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Ambrose Bierce Kollektion (Yellow King Productions)

Auf den Spuren des Gelben Königs – Die Ambrose Bierce Kollektion von Yellow King Productions

ambrose-bierce-kollektionIm Be­s‍tiarium des H. P. Lovecraft stellt er nur eine Randfigur dar, – und ist noch nicht einmal von diesem ersonnen: Ha­s‍tur, der später noch den Beinamen „Der Unaussprechliche“ erhalten sollte. Gleichwohl zollte Lovecraft mit Ha­s‍tur – er erwähnt ihn in „Der Flü­s‍terer im Dunkeln“ – zwei sehr geschätzten Autoren Tribut: Ambrose Bierce und Robert W. Chambers. Letzterer beeindruckte Lovecraft mit dem „König in Gelb“, einer lose verbundenen Story-Sammlung, durch die wiederum Bierce als Inspiration scheint. Dieser bemerkenswerten Autoren-Kon­s‍tellation widmet sich die Oberpfälzer Multimediaagentur Yellow King Productions. Ihre Hörspiel-Adaptionen der Bierce-Erzählungen „Haita der Schäfer“ und „Ein Bewohner von Carcosa“ sind nun als „Ambrose Bierce Kollektion“ auf einer CD erschienen. Mit ihr folgt der geneigte Hörer den Spuren des Gelben Königs und erlebt leibhaftig die Geburt eines Mythos.

Haita der Schäfer
Haita führt in einem entlegenen Tal inmitten seiner Schafe ein genügsames Dasein. Ein Eremit ist sein Nachbar, Haita selbst lebt eng am Pulsschlag der Natur. Das Flötenspiel des Schäfers weckt Elementargei­s‍ter, sein Gott aber ist Ha­s‍tur, der Gott der Hirten. Mit ihm hält er Zwiesprache im Gebet und erheischt Gnade vor den Unbilden der Natur und dem Zorn der anderen Götter. Eines Tages erscheint Haita eine geheimnisvolle Jungfrau, die ein un­s‍tillbares Verlangen nach Glückseligkeit in dem jungen Mann weckt.

In „Haita der Schäfer“ führte Bierce mit Ha­s‍tur eine Gestalt ein, die sich daraufhin verselb­s‍tändigte und schließlich in den Cthulhu-Mythos einging. Der Autor selbst hatte mit dem Gott, der in der Erzählung unsichtbar und wohlwollend im Hintergrund waltet, offensichtlich nichts Großes im Sinn. Umso er­s‍taunlicher, daß nachfolgende Autoren Ha­s‍tur ein dunkles und unheilvolles Gepräge gaben.

Ein lyrischer Ton durchzieht die Geschichte, in der das Abgründige nur vereinzelt aufblitzt. Dem Team von Yellow King Productions gelingt es, sowohl das Heitere wie das Bedrohliche der Naturkulisse durch Lesung (Patrick Santy), Klänge und Musik einzufangen. „Haita der Schäfer“ ist eine Idylle, – freilich eine Idylle auf Abwegen.

Ein Bewohner von Carcosa
Ein namenloser Erzähler irrt durch eine desolate Herbstlandschaft. Nach und nach dämmert ihm, daß er sich auf einem antiken Gräberfeld befindet – Überbleibsel der verlassenen Stadt Carcosa. Ein wildes Tier erscheint, gefolgt von einem archaisch wirkenden Mann, nehmen aber keine Notiz von dem Protagoni­s‍ten. Als der Morgen graut, bettet er sich neben einen uralten, zerfallenen Grab­s‍tein, der ihm ein fürchterliches Geheimnis enthüllt.

„Ein Bewohner von Carcosa“ lebt von seiner beunruhigenden, sugge­s‍tiven Stimmung, kongenial vermittelt von Sprecher Dominik Valentin Peter. Zurückhaltende Soundeffekte begleiten diesen Grundton und erzeugen eine eindringliche Atmosphäre. Ein klagendes Instrumental aus Piano und Geigen bildet schließlich den Abschluß der dü­s‍teren Vision. Zweifelsohne ist Bierce mit der Nekropole Carcosa ein großer Wurf gelungen. Auch hier ist es interessant zu sehen, wie spätere Autoren diese Vorlage aufgriffen und sich zu eigen machten.

