American Horror Story

ame1Der kleine Stephen glaubte, dass jedes Mal, wenn man fröstelt, eine Gans über die Stelle läuft, an der man später mal sein Grab finden würde. Und dass man vor Sonnenuntergang höchstwahrscheinlich stirbt, wenn man einer schwarzen Katze begegnet und das Zeichen gegen den bösen Blick vergisst. Ist so. Ist aber als konkretes Thema für den großen King, der eigene gute Ideen hat, vermutlich nicht mehr so ganz spannend. Freilich: Dass es Orte und Geschöpfe gibt, die man besser meiden sollte, weiß der Maestro seitdem. Und beweist es. Gern. Oft. Einmalig überzeugend. Andere behaupten, sie wissen es auch. Versuchen sich daran. Machen Ernst. Machen Glauben. Schauer. Schauder. Angst. Manchmal liegen sie damit goldrichtig. Manchmal darf man sich einbilden, denen würde King, – vielleicht und warum nicht? -, herzhaft die Hände schütteln. Auf die Schultern klopfen. Weil sie Horror richtig anpacken. Den Horror. In American Horror Story – Die dunkle Seite in dir haut das hin. Respekt sei gezollt, Freunde des möglicherweise Unmöglichen.
Gleich vorweg: Wäre da neben den üblichen unvermeidbaren Lebensinhalten diese eine lästige Verpflichtung nicht, irgendwann mal schlafen zu müssen, könnte man American Horror Story in einem gnadenlosen Rutsch durchgucken. Die Aussage des bekennenden Fans ohne Verlegenheit steht, Einwände wie „Naja…übertrieben…so wohl aber nicht“ werden überhört. Wer indes derb und krass, auch eklig sagt, darf dabei bleiben. Das stimmt. Und würde selbstredend kein Aushängeschild sein, wenn die Serie nichts anderes als schlecht wäre, da ansonsten einfallslos, überholt, überzogen, abgekupfert. Ist sie nicht. Die ersten vier Staffeln, – auf Sendung ging das Erfolgs-Projekt 2011 -, sind einfach nur sauber, gekonnt erdacht, Klasse gemacht. Das ist phantastisch herrlich böse, makaber, monströs, mörderisch. Das ist rundum düster-gut.
ame4Die US-amerikanische Horror-Fernsehserie entstammt Kopf, vor allem Phantasie (viel und davon Bestes), Rausch, Albtraum und Feder von Ryan Murphy und Brad Falchuk Falhy, startete Anfang Oktober 2011 auf dem US-Kabelsender FX und wurde in Deutschland ab Ende 2011 auf dem Pay-TV-Sender FOX ausgestrahlt. Frei empfangbar war die Serie ab März 2013 bei sixx. Ab Oktober 2014 konnte man bereits die vierte Staffel, AHS: Freak Show, sehen. Für die fünfte, AHS: Hotel, ist zur Zeit Action, Licht aus, Grusel an, Kamera läuft, Angst ab auf die Bühne…angesagt. Erfreulich, dass Fox Channel als verantwortlicher Sender dafür Sorge trägt, dass deutsche Bildschirme diesbezüglich auch nicht lange schwarz bleiben. Die Premiere in den Staaten wird voraussichtlich am 7. Oktober sein, im November dürften wir auch hier im Hotel übernachten. Und wie wunderbar wir (nicht) schlafen werden. Zur Einstimmung alter Horror-Hasen, aber auch zur ersten Gewöhnung an Kommendes und bereits Geschehenes für ASH-Frischlinge sei der Soundtrack von Cesar Davila und Charlie Clouser ans Herz gelegt, wärmstens zwar, egal, gefröstelt wird trotzdem. Die Musik ist unheimlich. Verstörend. Würde als Hintergrund-Melodie in einer Telefonschleife die Leute wohl erfolgreich in den Wahnsinn treiben. Das als Tipp.

Spezielles Merkmal der Serie ist der Anthologie-Charakter. Die einzelnen Staffeln haben in sich abgeschlossene Handlungen, Ort, Zeit und Charaktere variieren. Die Besetzung der Darsteller bleibt teilweise identisch, ihre Rollen freilich sind komplett andere. Tatsächlich aber sollen, so Ryan Murphy, einer der geistigen Väter, zwischen allen Staffeln Verbindungen bestehen. Mysteriös und herrlich dunkel werden die wohl sein, aber gelüftet werden die Geheimnisse erst nach und nach. Man lauert. In AHS: Hotel soll schon was entlarvt werden. Leider ohne Jessica Lange. Die absolut phantastische US-amerikanische Schauspielerin, die für ihre starken Leistungen in AHS zwei Emmys und einen Golden Globe Award erhielt, ist Stamm-Star mit Weltruf in den ersten vier Staffeln, – Muder House, Asylum, Coven, Freak Show -. Bevor die Klappe für die fünfte Staffel fiel, gab Jessica Lange, der nach King Kong (1976) der Mega-Film mit Jack Nicholson Wenn der Postmann zweimal klingelt (1981) den Durchbruch brachte und die für Tootsie (1983) den Oscar gewann, offiziell ihren Ausstieg aus der Reißer-Serie bekannt. Das schmerzt wohl, sie galt zu Recht als Zugpferd. Lange verabschiedete sich auf dem Paley-Fest-Panel anlässlich des Publikumsrenners AHS von Fans und Kollegen und einer höchst erfolgreichen Episode ihrer Karriere:

