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American Werewolf

American Werewolf in London

wolf3Blue Moon, you saw me standing alone…Ein Lied. Ein Mann. Ein Wolf. Fertig. Zur Belohnung gab’s 1981 den Saturn Award…without a dream in my heart, without a love of my own. Schön traurig, der Song. Schön schaurig, der Film. Unvergleichlich gut: American Werewolf in London. Das ist und bleibt so, und mit diesem Prädikat, wenn auch leicht vergilbt, hat der Riesen-Kinoerfolg von Regisseur und Drehbuchautor John Landis sich einen Platz im Klassiker-Olymp der Horror-Heroen ganz sicher ergattert. Unvergesslich genial: Eine der perfektesten, schaurigsten und schönsten Verwandlungen des Menschen in einen lebendigen Albtraum. Wie Student David, von Erstaunen, Entsetzen und Schmerz gepackt, zur blutrünstigen Bestie wird, das ist großartig gemacht, Maskenbildner Rick Baker wurde für sein Meisterstück 1982 mit dem Oscar belohnt….and when I looked the moon had turned to gold. Gut so.

Die Redewendung „Blue Moon“ geht bis in das 16. Jahrhundert zurück, heißt sinngemäß „ganz selten“, ergo irgendwann irgendwie am Sanktnimmerleinstag (Until a blue moon/Once in a blue moon), und trifft das Besondere der ganzen prekären Lage, in der David (David Naughton) sich unverhofft befindet, damit recht ordentlich. „Blue“ steht zudem für etwas Trauriges, und anrührend, irgendwie tragisch ist das Ganze schon. Die kleine feine Love-Story inclusive Bettgeflüster fehlt nicht, David (David Naughton) ist schwer verliebt in Krankenschwester Alex (Jenny Agutter), aber ihn trifft das Schicksal des Wolfes, dem eine vernünftige Selbstbestimmung nicht gelingen kann, weil er anders ist: Gefühlslos. Gefährlich. Er wird gefürchtet, gehasst, gehetzt, getötet. Und wollte doch, nachdem er seinen Freund Jack (Griffin Dunne) so grauenvoll im englischen Hochmoor sterben sehen musste, einfach nur verstanden, getröstet und geküsst werden. Und weiter leben. Aber die Bestie hatte eben auch ihn erwischt, so was war/ist nie ein günstiges Omen. Was bestätigt wird in der Vollmondnacht, die ihm das Grauen und uns eine Meisterleistung, – auch oder gerade für die Zeit -, in Sachen atemberaubender Werwolf-Werdung zeigt.
Die frühen 1980er waren ein Podium für Masken-Künstler, genannt sei hier nur David Lynchs „The Elephant Man“; für die starke Arbeit vor dem Spiegel gab es erstmals eine Oscar-Kategorie, und hier hatte halt verdient der Genre-Klassiker American Werewolf die Nase vorn. Mit an den Start gegangen waren übrigens 1981 noch zwei Werwolf-Filme, „Wolfen“ von Michael Wadleigh und Joe Dantes „The Howling“. Was man allerdings tatsächlich mit verschiedenen Kunststoffen, Erdöl-Derivaten, Pudern, Metallgestängen und Haaren alles anstellen kann, bewies bravourös und neidlos bestätigt Rick Baker: Er machte aus einem gutgebauten, smarten amerikanischen Sunnyboy eine hübsch fiese, großmäulige, vierbeinige Werwolf-Kreatur, die den Horror in Londons Herz brachte.
Regisseur Landis über sein preisgekröntes Machwerk:

„Es ist ein totaler Monsterfilm… unglaublich brutal und sehr traurig …lustig, aber noch lange keine Komödie.“

