Als der Meister starb, Kapitel 2 und 3

Kapitel 2 des Buches ist Gespenster-Krimi Band 571, Der Tyrann aus der Tiefe. Eine Zwischenstation, auch in erzähltechnischer Hinsicht. Robert Craven und die restlichen Überlebenden der LADY OF THE MIST kommen in Schottland in einem kleinen Fischerdorf an, genauer: in Goldspie. Ob das jetzt ein Schreibfehler ist oder ob Hohlbein das absichtlich verfremden wollte, ist ungewiss. Ein Goldspie gibt es in Schottland nämlich nicht, wohl aber ein Golspie. Das Loch Shin, in dem hier die Bestie lebt, der man an Vollmond Opfer darbringt, ist von dort allerdings fast 50 Kilometer entfernt.

Davon wissen die Überlebenden noch nichts und quartieren sich in einem Hotel ein. Robert will indes auf der Bank einen der Wechsel einlösen, die ihm Andara hinterlassen hat – und sich nach einem neuen Anzug umsehen, als er das erste Mal von einem Craal, einer Blutbestie attackiert wird. Es handelt sich dabei um ein Wesen, das allein Hohlbeins Feder entsprungen ist und kein Vorbild bei Lovecraft hat. Das verhält sich mit den Schilderungen Goldspies anders. Da lässt Hohlbein sich stark von Innsmouth inspirieren, ohne aber von der bei Lovecraft typischen Degeneration der Bewohner Gebrauch zu machen. Denn Goldspie ist natürlich nicht Innsmouth. Die Blutbestie aber fügt sich gut in das Lovecraft’sche Universum ein, ist halb unsichtbar und verströmt selbstverständlich einen Fischgestank. Robert verletzt sich an seinem Degen und er blutet, was eigentlich notwendig ist, um das Craal überhaupt auf seine Spur zu bringen. Hier liegt ein kleiner Fehler im Detail, denn die Blutbestie hat ihn ja offenbar auch ohne den offenen Blutgeruch finden können. Den ersten der drei Magier des Dorfes tötet das Craal nämlich (aus versehen), weil er durch einen Kampf, in dem Robert mit ihm verwickelt ist, Roberts Blut auf die Wange gespritzt bekommt. Und dem Craal ist es schließlich egal, wen es in die Fänge bekommt.

Es gibt in Goldspie drei Magier. Wir haben es schon im ersten Band (von Andara, der Mutter Rodericks) gesagt bekommen: drei sind genug, aber auch mindestens notwendig, um von einem Zirkel sprechen zu können).

Zwei von ihnen können getötet werden, aber die Identität des dritten bleibt auch am Ende des Kapitels völlig offen. Wie indes die „Urzeitbestie“ in Loch Shin reagiert, nachdem der Polizeichef Donhill – einer dieser Magier – getötet wird, sehen wir ebenfalls nicht. Dabei soll Donhill der einzige gewesen sein, der die Bestie im Zaum halten kann. Einst ist er gemeinsam mit Leyman (eben derjenige, der von der Blutbestie getötet wird, weil er einen Tropfen von Roberts Blut an die Wange bekommt) in das Dorf gekommen. Gemeinsam haben sie es unter Kontrolle gebracht und die Bewohner unter ihren Bann gezwungen.

Zwei Dinge bleiben von diesem kleinen Intermezzo haften: Roderick Andara erscheint Robert als warnender Geist und unterstützt nach seinen Möglichkeiten Roberts Flucht. Dabei erwähnt er, dass der Tod nicht das ist, was man gemeinhin glaubt. Und Priscylla, die Robert und Bannermann bei sich versteckt, als der Mob sie sucht.

Priscylla ist deshalb wichtig, weil sie Robert bittet, sie nach London mitzunehmen. Aus heiterem Himmel nämlich ist zwischen beiden die Liebe ausgebrochen. Das mag der Extremsituation geschuldet sein und wer wäre da besser als Gefährtin geeignet, als ein blutjunges Mädchen, das bereits mit dem Grauen konfrontiert worden ist? War Hohlbein da schon klar, dass Priscylla der „dritte Hexer“ ist? Liest man die Passage, die dazu führt, dass sie nach London mitgenommen wird, kann man sich das kaum vorstellen. Vielleicht hat sich ihm das während des Schreibens aufgedrängt, obwohl er es anfangs gar nicht so machen wollte. Hohlbein plottet ja nicht, er schreibt (das hat er mit King gemeinsam) einfach drauflos.

Wir brauchen hier gar nicht lange zu verweilen, denn viel mehr gibt die Geschichte nicht her und bleibt, trotz Hohlbeins gefälliger Schreibweise, im Stereotyp eines Groschenromans stecken. Dabei wäre das bei übergreifendem Handlungsbogen gar nicht notwendig gewesen. Und – hatte der Autor nicht eine Ausgabe letzter Hand schaffen wollen? Hätte er mal machen sollen. Denn, angekommen in London, erfahren wir nichts mehr über Bannermanns verbleib. Man kann sich freilich denken, dass sich ihre Wege getrennt haben, aber es wäre doch schön gewesen, zumindest in einem kleinen Absatz davon zu lesen. Wieder verweise ich auf die (angebliche?) Überarbeitung des Hexer-Zyklus.