„Wir hatten eine tolle Zeit! Ich meine, ich fand es großartig, diese Charaktere zu spielen und all diesen Irrsinn, ich liebe die Autoren und Ryan (Murphy) und all die wahnsinnigen Dreharbeiten.“

ame3Ein schmuckes Gebäude mit Vorgarten in ruhiger Lage von L.A., neue Heimat der Harmons (Ben, Vivian und Tochter Violet), ist in der ersten Staffel Murder House Schauplatz der Serie. Von der dunklen Vergangenheit des um 1900 errichteten Hauses wissen die Harmons (noch!) nichts, und die exzentrische, neugierige Nachbarin Constance (Jessica Lange) verrät vorläufig genussvoll wenig. Hat aber Scheußliches als Erzählstoff parat. Erbaut hat das Murder House auf schicksalsträchtig bösem Grundstück ein drogensüchtiger Gynäkologe für seine verwöhnte Frau. Aus finanzieller Not führt er illegale Abtreibungen im Keller durch. Als der Partner einer Patientin aus Rache das Baby des Arztes entführt, es tötet und den zerstückelten Leichnam als makabres Postgut schickt, verfällt der verzweifelte Vater einer Art Frankenstein-Wahn, setzt den Sohn wieder zusammen und bringt ihn als Kreatur ins Leben zurück. Seine entsetzte Frau erschießt ihn, tötet dann sich selbst, nicht ahnend, dass niemand auf ihrem Grund und Boden tatsächlich sterben kann, darf, soll(-te). Beide sind fortan Geister, und als solche bleiben sie nicht allein. Die Jahre vergehen, das Haus wechselt seine Besitzer, die sterben unschön. Bleiben aber allesamt als Untote dort wohnen, weil sie auf ewig gebunden sind, täuschen die Lebenden und morden, wenn es notwendig oder eben abwechslungsreich ist. Ansonsten wartet man gespannt und mordlustig auf die Geburt von Satans Sohn. Den wollen alle für sich. Die armen Nannies. Und Constance lächelt.
Staffel II, Asylum, spielt in der psychiatrischen Klinik Briarcliff im Jahr 1964, streng und grausam geleitet von der Nonne Jude (Jessica Lange), die im jessi1Machtgerangel mit dem experimentierfreudigen Dr. Arden steht. Der ehemalige Nazi-Arzt, ein selbstgefälliger, kühler „Bastler“, schwärmt heimlich für Schwester Eunice, während Jude, eine Frau mit anrüchiger Vergangenheit, eine Schwäche für den auf Karriere fixierten Pater Timothy hat. In Briarcliff herrschen rohe Sitten. Es wird gefoltert, gepeitscht, als Strafe verstümmelt. Das Schicksal einiger der Patienten, – darunter Reporterin Lana und der junge Kit Walker -, und die Vorgehensweise in der Klinik sind schon verschärfter Zündstoff, belastbare Nerven wären durchaus von Vorteil. Kit, der beschuldigt wird, als „Bloody Face“ Frauen bei lebendigem Leib gehäutet zu haben, vertraut mit Psychiater Thredson ausgerechnet dem Mann, der Dreck und Blut am Stecken hat. Gleiches gilt für die lesbische Lana, deren Lebensgefährtin der Häuter tötet. Derweil verändert sich Schwester Eunice nach einem Exorzismus nicht zu ihrem Vorteil und schafft es, Jude das Zepter in der Klinik zu entreißen. Diese muss gehen und kehrt, freilich unfreiwillig, als Patientin zurück. Das alles passiert in den 60ern, während in der Gegenwart ein neuer Schlächter zuschlägt, den mit „Bloody Face“ und Journalistin Lana etwas Gewisses verbindet.