Das ist auf den Punkt gebracht. Zumindest für diejenigen, die (immer noch!) ein angenehm weiches Fell haben und keine Schlachtplatte brauchen, um Blut riechen zu können. Und die keine platten Regieanweisungen benötigen, um zu wissen, wann man ganz ehrlich schlucken, erschauern oder auch schmunzeln sollte. Es ist brutal, wie David als Wolf seine menschliche Beute erlegt. Es ist amüsant, wie seine Opfer, unappetitlich ganz schön zerfetzt, ihm als Wiederkehrer erscheinen und über Selbstmordpraktiken plaudern. Es geht ans Gemüt, wenn Davids Freundin Alex sich zum Schluss über den von Kugeln durchlöcherten Wolfsmenschen beugt und bei all ihrem Schmerz begreifen muss, dass diese Liebe keine Chance hatte.
Landis hatte zuvor mit „Animal House“ (1978) und „The Blues Brothers“ (1980) beschwingt-Absurdes für die gute Laune beschert, da war sein neuer Clou ein Donnerschlag: Blutig, schauerlich und böse, wenn auch in gewissen Szenen herrlich trocken lustvoll. Im Lexikon des Internationalen Films heißt es: „Die geschickte Mischung aus schwarzem Humor und Horroreffekten, die beständig die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischt, versteht es, das klassische Werwolf-Motiv in die Gegenwart zu übertragen. Vergnügliche Anspielungen auf versteckte Gewalttätigkeiten im modernen Alltag, die englische Lebensweise und die Medien werden im zweiten Teil von der zunehmend lautstarken Inszenierung überdeckt.“
Den Showdown am Picadilly Circus in London, – gedreht mit Feuereifer am Originalschauplatz unter schwersten Sicherheitsvorkehrungen -, simpel als „lautstark“ zu bezeichnen, wird dem phantastischen Spektakel freilich nun wirklich nicht gerecht. Das klingt so nur nach Höllenkrach, das ist tatsächlich um Längen besser. Mehrere Kameras waren im Einsatz, nachdem man endlich die Erlaubnis erhalten hatte, dort drehen zu dürfen, wohlweislich alles in nur einer Nacht, danach musste Komplettes im Kasten sein, Wiederholungen ausgeschlossen. Das klappe perfekt, die Nachwelt dankt…für einen wirklich Klassestreifen.
wolf2Die Story selbst ist kurz und gut: Zwei amerikanische Studenten auf Europareise freuen sich schon mal auf viel italienische Sonne und Amore, durchstreifen aber abenteuerlaunig vorher noch das nordenglische Hochmoor. In einer Dorfkneipe fragen sie unbekümmert nach einem Pentagramm an der Wand, werden vor die Tür gesetzt und sollen sich aus dem Staub machen, heißt, nachts in unheimlicher Fremde unterwegs zu sein mit dem Hinweis, bloß auf der Straße zu bleiben und sich vor dem Mond zu schützen. Gut reden soweit, denn der ist in voller Pracht vorhanden. Sie verlaufen sich, hören, ahnen was, Panik steigt auf. Ein schreckliches Tier attackiert sie; Jack wird tödlich verletzt, David kommt (vorerst, da gebissen) davon, weil die Männer aus der Dorfkneipe ihnen gefolgt sind und die Bestie erledigen. Der tote riesige Wolf verwandelt sich in einen toten nackten Mann. Hier schon stark gemacht, die Szene ist absolut düster, Landis droht sauber: Es wird sehr wohl bitter ernst, auch, wenn so mach vergnüglicher Moment finsteren Taten folgen darf. So erscheint der verstorbene Jack seinem Freund, der sich in einem Londoner Krankenhaus erholt und anschließend bei Alex, mehrmals im Film und sieht zusehends scheußlicher als Leiche aus. Ganz übel ist seine Optik, als er David, der bereits als Werwolf getötet hat, vor dem grandiosen Show-Down in ein Porno-Kino am Picadilly-Circus führt, wo seine zum Herumwandeln verdammten Opfer auf ihn warten.
Mehr braucht nicht erzählt zu werden, American Werewolf kennt man, ganz ehrlich, irgendwie eh‘. Auch, wenn man diesen Meilenstein des modernen Horrorfilms nie (Gibt’s das? Gibt’s nicht!) gesehen hat. Für neue/alte Freunde: 2009 erschien er erstmals ungeschnitten auf Blueray und DVD mit einer Spielzeit von ca. 97 min. Die Fortsetzung, An American Werwolf in Paris, kam 2009 in die Kinos, Landis führte nicht Regie, das war kein Fehler, eher der richtige Riecher. Den hatte der junge Schauspieler David Naughton nach dem Riesenerfolg im Wolfskostüm in der Folgezeit nicht : Seine Karriere schleppte sich recht gemütlich dahin, das große Los zog er nicht mehr. Mag daran liegen, dass er so arg viel von seinem Talent, das unbestritten bleibt, eben nicht zeigen konnte. Es steckte halt zu viel Fleisch, zu viel Fell in seiner Rolle. Blue Moon, you saw me standing alone...Ein Lied. Ein Mann. Ein Wolf. Und…Vergangenheit. So ist das.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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