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Als Godzilla in mein Leben trat

(Titelbild: Warner Bros., Godzilla)

Sobald ich damals nur in die Nähe des Hamburger Kinos „Regina Palast“ in Eppendorf kam, zog ich an der Hand meiner Mutter wie ein junger Hund an der Leine. Im Bann der Kinoplakate und Szenenfotos in den Schaukästen war ich nicht mehr zu halten!

Begierig tauchte ich ein in eine Welt der Abenteuer, die meine Fantasie aus den Bildern erschuf. Speziell sonntagnachmittags wurden ausschließlich cineastische Leckerbissen präsentiert, die den Pulsschlag kleiner Jungen in die Höhe trieben: Godzilla, King Kong, Herkules, Magiste, Zorro, Tarzan, Sindbad! – Monster und Helden gaben sich im „Regina Palast“ die Ehre.

Auch erste Italo- bzw. Spaghetti-Western drängten sich über Plakate und Fotos in mein wie ein Scheunentor offenes Bewusstsein. Django, Ringo, Sartana, Gringo, Rocco, Sabata – die dreckigen „Helden“ aus der Spätvorstellung übten auf mich eine beunruhigende Faszination aus. Unrasiert, staubig und zerlumpt, mit heimtückischen Visagen, Zigarillos im Winkel gemein grinsender Münder, Sombreros, Ponchos, Patronenkreuzgurten und Dynamit in der Faust. Sie schleiften Särge hinter sich her, mit denen sie Blei spuckende Schnellfeuergewehre transportierten, standen sich in wehenden Staubmänteln zum Duell auf Friedhöfen gegenüber oder legten namenlose Wüstenkaffs in Schutt und Asche.

Schon die deutschen Titel der Filme erzählten eine Story.

Töte sie alle und kehr allein zurück
Knie nieder und friss Staub
Bucaroo – Galgenvögel zwitschern nicht
Sartana – noch warm und schon Sand drauf
Meine Kanone, mein Pferd … und deine Witwe
Django – sein Colt singt sechs Strophen
Sein Wechselgeld ist Blei
Leichen Pflastern seinen Weg
Tote werfen keine Schatten
Willkommen in der Hölle
Django – Die Geier stehen Schlange
Laßt uns töten, Companeros

Solche Filme schienen mir so unerreichbar wie der Mond zu sein. Ich war doch nur ein kleiner Junge der vor dem Kino gerade mal so lange verweilen durfte, wie die Hand der Mutter es ihm gestattete.

Also drückte ich mir an den verglasten Schaukästen die Nase platt und vergaß alles um mich herum. Was musste geschehen, damit ich endlich einen richtigen Kinofilm sehen dufte, verflucht, verdammt und halleluja? Wann würde es mir erlaubt sein, mehr über die Bestie der Wildnis zu erfahren, mich auf die Suche nach König Salomons Diamanten zu begeben? Wann besaß ich die Reife für Meisterwerke wie Godzilla und die Urweltraupen?

Es war ja nicht so, dass es meinen Eltern an Verständnis für mein Begehren mangelte. Im Gegenteil. Besonders meiner Mutter, deren Leidenschaft für das Kino ein bis zum Rand mit Filmprogrammen der Illustrierten Filmbühne gefüllter Koffer belegte, waren meine Sehnsüchte nicht fremd.

Mein Vater berichtete mir gern mit verklärtem Blick von einer Zeit, in der Western mit Audie-Murphy bei jungen Männern hoch im Kurs standen. Schnörkelose Action, in der Schurken wie Dan Duryea, Jack Elam oder Lee van Cleef dem Helden das Leben schwer machten. Die Colts saßen locker aber nach etwas mehr als einer Stunde hatte der Held die Angelegenheiten geklärt. Das kam bei den jungen Männern damals verdammt gut an. Audie Murphy, der höchste dekorierte amerikanische GI des zweiten Weltkriegs wusste eben, wie man das Böse besiegte!

Es dauerte noch eine Weile, bis ich mit Freunden schließlich zum ersten Mal in einen Godzilla-Film gehen durfte. Der Film hieß seltsamerweise Frankenstein und die Monster aus dem All. Was das Ganze mit Frankenstein zu tun haben sollte, war uns weder klar noch wichtig. In erster Linie war es ein Godzilla-Film, und allein das zählte! Wir genossen einfach nur die nervenaufreibende Story, in der einige Weltstädte von verschiedenen Monstern attackiert wurden. Es stand also wieder mal verdammt schlecht um die Menschheit.

