Amateur Press Association (APA)

Ich bin nicht erst seit gestern im Untergrund-Geschäft, soll heißen im Fern-ab-vom-Mainstream-Publishing tätig – zehn Jahre werden das bald – und wusste schon, was eine APA ist, nur nicht so genau, wie sie praktisch funktioniert. Der olle H.P. Lovecraft war in einer APA, das hat man schon gehört, und dann „sind das also Leute, die sich gegenseitig Briefe schreiben … hat auch Goethe schon gemacht“ – und so stimmt das alles gar nicht. Hätte ich bei Wikipedia nachgelesen, wäre ich besser informiert gewesen.

„Eine Amateur Press Association oder APA ist ein Zusammenschluss von Autoren und Künstlern, die jeweils für sich alleine produzierte Egozines mehr oder minder regelmäßig in einem Apazine genannten Sammelwerk herausgeben. Die einzelnen Beiträge werden bis zu einem festgelegten Termin bei einem Ordentlichen Herausgeber (engl.: Official Editor, Central Mailer oder Distribution Manager) eingereicht, der sie zu einem einzelnen Heft bindet und dieses dann wieder an die Teilnehmer verteilt. Der Verbleib der Teilnehmer in der APA ist dabei häufig von einer Mindestanzahl eingereichter Seiten abhängig. Diese Minac (von engl.: minimal activity) gilt in der Regel pro Ausgabe des Apazines oder Jahr.

APAs werden häufig als Vorläufer der Internetforen beschrieben. Tatsächlich erfüllen viele APAs die Funktion von Diskussionsforen und waren bis zur Entstehung des Internets eine sehr effektive Methode, um sich in überregionalen Gruppen auszutauschen. Analog zu Internetforen gab und gibt es APAs zu den unterschiedlichsten Themen.
Die ersten APAs entstanden wahrscheinlich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, was sich allerdings nicht mehr genau festlegen lässt. Als älteste bekannte APA wird die am 19. Februar 1876 von Evan Reed Riale und neun Mitstreitern in Philadelphia gegründete National Amateur Press Association (NAPA) angesehen. Ihre Blütezeit erlebten die APAs zwischen 1960 und 1990. Danach ging ihre Zahl durch die Konkurrenz mit den Internetforen stetig zurück.

Eine langlebige, deutschsprachige APA ist die Futurian Amateur News (FAN), eine APA mit Schwerpunkt auf der Diskussion des Themas Science fiction, die mit Unterbrechungen seit den 1960ern aktiv ist. Zu den Apanauten genannten Teilnehmen zählten bereits mehrere (heute) bekannte deutsche Autoren, wie zum Beispiel Hans Joachim Alpers.“ (ganz platt zitiert aus Wikipedia)

Nun habe ich mal die Gelegenheit, mir ein APAZine aus der Nähe anzusehen, eine genauere Vorstellung zu entwickeln:

FUTURIAN AMATEUR NEWS – SF, Fantasy und der ganze Rest
Das ist echte Old School und so als Kind der 80er, als die Welt noch nicht digital und schon gar nicht web 2.0 war, fühle ich mich gleich heimelig berührt.

Die alte Schule ist ja eigentlich die, die die Gegenwart gestaltet hat, William Gibson z.B. ist genauso alt wie mein Alter Herr. Und die alte Schule wusste sich zu helfen, als es noch kein Internet gab. Helfen wobei? Wozu ist so eine APA gut? Kurze Suche, Treffer:

„Writing is one of the most personally punishing of the professions we could choose. We learn in a vacuum, taught by other people who are also feeling their way along because those “in the know” haven’t a clue on how to tell us what they want without belittling our every effort.
So how do we “preserve” what we do if we cannot get published? When you are ready to look back on your Life’s Work, will it be with an eye to the next winter’s fire, hidden in an attic, or bequeathed to a reluctant relative?
Who will know what you wrote? And what if it’s not that it was “bad” – it was simply not in style when written?“
(zitiert aus: Zombie Salmon)

Das Problem kennt man doch? Also schafft man sich einen Kreis aus Leuten, denen es ähnlich geht und tauscht sich aus. Was dabei entsteht (ein APAZine) ist eine Sammlung aus: Rezensionen, vielleicht mal Stories, Illustrationen, Con-Berichten, Überlegungen, Diskussionsgrundlagen und -beiträgen, am Ende gebündelt, vielleicht mit einem Editorial und so etwas wie einem Impressum versehen.

