter, der zum Geständnis geprügelt wurde.

Tschikatilo verlor zwar seinen Lehramtsposten, – seine Arbeitgeber begegneten ihm weiterhin mit Misstrauen, zumal Beschwerden aus dem Jungen-Schlafsaal wegen sexueller Annäherung aufgetaucht waren – , bekam aber dank seines Parteibuchs rasch einen neuen Job in einer Fabrikabteilung, der mit etlichen Dienstreisen verbunden war. Und damit begann Tschikalitos Todesserie, die elf Jahre später an einem Bahnhofsplatz endete, von ihm bevorzugter Ort für seine Opfersuche neben Bushaltestellen. Er sprach die Frauen, manchmal auch Männer, an, lockte, reizte sie mit was und wie auch immer, brachte sie dazu, ihn zu begleiten, und tötete sie an entlegenem Ort.

Oberste Alarmstufe

Die zahlreichen Mordopfer, die in den Folgejahren gefunden wurden, bedeuteten für die Polizei natürlich oberste Alarmstufe rund um Rostow, aber den Medien war keine Berichterstattung erlaubt, und somit spürte man oft plan- und ratlos im Verborgenen, ohne auf Mithilfe aus der Bevölkerung hoffen zu können. Ein einziges Mal, nach acht Morden allein im August 1984, wurde Tschikatilo verhaftet: Er hatte ein Mädchen belästigt, in der Tasche ein Messer und ein Seil, aber weil seine Blutgruppe unverständlicherweise nicht mit der übereingestimmt haben soll, die man bei zuvor untersuchten Leichen festgestellt hatte, ließ man ihn wieder laufen. Und Tschikatilo machte weiter.

Film: Citizen X, 1995, (c) Cargo Records

Erst als ein neuer Komissar, Issa Kostojew, 1990 die Ermittlungen übernahm, – in diesem letzten Jahr seiner Freiheit tötete er seine “letzten” neun Menschen – , konnte er überführt werden. Und Tschikatilo, der sein Leben lang unter Impotenz gelitten hatte, erzählte bei seiner Vernehmung, sein erster Mord habe ihn mehr aufgeregt als erregt. Das hätte sich schon beim zweiten geändert.

Auf der wahren Geschichte des russischen Serienkillers Tschikatilo basiert der beklemmd gute Film Citizen X (1995, Regie: Chris Gerolmo) mit illustrem Ensemble wie Donald Sutherland, Max von Sydow, Stephen Rea und Jeffrey DeMunn als Andrei Romanowitsch Tschikatilo. Zwanzig Jahre später drehte Daniél Espinosa den Thriller Kind 44 (spielt zur Zeit des Stalinismus) nach dem gleichnamigen Roman von Tom Rob Smith.

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und "Ganz normal verpickelt" (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), "Zwielicht " und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), "Dirty Cult" (Hrsg. Ulf Ragnar), "IF Magazin für angewandte Fantastik" (Whitetrain) , "Der letzte Turm vor dem Niemandsland" (Fantasyguide präsentiert) und "Miskatonic Avenue" (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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