Der Ha­s‍tur-Kult und der König in Gelb

„Ein Bewohner von Carcosa“ und speziell „Haita der Schäfer“ bilden den Grund­s‍tein einer Ha­s‍tur-Verehrung, die Ambrose Bierce nicht beabsichtigt und H. P. Lovecraft nicht übermäßig gepflegt hat; wenn auch letzterer das Wort vom „Ha­s‍tur-Kult“ fixierte (in „Die Literatur des Grauens“). Es ist vielmehr Robert W. Chambers, der die Bierce’schen Gestalten und Schauplätze (Ha­s‍tur, Carcosa, Hali) in seinen Geschichten um den „König in Gelb“ zusammenfließen läßt, im Original als „The King in Yellow“ 1895 in New York erschienen. Dieser Titel bezeichnet ein fiktives Drama, dessen Lektüre Wahnsinn, Chaos und Zer­s‍törung nach sich zieht; natürlich eine Vor­s‍tellung, die Lovecraft begrüßte, stellt doch auch sein Necronomicon ein unheilbringendes Werk dar. Allerdings geht die Erfindung des Necronomicon nicht auf den König in Gelb zurück, da Lovecraft Chambers erst 1927 entdeckte, zu einer Zeit also, da das Necronomicon in seinem eigenen Schaffen bereits etabliert war. Vielmehr behauptet er augenzwinkernd in der fingierten „Geschichte des Necronomicon“, daß dieses Chambers zum König in Gelb inspiriert habe. Im übrigen lobte Lovecraft Chambers’ phanta­s‍tisches Werk, und auch was die Beziehung Bierce-Chambers betrifft, hatte er den Durchblick: „Chambers muß beeindruckt von ‚Haita der Schäfer‘ und ‚Ein Bewohner von Carcosa‘ gewesen sein, die während seiner Jugend veröffentlicht worden waren. Doch verbesserte er Bierce noch, indem er eine schaudernde Folie des Schreckens ersann, eine vage, beunruhigende Erinnerung, die einen davor zurückschrecken läßt, die Fähigkeit der Erinnerung zu sehr in Anspruch zu nehmen.“ (Brief an C. A. Smith vom 24.6.1927). Bei Lovecraft finden wir die stärk­s‍te Chambers-Referenz in „Der Flü­s‍terer im Dunkeln“, 1930 geschrieben, dort werden neben bedeutungsschweren Namen wie Der Große Cthulhu, Yog-Sothoth auch Ha­s‍tur, Der See von Hali und Das Gelbe Zeichen geraunt.

Es ist somit in er­s‍ter Linie Lovecraft zu verdanken, daß die Erinnerung an Chambers, der sich später von der phanta­s‍tischen Literatur abwandte, nicht verblaßte. Eine Schar von Horror- und Fantasy-Schrift­s‍tellern nach Lovecraft, darunter etwa August Derleth, Karl Edward Wagner bis hin zu Marion Zimmer Bradley, griff Chambers’ Schöpfungen ebenfalls auf. Die von Robert M. Price herausgegebene Anthologie „The Ha­s‍tur Cycle“ brachte 1997 eine Auswahl von Schrift­s‍tellern, die – mal mehr, mal weniger – diesem Kreis zuzuordnen sind. In jüng­s‍ter Zeit sind es Autoren wie der in Berlin lebende Joseph S. Pulver („A Season in Carcosa“) oder Daniel Schenkel („Das Gelbe Zeichen“) aus Neumarkt, die das Erbe des Gelben Königs im 21. Jahrhundert kultivieren. Nicht zuletzt lebt er in der dü­s‍teren US-Serie „True Detective“ fort, deren Drehbuchautor Nic Pizzolatto sich ebenfalls zur Weird Fiction und insbesondere zu Chambers bekennt.

Yellow King Productions

„Um den gesamten Wahnsinn dieses Werkes zu entfalten, empfiehlt Ihnen der Gelbe König, sich in die völlige Isolation von Außengeräuschen und die totale Abwesenheit von Licht zu begeben.“ Diese mahnenden Worte schicken Yellow King Productions jedem ihrer Hörspiele voraus. Es lohnt sich, dem Folge zu lei­s‍ten. Dann erst steigert sich nämlich die Mischung aus Worten, Stimmklang, Geräuschen und Musik vor dem gei­s‍tigen Auge des Hörers ganz und gar zur packenden Erzählung.

Es ist der Dreiklang aus Ambrose Bierce, Robert W. Chambers und H. P. Lovecraft, der aus Yellow King Productions spricht. Der Name des Unternehmens darf dabei getrost als bare Münze genommen werden. Seit 2013 haben sich die Oberpfälzer einen Namen mit Hörspielen sowohl um Lovecraft („Die falsche Erlösung“, „Dagon“) als auch um den Ha­s‍tur-Kult bzw. den Gelben König („Der Anruf“) gemacht. Mit Georg Britzkow oder Daniel Schenkel werden frische und vielversprechende Talente der hiesigen Weird Fiction gefördert. Indes mag man sich nicht ausschließlich auf den Gelben König festlegen. So präsentiert die Klangschmiede etwa mit „Maus und My­s‍tik“ ein begleitendes Hörspiel zu dem gleichnamigen Brettspiel des Heidelberger Spieleverlags. Und mit „Barbarossa und die Wäscherin“ – erschienen als Hörspiel, Buch und E-Book – befindet sich ein historischer Roman rund um den Hohen­s‍taufen im Portfolio. Doch im Endeffekt bleibt der Name Programm und die dunkle Phanta­s‍tik stellt auch künftig ein starkes Zugpferd von Yellow King Productions dar.

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Ambrose Bierce Kollektion bei Yellow King Productions

Axel Weiss

Axel Weiß, 1975 in Göttingen geboren und aufgewachsen im Weserbergland. Studium Grafikdesign an der Hochschule für Künste Bremen und Visuelle Kommunikation an der Universität Essen. Lebt und arbeitet als Grafik- und Webdesigner im Ruhrgebiet. Zwischen 2013 und 2015 Mitarbeit am Cthulhu Libria-Magazin. Betreibt gemeinsam mit Mirko Stauch die Podcasts Arkham Insiders und SIGMA 2 Foxtrot. Zusammen mit Klaus Staendike im Kunstprojekt Arkham Angst involviert.

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