Das Durchschnittsalter des überwiegend männlichen Publikums musste ungefähr bei zwölf Jahren gelegen haben. Angespannt wippten wir in den abgewetzten Kinosesseln auf und ab und kamen aus dem Staunen nicht mehr raus. Das also war uns jahrelang entgangen! Godzilla – praktisch der Audie Murphy der Monster – Rodan, ein Flugmonster, Manda, eine Monster-Gottheit des alten Mu-Volkes, Baragon, ein mutierter Untergrund-Saurier, Mothra, eine Riesenmotte und King Ghidorah, ein dreiköpfiges Flugungeheuer – ein Festival der Monsterelite, und das alles in einem Film! Rücksichtslos frästen sie Schneisen der Verwüstung durch Städte und Landschaften, knickten Strommasten um, zerstampften Autobahnbrücken, zertrümmerten Wolkenkratzer, Züge, Autos und Menschen. Wir Kinder im Kinosaal fragten uns fassungslos, wie zum Teufel die Welt aus diesem Dilemma jemals wieder herauskommen sollte; und ob wenigstens die tapferen und unermüdlich kämpfenden Japaner noch einen Ausweg fanden.

Apropos Katastrophen. Ende der Sechzigerjahre überschwemmte eine Welle Pauker- und Lümmel-Filme die Kinos und machte auch vor unserem ehrwürdigen „Regina Palast“ nicht halt. Parallel brach für die Erwachsenen die Epoche der Aufklärung an. Die Schauspieler wurden von ihren Klamotten befreit und die Drehbücher von Sinn und Qualität. Es juckte, wurde gejodelt und aus der Lederhose gegrüßt. Es gab Reports über Schulmädchen, Hausfrauen, Krankenschwestern und Stewardessen, die allen Berufs- und Altersgruppen am Ende immer nur eins attestierten: Eine totale Sexbesessenheit. Kreative Geister – vermutlich im LSD Rausch – schufen Filmtitel wie Unterm Röckel stößt das Böckel , Graf Porno bläst zum Zapfenstreich oder Wo die prallen Möpse hüpfen. Nach Godzilla & Co bedrohten plötzlich Oswald Kolle und Beate Uhse die Menschheit.

Ich brach zu dieser Zeit lieber ein ganz anderes Tabu und schlich mich noch längst nicht volljährig im Schatten einer älteren Gruppe heimlich in Die Nacht der reitenden Leichen. Der Besuch dieses Horrorstreifens (Spanien/Portugal 1971) von Armando Ossari war eine Mutprobe der ganz besonderen Art, die allein schon darin bestand, unbemerkt in den Kinosaal zu kommen. Während die Eltern meinten, wir säße brav im neuesten Lümmel-Film, genossen wir den ersten wahren Schocker unseres Lebens. Welch spektakuläres Ereignis! Schon allein wegen einer heißen Sexszene auf einem Friedhof, während die ersten Leichen in ihren Gräbern genau so unruhig wurden wie wir unerfahrenen Jungen im Kinosaal. Sex auf einem Grab, während sich erste Knochenfinger durch die Erde wühlten … wow! Wen interessierten dagegen schon die lahmen Streiche der Lümmel von der letzten Bank? Ja, Die Nacht der reitenden Leichen war eine Offenbarung und verdammt gruselig, obwohl keiner von uns das nach dem Film jemals zugegeben hätte. Wenn diese verwesten, in schmuddelige Templerkutten gehüllten Leichen auf ihren modrigen Pferden in Zeitlupentempo ihre Opfer jagten, dann hielten wir gebannt den Atem an, zutiefst beeindruckt von den reitenden Leichen, die trotz Zeitlupentempo immer ihre Opfer erwischten, selbst wenn die – meist kreischende Frauen – in weltrekordverdächtigen Sprints davonhetzten.

Mit zunehmendem Alter, stetig wachsender Freiheit und etwas mehr Taschengeld konnte ich mir Kinobesuche schon bald etwas häufiger erlauben. Natürlich erweckten neben Godzilla und reitenden Leichen auch andere Filme mein Interesse, beispielsweise Klassiker wie Ben Hur oder Vom Winde verweht, bis ich eines Tages schließlich den ersten echten Kinohöhepunkt erleben durfte! Einen Film, der mir den Atem raubte. Der mich total überwältigte. Mir das Gefühl gab, den cineastischen Gipfel in meinem Leben schon früh erreicht zu haben. Was sollte denn danach noch kommen?