„Kann man sich alles sparen, und einfach in ein Forum einsteigen“ … oder auch nicht, denn im Prinzip geht im Forum der gestalterische Aspekt komplett verloren. Jedes Mitglied einer APA hat die Freiheit, seinen Beitrag für das APAZine (also sein eigenes EgoZine) nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Was dabei rauskommt, ist vielleicht mal extrem „amateur“, aber vielleicht auch mal auf höherem Niveau (im Sinne von Inhalt und Layout). Ein bisschen Glücksache für den, der das ganze Bündel in die Hände kriegt.

Von dem, was ich in die Hände bekam, bin ich teils angetan, teils auch nicht. Manches ist zu sehr „Insider“ als dass ich viel damit anfangen könnte (Kommentare zu vorigen Ausgaben, Antworten auf Aussagen, die mir verborgen bleiben, Kommentare, die darauf schließen lassen, dass sich die Mitglieder dieser APA schon länger kennen), anderes ist dafür wieder einfach zu verstehen. Manches wiederum ist für mich kaum interessant, anderes schon. Hier und da schwebt so ein Gedanke, dem ich mich anschließen kann, der Fragen aufwirft, die ich beantworten könnte oder über die ich gerne mal nachdenke. Ab und zu stoße ich auch mal auf so ein Ding, wo sich in mir Protest regt („Hallo? Was ist denn das für ein Quatsch? / Kann man so gar nicht behaupten! / Was hat das denn im fantastischen Diskurs verloren?“ usw.)

Hatte ich erst kürzlich andernorts schon über den „Neuer Stern“ (Fanzine, bzw. Rundbrief) gesagt, „man fühlt sich etwas wie im Salon, einem Club, einem vereinsmäßigen Zusammenschluss von Leuten mit ähnlichen Interessen“ (mich selbst frei zitiert), so kann ich das jetzt gerade wiederholen. Im Salon gibt es auch immer Leute, mit denen man einer Meinung ist, Leute, mit denen es funktioniert und Leute, mit denen man sich ständig in den Haaren liegt.
Nun zum Fazit: Ich, Schriftsteller, Underground-Publisher, Aficionado des Fantastischen, bin kein Stammtischtyp und mein Lebtag noch in keinen Verein eingetreten, dafür ist meine innere Anarchie wohl die Hauptverantwortliche. Was ich aber mag, ist das gemeinsame Spinnen von Seemannsgarn und der Austausch über Dinge, die mich bewegen. Wäre das nicht so, ich würde wohl kaum unzählige Stunden in die Herausgabe eines eigenen Low-Profit-Magazins stecken und stattdessen einfach für die Schublade schreiben.

Die Motivation hinter der APA ist mir mehr als verständlich. Tatsächlich bin ich gerührt, dass es sie heute noch gibt und denke: Fantastik findet nicht nur im eigenen Gehirn statt (auch mal nicht nur im Gaming von Konsolenspielen). Fantastik braucht offensichtlich den Zusammenschluss von Köpfen (mehr so „MMPORG …“). Was Lovecraft gemacht hat, gibt es immer noch und so kann das bleiben. Was anachronistisch ist, bestimmen immer noch WIR und die Zukunft wird bunt, wenn wir ältere Verfahren des Kreativen und des Gedankenaustauschs nicht ganz über Bord werfen.

Auf jeden Fall fühle ich mich um etwas bereichert, von dem ich davor noch gar keine richtige Vorstellung hatte.
Danke dafür, Thomas Hofmann.

 

Thomas Hofmann ist Herausgeber des Fanzines „Neuer Stern“ und gegenwärtig auch des APAZines Futurian Amateur News, schreibt über Phantastik auf Thomas Hofmanns phantastische Ansichten  und ist in der Phantastik-Szene seit vielen Jahren als Illustrator bekannt.

Tobias Reckermann

Tobias Reckermann

Tobias Reckermann, Jahrgang 1979, lebt und schreibt in Darmstadt und arbeitet als Maschinist bei Whitetrain (www.whitetrain.de). Er ist Redakteur und Herausgeber des IF Magazin für angewandte Fantastik. Als Schriftsteller widmet er sich neben anderen Zweigen der Fantastik im Besonderen der Weird Fiction und chinesischer Wuxia-Literatur. Seit 2014 erschienen sind seine Romane Das Schlafende Gleis, Langfaust und Die zwei Schneiden des Glücks, außerdem die Erzählbände Venom & Claw und Graund, sowie mehrere Beiträge in Magazinen und Anthologien.

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