Alptraum-Horror

Das Horrorpublikum deckt ein weites Spektrum ab, aber am jeweiligen Ende finden sich zwei Extreme. Diese gegensรคtzlichen Positionen entsprechen weniger einem Interessenkonflikt als dem Grad des Morbiden.

An einem Ende haben wir die Leute, die den Horror genieรŸen, wenn darin das รผbernatรผrliche Chaos in Schach gehalten wird. Deren extravaganter Anteil ist relativ gering. Die innere Logik der Horrorgeschichte muss sich nahe am tรคglichen Leben orientieren. Sie nehmen ihren Horror wie ein Abstinenzler Honig; nur, um den Gaumen ganz leicht zu kitzeln.

Das gegensรคtzliche Extrem ist eine Gruppe, die die ganze Phantasmagorie des Horrors wie ein All-you-can-eat-Buffett begrรผรŸt. Ihr Hunger nach grausamen Delikatessen ist unersรคttlich. Das sind jene, die das Schild โ€žKein Durchgangโ€œ, das zu ihrer Sicherheit aufgestellt wurde, ignorieren, diese Leichen fressenden Fabelwesen sind nur allzu willig, den Stacheldrahtzaun nieder zu trampeln, um durch das verbotene Land zu kriechen. Und um so mehr Knochen รผberall herumliegen, um so grandioser die Lagerfeuer-Legenden, die diesen Ort umgeben, desto glรผcklicher sind sie. Fรผr sie gibt es nichts Schรถneres, als die festen Gesetzte der Vernunft im Rachen der Dunkelheit verschwinden zu sehen.

Es gibt einen Begriff fรผr diese Art von Horror. Es handelt sich dabei nicht um ein eigentliches Subgenre, aber durchaus um ein etwas unterschiedliches Level der Horrorliteratur: Alptraum-Horror.

Mit Alptraum-Horror meine ich nicht zwangslรคufig Geschichten, in denen es um Figuren geht, die an schlechten Trรคumen leiden oder die im Fieberwahn umhertappen. (Obwohl es da einige gute Beispiele gibt: H. P. Lovecrafts Jenseits der Mauer des Schlafs, oder Guy de Maupassants Das unsichtbare Wesen.) Nein, Alptraum-Horror ist jedes Werk, das vom Unheimlichen und vom Dunklen so getrรคnkt ist, dass es unsere logischen Sicherheitsvorkehrungen durchlรถchert und uns Erfahrungen beschert, die unseren intensivsten Alptrรคume gleichen.

In den meisten Horrorgeschichten schleicht sich das โ€žgroรŸe Bรถseโ€œ in die Welt, wie wir sie kennen, und wir sind verzweifelt, sie verpestet zu sehen. Und weil einige โ€“ vielleicht die meisten โ€“ Leser die Auflรถsung ihrer Konsens-Realitรคt fรผrchten, gibt es darin mindestens eine Figur, die den redlichen Kampf aufnimmt, um das gรคngige Leben zu beschรผtzen. Daraus ergeben sich die Handlungen von Spaziergรคnger-Horrorgeschichten, wo der einzige Konflikt daraus besteht, dass Figuren wie ReiรŸbrettzeichnungen die Papiertiger des Bรถsen abwehren.

Hingegen interessiert sich Alptraum-Horror nicht im geringsten fรผr den Status Quo. Er brรผskiert nicht nur die Gesetze des Wachzustands sondern auch die Richtlinien, die Schriftsteller รผblicherweise ziehen, um โ€žgute Literaturโ€œ zu fabrizieren. Er bietet weder postmoderne Meta-Text-Verspieltheit, noch comicartiges Relief (hรถchstens, um schwรคrzeste Ironie darzubieten, oder dekadenten Galgenhumor). Solch ein starkes Konzentrat ist fรผr die einen Gift, fรผr die anderen ist es Ambrosia. Wenn der grรถรŸte Teil des Horrors das literarische ร„quivalent einer Achterbahnfahrt ist, die uns am Ende wieder dorthin zurรผck bringt, wo wir eingestiegen sind, dann ist Alptraum-Horror ein Fahrstuhl in den Hades. Seine Schรถpfer bieten keine Rรผckkehr nach oben an. Sie locken dich, die Kabine zu betreten, und wenn die Tรผren erst geschlossen sind, schneiden sie das Kabel durch.

In diesen Geschichten strahlen selbst die banalsten Dinge eine numinose Energie aus, und all die MaรŸeinheiten, die wir gewรถhnlich dazu verwenden, die Glaubwรผrdigkeit einer Geschichte zu รผberprรผfen (รผberzeugende Dialoge, Originalschauplรคtze, plausible Charaktermotivation, etc.) werden heimtรผckisch gegen den Leser eingesetzt. Alles sondert Bedrohung ab. AuรŸerdem gibt es keine Moral in diesen Geschichten. Alptraum-Horror bietet weder Trost noch Auflรถsung. Die Normalitรคt, die wir aufrechterhalten, ist unwiederbringlich durch den rostigen Abwasserkanal am Rande der Vernunft entwichen, hinfortgespรผlt von der Flut eines wiederauflebenden Atavismus aus dem Keller unseres Bewusstseins.