Once Upon A Time In The West – Spiel mir das Lied vom Tod. Der Film! Der Western! Die Musik! Unglaubliche Bilder! Unvergessliche Szenen. Grandiose Schauspieler! Was für eine Anfangssequenz! Sergio Leone hatte sein Meisterstück abgeliefert. Dieser Regisseur verwandelte die Gesichter der Schauspieler in Landschaften und gab Landschaften ein Gesicht. Das war kein Western, das war schlicht und ergreifend eine Revolution!

Damals verließ ich den geliebten „Regina Palast“ mit dem Gefühl, den besten Film aller Zeiten gesehen zu haben. Danach hätte ich das Kapitel Kino eigentlich abschließen können. Noch heute zähle ich Spiel mir das Lied vom Tod mit seiner genial-opulenten Mischung aus Musik, Bildern, Kulissen und Massenszenen, zu den absolut wichtigsten Meilensteinen meiner persönlichen Kinostory. Ich wollte dieselbe Jacke wie Bronson haben und Mundharmonika lernen. Ich wurde von einem Tag auf den anderen Ennio Morricone-Fan. Meine Generation hatte sich endlich emanzipiert von John Ford, John Wayne, Gary Cooper und Audie Murphy. Wobei Meister Leone scheinbar ganz nebenbei das Kunststück gelang, der lebenden Legende Henry Fonda eine völlig neue Richtung zu geben und den kurzen und knackigen Auftritt des auf Bösewichte abonnierten Jack Elams in richtig großes Kino zu verwandeln.

Ich weiß nicht mehr genau, wann der „Regina Palast“ geschlossen wurde und ein expandierendes Kaufhaus unser Leben wieder etwas grauer und ärmer machte. Ich muss allerdings gestehen, dass ich dem guten, alten Kino in Eppendorf nicht bis zuletzt die bedingungslose Treue gehalten hatte. Längst hatte ich damit begonnen, meine Besuche immer häufiger auf das „Magazin“ zu verlagern, einem Programmkino in der Nähe der U-Bahnstation Lattenkamp. Dort wurden monatlich festgelegte und täglich wechselndes Filme gezeigt – aktuelle Filme und Kultklassiker im flotten Mix. Streifen zwischen Kitsch und Kunst, Kalauer und Kult, Sensationen und Skandalen. Es war der neue Zeitgeist. Das Leben nahm Fahrt auf, wurde schneller, provokanter und mutiger.

Die Teufel von Ken Russel, Pink Floyd in Pompeji, Blow Up, Zabriski Point, Jeremiah Johnson, Das große Fressen, M.A.S.H., Little Big Man, Chinatown, Clockwerk Orange, Tod in Venedig, Mc Cabe and Mrs. Miller, Flussfahrt – Beim Sterben ist jeder der Erste, Harold und Maude, French Connection, Die Reifeprüfung, Die letzte Vorstellung, Mach’s noch einmal, Sam, Fritz, the Cat, Tarzoon, die Schande Dschungels, Der Tod kennt keine Wiederkehr, Is’ was, Doc?, Was Sie schon immer über Sex wissen wollten …, Wenn die Gondeln Trauer tragen, American Graffiti, Hundstage, Rocky, Ein Käfig voller Narren, Die Blechtrommel, Tommy, Stille Tage in Clichy, Der letzte Tango von Paris, Kentucky Fried Movie, die Viel-Rauch-Um-Nichts-Filme mit Cheech und Chong, Höhenkoller, Silent Movie und Blazing Saddles von Mel Brooks – kurz gesagt meine cineastische Reifeprüfung hatte begonnen.

Einst hatte ich als Junge den „Regina Palast“ betreten, um einige Jahre später als Mann das „Magazin“ zu verlassen. Und doch denke ich manchmal mit Wehmut an jene Zeiten zurück, in denen der Besuch einen Godzilla-Films mich zum glücklichsten Jungen der Welt werden ließ.

Bernd Richard Knospe

Bernd Richard Knospe, 1958 in Hamburg geboren und dieser wunderbaren Stadt bis heute treu und verbunden geblieben. Ist glücklich verheiratet, arbeitet in der Medienbranche und schreibt leidenschaftlich gern Short Storys und Romane.
Erster veröffentlichter Roman ist der 2016 erschienene Hamburg-Krimi BLUE NOTE GIRL im eBook Format bei hey! publishing. Weitere Romane sollen bald folgen.

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