Die Hexe von Salem

GK 575 mit der damals üblichen und dämlichen Erweiterung des Titels

Und schon sind wir in London, der ach so geliebten Stadt deutscher Autoren. Das ist der Teil, in dem Robert auf Lovecraft (die Figur!) trifft, in dem Robert sein Erbe antritt – und in dem der „vermisste“ dritte Magier und das Urvieh aus dem letzten Kapitel wieder auftauchen. Wenn ich mir vorstelle, dass diese drei Bände unabhängig von der Heftroman-Norm entstanden wären, weil es Wolfgang Hohlbein eben nicht gelang, in seiner Nacharbeit die Unregelmäßigkeiten und Kluften zu beheben – wir hätten ein erstaunliches Buch bekommen. Ich habe schon im Prolog darauf hingewiesen, dass ihm das bei „Enwor“ – allein was die Atmosphäre betrifft – hervorragend gelungen ist (auch wenn die Reihe unter anderen Schwächen leidet). Und hier offenbart sich vielleicht das größte Manko, eine an sich komplexe Geschichte wie die um den Hexer in den Gespenster-Krimi zu packen. Wie wir sehen werden, ändert sich das dann auch, wenn Der Hexer in seine eigene Serie mündet.

Interessant ist dieser Teil gar nicht einmal durch das Auftauchen des Urzeitdämons in London oder der Hexe Lyssa, die Robert nun endlich zur Strecke bringen will, sondern durch das Aufeinandertreffen von Robert, Lovecraft mit seinem Diener Rowlf, sowie dem Anwalt Dr. Gray, der die Erbangelegenheiten für Robert regeln will. Drei Tage irrt Robert bereits durch London auf der Suche nach dem geheimnisvollen „Howard“. Er weiß nur diesen Namen und dass er ihm im Hotel Westminster finden wird. Was er nicht weiß: es gibt zwei dieser Hotels. Im ersten ist er mit Priscylla abgestiegen, aber ein freundlicher Herr macht ihn darauf aufmerksam, dass es noch eine Pension gleichen Namens gibt. Einen heruntergekommenen Schuppen in einer ebenfalls heruntergekommenen Gegend Londons.

Lovecraft in London

Das mag verwundern, denn Lovecraft war nie in London. Aber er schätzte diese Stadt, wie er ja überhaupt ein begeisterter und faszinierter Königstreuer war. Als Amerikaner sah er sich nämlich keineswegs. In seinem Fragment "The Descendant" hat er versucht, eine Studie über London zu schreiben. Und das Commonwealth galt ihm in kultureller Hinsicht als das Maß der Dinge. Hohlbein hat der Anglophilie Lovecrafts hier Rechnung getragen, und man kann davon halten, was man mag, aber es ist doch ein schöner Zug, dass er ihn nach London versetzt hat.

In der Pension Westminster, die ausschließlich von H.P. und Rowlf bewohnt wird, erfährt er neben vielen anderen Dingen, seinen Vater betreffend, dass er aufgrund seines Erbes zu den 10 reichsten Männern des Landes gehören dürfte. Dr. Gray, ein befreundeter Anwalt – und ein intimer Freund Lovecrafts als auch Andaras – soll die Angelegenheiten regeln. Vorher jedoch wird ihm ein versiegelter Brief seines Vaters übergeben, in dem nichts steht, das für Robert neu gewesen wäre. Aber darum ging es bei diesem Brief auch nicht. Wäre Robert nämlich nicht der Sohn Andaras gewesen, hätte er weder das Siegel erbrechen können, noch überlebt. Der wichtigste Teil von Roberts Erbe allerdings ist nicht das Geld; es sind die Bücher, die Rodericks gesamtes magisches Vermächtnis darstellen. Nur ist das mitsamt der LADY OF THE MIST vor der schottischen Küste im Meer versunken. Es zeichnet sich also ab, wie es weitergehen wird, denn Lovecraft insistiert, so schnell wie möglich erneut zur Unglücksstelle zu reisen, um die Bücher zu bergen. Zusammenfassend lässt sich die Erbschaft also auf folgendes reduzieren: Geld, Fluch, Hexenkräfte, Bücher.

Bevor die Abreise jedoch vorbereitet werden kann, dringen Schläger in Lovecrafts – eigentlich von ihm für sicher gehaltenes – Haus ein. Das ist ein Ablenkungsmanöver der Hexe Lyssa, um Priscylla zu entführen. Damit hat sie ein Druckmittel gegen Robert in der Hand und zwingt ihn zu einem verlassenen Hafenbecken, wo er dem Urzeitdämon als endgültiges Opfer dienen soll. Hier offenbart sich nun, das doppelte Spiel der Hexe, denn (wie weiter oben bereits erwähnt) ist sie mit Priscylla identisch und hat Robert von Anfang an getäuscht. Im letzten Augenblick erscheinen Howard, Rowlf und Dr. Gray, die der Bestie zwar Verletzungen beibringen können, mehr aber auch nicht – bis sich die gewaltige Glocke vom Glockenturm löst und dem Monster den Kopf einschlägt. (Hier greift erneut der Geist Roderick Andaras ein, was aber nur zum Schluss von Robert wie ein Hauch wahrgenommen wird).

Howard droht Lyssa damit, sie töten zu wollen, aber unser verliebter Robert verhindert das und glaubt, dass er die Hexenkräfte der jungen Frau austreiben kann. Zunächst aber wird die bewusstlose Frau in ein Sanatorium gesteckt.

 

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon, Eskapist.

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