Vielleicht liegt das wichtigste Unterscheidungsmerkmal des Alptraum-Horrors im Willen, dem Monstrรถsen zu eigenen Bedingungen zu begegnen, statt das Monstrรถse als bequeme Metapher fรผr Allzumenschliches einzusetzen. Der Freudianische Sessel-Analytiker bringt hier wenig Licht ins Dunkel. Keine Post-Lese-Autopsie wird den โ€žSinnโ€œ hinter dem Schrecken entrรคtseln. Manche unserer Alptrรคume sind sicher nicht mehr als verschlรผsselte Botschaften, die, wenn sie erst einmal entschlรผsselt sind, uns persรถnliche Einsichten gewรคhren, um uns zu besseren Bรผrgern zu machen. Andere Alptrรคume sind โ€ฆ ganz einfach Horror. Es hat keinen Sinn, sie in einen dieser Selbstverbesserungsplรคne hineinzuzwรคngen. Ihre Missgestalt nimmt keine Rรผcksicht auf wie auch immer geartete Ambitionen. Ihr wahrer Wert liegt schlicht in der Erfahrung, die sie anbieten: den exklusiven Schock und Ehrfurcht, wenn die harten Wรคnde weich werden und sich das Wasser im Abfluss in die falsche Richtung dreht.

Wie Charles Lamb in seinem Essay von 1821, โ€žรœber Hexen und nรคchtliche ร„ngsteโ€œ festhielt:

โ€žGorgonen und Hydras und Schimรคren โ€“ grรครŸliche Geschichten รผber Celaeno und die Harpien โ€“ mรถgen sich im Kopf des Aberglรคubischen nachbilden โ€“ aber sie waren schon vorher da. Es sind Kopien, Arten โ€“ diese Archetypen finden sich in uns, und sie sind ewig. Wie sonst sollte uns die Schilderung dessen, was wir im Wachzustand als falsch erkennen, รผberhaupt berรผhren?โ€œ

Die kraftvollsten Geschichten des Alptraum-Horrors sind meistens kurz, denn um eine Romanlรคnge zu erhalten, muss der Schriftsteller das Konzentrat verdรผnnen, um auf eine hรถhere Seitenzahl zu kommen.

Als Schriftsteller bekenne ich, dass meine eigenen kreativen Versuche mehr im Alptraum-Horror wurzeln als in einem anderen literarischen Modus. Ich fertige meine Arbeit, um Bilder zu รผbermitteln, die einem Traumzustand รคhneln. Eine groรŸe Zahl meiner Geschichten (und nicht zuletzt die darin enthaltenen abnormalen Bilder) sind meinen eigenen Alptrรคumen entnommen. Ich hatte nie das Bedรผrfnis, meine Trรคume zu analysieren, ihr Lรถwenanteil betrifft eindeutig die Nachtseite der Natur. Stattdessen versuche ich, Prosa zu schreiben, um diesen Trรคumen ein GefรครŸ zu geben und damit andere sie ebenfalls erleben kรถnnen, wenn sie das Bedรผrfnis danach haben.

Ich glaube, meine Literatur ist weniger ausgearbeitet als dass sie einer Reportage gleicht. Ich schreibe, was ich sehe und ich mache keinen Unterschied zwischen den Bildern meines Lebens im Wachzustand und den Erfahrungen wรคhrend des Schlummerns. Ich glaube, dass Bewusstsein ein Kontinuum ist. Es ist nahtlos. Die Grenzen sind nur jene, die wir selbst verhรคngen.

Davon abgesehen respektiere ich die Tatsache, dass ich, um meine Trรคume angemessen zu vermitteln, ihnen einen erzรคhlerischen Kontext geben muss. Nun, was ist wichtiger โ€“ das Saatgut des Alptraums oder die erzรคhlerische Technik, die erforderlich ist, um es zu pflegen und zum wachsen zu bringen? โ€“ Das erinnert etwas an die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Wahrscheinlich ist weder das eine noch das andere fรผr sich genommen stark genug. Ohne irgendeine Form eines traditionellen Erzรคhlbogens, wie immer auch gestaltet, bleibt der Alptraum eine subjektive Erfahrung. Nur einen andersweltlichen Abklatsch subtrahierend, wird die Literatur nachahmend und abhรคngig von einer Schock-Taktik, und kommt nur selten รผber einen Wรผrgereflex hinaus.

Am Ende ist alptraumhafter Horror davon abhรคngig, wie weit seine Schรถpfer den Vorhang fortreiรŸen wollen. Vielen genรผgt es, nur anzudeuten, dass das Universum dunkel und tief ist. Das sind die Horrorautoren fรผr all jene, die das Unheimliche mit der Pipette verwalten. Fรผr den Rest, fรผr die zu viel niemals genug ist, bin ich zuversichtlich, dass es immer Autoren wie mich geben wird, Autoren, die stets bereit sind, mit dem Kopf voran in den Abgrund zu springen.


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Richard Gavin

Der in Ontario, Kanada lebende Richard Gavin ist Autor zahlreicher hochgelobter Werke รผber Horror und Okkultismus, darunter Charnel Wine, Omens und Primeval Wood. Seine Sachbรผcher erscheinen regelmรครŸig in der Zeitschrift Rue Morgue und in anderen Magazinen.

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