Am Abend

„Jetzt ist so gut, wie irgendwann anders.“, sagte Miriam. Der Abend war kühl. Der Sommer fast vorbei. Um die Lichtkoronen der Laternen im Park schwirrten Insekten und Gudrun legte ihrer Mutter die Decke um die Schultern, die sie eigentlich für sich selbst gebracht hatte.

„Sag sowas nicht Ma.“

„Ist schon gut, Schatz. Ist ja schon gut.“

Schweigen. Ein Flieger blinkte am Himmel. Irgendwie sah er zu nahe aus, fast so, als wäre er vom Dach der Parkgarage gestartet, deren Silhouette sich schwarz hinter den Baumreihen abzeichnete.

„Siehst du ihn?“, fragte Miriam.

„Ja, Mama. Ich sehe ihn.“

Miriam hob ihren Zeigefinger in den Abendhimmel und führte ihn zu dem kleinen leuchtenden Punkt, der an der Grenze zwischen Dämmerung und Nacht hing.

„Sirius.“

„Hast du Hunger, Mama? Ich habe Brote gebracht, falls wir hungrig werden. Willst du eines?“

Gudrun begann, in dem Strohkorb herumzukramen, der neben den beiden Frauen auf der Bank stand.

„Oder Kaffee. Willst du Kaffee, Mama?“

„Nein mein Schatz.“

„Oder sonst was. Möchtest du was anders Mama?“

„Ja. Da fiele mir schon was ein.“

Gudrun hielt in ihrer Kramerei kurz inne und blickte ihrer Mutter fragend ins Gesicht. Wartete darauf, dass ihre Mutter sagen würde, was sie gerne hätte. Aber Miriam schwieg. Da erst verstand Gudrun.

„Aber Ma. Nicht schon wieder. Du weißt doch, dass das nicht geht.“, sagte Gudrun flüsternd.

„Zier dich nicht so, Schatz. Alles geht. Man muss nur wollen.“

„Dr. Hanke hat es aber verboten. Er sagt, dein Herz sei zu schwach für solche Unsinnigkeiten.“

„Dr. Hanke ist nicht einmal halb so alt wie ich. Wie soll das Jüngelchen wissen, was für eine alte Dame wie mich gut ist und was nicht?“

Gudrun seufzte. Schweigend beobachteten die beiden Frauen, wie das letzte bisschen Licht aus den untersten Fitzelchen des Himmels verschwand und von den Umrissen der Stad aufgesogen wurde. Taubenblau zuerst. Dann Schwarz.

„Außerdem.“, sagte Gudrun.

„Außerdem was?“, fragte Miriam und hob einen Arm, damit ihre fröstelnde Tochter zu ihr unter die Decke schlüpfen könnte. Gudrun kuschelte sich an die Seite ihrer Mutter und legte den Kopf an ihre Schulter.

„Außerdem bist du völlig unmöglich. Und das in deinem Alter.“

„In meinem Alter, wie du so schön gesagt hast, braucht man sich um so Kinkerlitzchen wie Empfehlungen des Arztes nicht mehr zu kümmern. Man weiß dann selber, was am besten ist für einen. Einer der wenigen Vorzüge. Niemand hat mir mehr zu sagen, was ich darf und was nicht.“

„Ma!“

„Jetzt ist so gut, wie irgendwann anders, mein Kind. Jetzt ist wahrscheinlich sogar besser als irgendwann anders, weil ich jetzt glücklich bin.“

Gudrun weinte. Miriam legte ihr die Hand auf den Kopf und streichelte über das Haar ihrer Tochter.

„Weißt du noch Schatz. Wie gerne du es als Kind hattest, wenn ich dir abends die Haare bürstete?“

Gudrun schluchzte.

„Ich musste immer die Messingbürste meiner Mutter dazu benutzen. Du warst damals fest davon überzeugt, dass es sich um reines Gold handelte.“

„Mama?“

„Ja, mein Schatz.“

„Ich färbe mein Haar jetzt. Es wird Grau.“

„Silbern, mein Schatz. Es wird silbern.“

Auf dem Schotterweg kam ein Schatten knirschend näher und ging vorbei. Verschaffte den beiden Frauen so etwas Zeit, nach den richtigen Worten zu ringen.

„Sirius.“ Gudrun hatte sich wieder aufgerichtet, unter der Decke und blickte nach oben.

„Dein Vater hat ihn mir das erste Mal gezeigt. Er ist schon immer dagewesen. Das schon. Aber dein Vater hat mich erst aufmerksam gemacht, wie schön er ist. Wie einzigartig. So wie du.“, sagte Miriam und küsste ihre Tochter auf die Schläfe.

„Wir waren glücklich. So glücklich wie man nur sein kann.“

„Also gut.“, hauchte Gudrun reuig. „Gut.“

Sie fischte ihr Portemonnaie aus dem Korb auf der Bank.

„Ich hätte dir niemals davon erzählen sollen.“

„Hast du aber.“

Gudrun grummelte, als sie die beiden Tabletten aus einem kleinen metallenen Briefchen auf ihre Handflächen schüttelte.

„Die sind eigentlich für Jakob und mich. Wir wollten damit in den Urlaub fahren.“

„Ich weiß.“

„Voriges Jahr hatten wir einen Flug gebucht. Wir hatten eine Dokumentation auf dem Ätherview gesehen. Da hat alles so schön und nostalgisch gewirkt.“

„Du hast mir davon erzählt.“

„Glaub mir.“, sagte Gudrun und reichte ihrer Mutter eine der kleinen weißen Pillen. „Einmal und nie wieder. Die guten alten Zeiten können mir gestohlen bleiben.“

„Die guten alten Zeiten.“, antwortet Miriam und legte sich die Tablette auf die Zunge.

„Sirius.“, sagte Miriam.

„Sirius.“, sagte Gudrun und beide schluckten gleichzeitig.

„Ma?“

„Heute ist so gut wie irgendwann anders. Besser sogar.“

„Ich liebe dich Ma.“

„Ich weiß mein Schatz. Ich liebe dich auch.“

„Wir sehen uns am Sirius.“, sagte Miriam und zog ihre Tochter fest an sich. Ein Kuckuck rief und der südlichste Stern im großen Hund leuchtete hell.

 

(ERA 2008)

Erik R. Andara

Erik R. Andara

Erik R. Andara wurde 1977 in der Nähe des Dunkelsteinerwalds geboren und wuchs zurückgezogen in einer kleinen Klause am Waldrand auf. Er widmete sich dort, fast unmittelbar nach seiner Ankunft in dieser Welt, dem Lesen und Erzählen von Geschichten. Als er überrascht feststellen musste, dass diese Realität auch noch nach dem Übertritt ins neue Jahrtausend fortbestehen sollte, entschloss er sich, nach Wien zu gehen, um von dort aus seine Suche auszuweiten und aus allen Ecken und Enden des Multiversums weiteres Material für seine Geschichten zusammenzutragen. Heutzutage schreibt er vor allem düstere Phantastik, illustriert Buch- sowie Magazincover und zeichnet hin und wieder auch Comics. Zuletzt erschienen seine Geschichten und Illustrationen in Ausgaben des Visionariums (herausgegeben von Edition Gwydion) und des IF- Zeitschrift für angewandte Fantastik (herausgegeben von White Train), im Kriminal Journal Nr. 4 und im e-book Format auf der Plattform neobooks: „Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel“ und „Das Fest der Väter“.
Sein Verlags-Debüt „Nachtspiel und Morgengrauen“ erscheint demnächst.

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