In Staffel III, Coven (Hexenzirkel) , wird die Geschichte der jungen Zoe erzählt, die auf drastische Weise erfährt, dass sie eine Hexe ist und ihre Familie aus Salem stammt. Sie wird zu einem Hexenzirkel nach New Orleans geschickt, geleitet von der kräuterkundigen Cordelia, deren machthungrige, von der Jugend besessene Mutter Fiona (Jessica Lange) über Leichen geht. Außer Zoe gibt es noch drei weitere Junghexen im Haus: die selbstsüchtige, telekinetisch begabte Madison, die dickliche, menschliche Voodoo-Puppe Queenie und die kindliche, hellsichtige Nan. Diese entdeckt während eines Ausflugs ins Haus der totgeglaubten, da lebendig begrabenen Delphine Laraurie, einer sadistischen Magierin, dass die alte Hexe (Kathy Bates) sich noch bestböser Lebendigkeit erfreut. Und munter weiter macht. Auf einer Party lernt Zoe den netten Jungen Kyle kennen, der nicht zufällig tödlich verunglückt, den sie sich aber aus dem Leichenschauhaus holt und wieder zusammen flickt. Ganz der Alte ist er nicht mehr. Währenddessen fürchtet Fiona, dass Madison, die stärker wird, ihr ernsthaft Konkurrenz bereiten könnte. Sie löst das Problem auf ihre Art. Als sie zur Rechenschaft gezogen wird, schiebt sie die Schuld einer anderen in die Schuhe, die dafür verbrannt wird, aber sehr wohl wieder kommt. Was dann geschieht: Viel Hexerei, viel Blut, großes Mysterium, mörderische Absichten, jede Menge good will. Der auch. Sehenswert allemal, wie gehabt feine Kost für Horror-Fans, spannend erdacht und gemacht wie eben auch Staffel IV:
In Freaks, vierte Staffel, ist ein Jahrmarkt in Florida im Jahr 1952 zentraler Handlungsort. Elsa Mars (Lange), Chefin einer Freak-Show, ist hart im ame2Nehmen und kämpft zäh gemeinsam mit ihren „Monstern“ gegen das Aussterben ihres Gewerbes. Als die siamesischen Zwillinge Bette und Dot entdeckt werden, sieht sie eine Chance, der Show wieder zu Glanz und Erfolg zu verhelfen. Soweit hoffnungsvoll, aber dann sorgen Morde in der Stadt für Unruhe. Hauptverdächtige: Die Zirkusbewohner, Menschen der etwas anderen Art. Freaks. Deren Diskriminierung durch die Öffentlichkeit, von Vorurteilen, Verachtung und Geringschätzung geprägt, ist wesentlicher Teil der Handlung, wobei immer wieder die Einzelschicksale der Akteure in den Vordergrund rücken. Deren Vergangenheit geht unter die Haut. Die Horror-Elemente gehen (auch) ans Eingemachte. Und bei Hotel, Staffel V, gehen bei uns vorerst leiderleider die Lichter aus. Die ist aber (s.o.) so gut wie im Kasten. Wieder dabei: Oscar-Preisträgerin Kathy Bates, die für ihre Rolle in Coven 2014 den Emmy erhielt, und Angela Bassett, die ebenfalls in der dritten Staffel mitgespielt hat. Gleich in allen fünf Staffeln auf der Besetzungsliste stand/steht die höchst aparte Sarah Paulson, eine gefragte Seriendarstellerin mit zweifellos speziellem Etwas. Chloë Sevigny, Oscar-Nominierung für Boys don’t cry, erlebt in der zweiten Staffel als sexbesessene Patientin körperliches Grauen pur, in Hotel blüht ihr etwas anderes, aber was, wie, warum…warten! Eben. Auch mit am Start: Super-Hyper-Modell Naomi Campbell (Tatsache!) und Pop-Queen Lady Gaga.
Kathy Bates, grandios großartig in zwei Stephen-King-Verfilmungen (Misery, 1990, und Dolores, 1995) , zeigt sich auf jeden Fall angetan von der jungen Kollegin, die laut Kritikerstimmen sehr professionell Blut geleckt hat, twitterte nach ersten gemeinsamen Aufnahmen mit ihr: „Lasst mich einfach sagen, dass sie es gerockt hat. Sie hat Iris (Bates) eine Heidenangst eingejagt.”
Eine hocherfreute Lady Gaga zwitscherte zurück in die Welt: „Gedanken zum ersten Drehtag von AHS? Ich sage, ich bin gestorben und in meinen persönlichen Himmel gelangt.”
Wie kann ein Schlusswort besser sein?

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und "Ganz normal verpickelt" (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), "Zwielicht " und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), "Dirty Cult" (Hrsg. Ulf Ragnar), "IF Magazin für angewandte Fantastik" (Whitetrain) , "Der letzte Turm vor dem Niemandsland" (Fantasyguide präsentiert) und "Miskatonic Avenue" (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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