Kategorie: Allgemein

Das Unendlichkeitsprinzip

Stundenbuch

Mallarmé hat das Lesen immer wieder in ganz prägnanter Weise zum Thema gemacht. Er hat für die Poesie demonstrativ ein Geheimnis reklamiert und ihre Rezeption einer Extensivierung und Beschleunigung der Lektüre gegenübergestellt. Mallarmé kämpfte als Dichter auf verlorenem Posten um Resonanz bei einem bürgerlichen Publikum, das er bereits zu einem großen Teil an die Massenpresse und die wohlfeile Feuilletonliteratur verloren hatte. Er wies darauf hin, dass die Zweckorientiertheit eine ganz spezifische Lesehaltung einübe: die Sprache wird nur mehr als Instrument wahrgenommen und die Texte auf ihren Informationsgehalt reduziert. Dadurch würden Lesetechniken und Lesehaltungen verdrängt, die poetische Texte eigentlich fordern: ein Lesen, das den Zeitaufwand der Lektüre und ihren Nutzwert nicht gegeneinander aufrechnet, das das Geschriebene nicht auf einen konkreten Sinn hin festzunageln sucht und das einen gewissen Respekt der Sprache und dem eigenwilligen oder abseitigen sprachlichen Ausdruck gegenüber voraussetzt. Wer die Poesie liebt, könnte man folgern, hat Zeit.

(mehr …)

Dunkelviolette Geschichten: Mummenschanz in großen Hallen

Im Englischen gibt es die Bezeichnung “Purple Prose”, die einen Stil beschreibt, der in erster Linie imaginativ und hyperbolisch ist. Die Farbe selbst taucht die Psyche in einen mystischen Ozean. Den oft zitierten “Riss” in der Realität, der angeblich phantastische Literatur auszeichnen soll, habe ich nie akzeptiert, weil für mich niemals eine Schranke sichtbar war, die eine erfundene Realität von einer erfundenen Phantastik trennen könnte. Glaube ich an Gespenster? Nun, zumindest pflege ich sie, und während im KOVD-Verlag die Novelle “Ich bin die Nacht – Du bist der Ort” vorbereitet wird, wollte ich noch einmal eine Übersicht über die einzelnen Geschichten aus “Mummenschanz in großen Hallen” geben.

Mummenschanz in großen Hallen

White Train

Zu Beginn der Geschichte “Mummenschanz in großen Hallen” stand ein Gedicht. Das ist bei mir nichts Ungewöhnliches. Für mich steht oft eine vage Atmosphäre im Vordergrund, die nicht anders auszudrücken ist als durch eine abstrakte Wortschöpfung. Das Gedicht selbst habe ich der Geschichte dann auch vorangestellt. Ich bin sehr argwöhnisch, wie man heute mit Worten umgeht, wie man sie zum Instrument einer beschreibbaren Welt macht. Der Preis ist der Verlust der Tiefe, die sich immer mehr aus der Welt zurückzieht und nur noch Sprachabfall hinterlässt. Die kostbarsten Gedichte sind ein unbestimmbarer Augenblick, ein nichträumlicher Punkt im Universum, dem man sich träumend nähert. Vielleicht macht sie das so schwer begreiflich.

In dieser Geschichte, die als Gedicht “Mumpenzimmer” hieß, sah ich ein mächtiges Gebirge vor mir aufragen, kupferfarben und golden dräute es vor einem unbestimmbaren Himmel und verströmte eine absolute Stille. Schnell wurde das Gebirge zu einem Palast mit mächtigen Säulen. Ein See lag davor und umgab den Palast vermutlich ganz. Der Kahn ist für mich immer noch das Symbol, mit dem die toten Seelen reisen. Was wollte ich an einem solchen Ort, an den ich meine Seele schickte? So weit ich das beurteilen kann: Einem Prozess der Umwandlung beiwohnen und sehen, was aus einem einst verlorenen Gegenstand geworden sein könnte.

(mehr …)

Genretalk über Phantastik

Zauberwelten-Online ist ein phantastisches Magazin, auf dem Games, Tabletop, LARP und Anderes besprochen wird. Aber es gibt eben auch eine literarische Sektion. Relativ neu ist da der Genre-Talk, den Andreas Giesbert in gewissen Abständen mit Protagonisten unterschiedlichster Genres führt, um an Ende eine reichhaltige und diverse Kolumne zu erhalten. Mich hat es sehr gefreut, dass ich mit ihm über das Thema der Phantastik ganz allgemein plaudern durfte. Networking ist ja nicht unbedingt unser aller Stärke hierzulande. Umso notwendiger sind solche Rubriken.

Siehe auch: Claudia Rapp im Genretalk über Zeitreisen // Arthur Gordon Wolf im Genre-Talk // Was ist Weird Fiction? // Faye Hell im höllischen Genre-Talk

Das Grauen schleicht …

Es dürfte einigen Fans des phantastischen Heftromans sofort klar sein, dass der Pate für den Namen dieser Website der legendäre erste Gruselroman Deutschlands ist, geschrieben von Jürgen Grasmück alias Dan Shocker.

Das Grauens schleicht durch Bonnards Haus” muss jeden Nostalgiker zum Luftsprung verleiten und sogar jüngeren das Gefühl geben, dass im Jahre 1968 etwas Entscheidendes geschah, etwas, das man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Heute ist die phantastische Literatur in allen Medien überpräsent, und das ist zunächst einmal eine gute Nachricht, auch wenn ich dem Mainstream überhaupt nichts abgewinnen kann. Es scheint, als gäbe es innerhalb einer Subkultur, die sich mittlerweile etabliert hat, noch eine weitere – eine ewige Subkultur. Aber auch wenn ich mich im Laufe vieler Jahre mit anderen Leseeindrücken beschäftigt habe, ist doch das Feld des Pulps, der Groschen usw. eines, zu dem ich immer wieder zurückkehre. Ich beziehe mich da nicht allein auf den sogenannten Groschenroman, sondern auf das Phantastische überhaupt. es ist doch so: gutes Erzählen muss unterhaltsam sein.

Und dem will ich auf dieser Seite etwas nachspüren.

Das ist natürlich an Privatheit kaum zu übertreffen, und so ist alles, was ich hier von mir gebe, rein subjektiv. Man sollte es eigentlich nicht erwähnen müssen, aber die Zeiten, in denen wir leben … 

Montagsfrage: Welchen Einfluss haben Jahreszeiten auf dein Leseverhalten?

Montagsfrage

Die heutige Montagsfrage auf Lauter & Leise stammt von Büchernarr, und sie verleitet mich eigentlich gleich dazu, abzuschweifen, weil unter dem Begriff Leseverhalten selbst ziemlich viel kumuliert. Ich versuche mich dennoch kurz zu fassen, weil es hier nicht um Studien geht, sondern um eine persönliche Antwort.

Sieht man sich etwas unter Buchbloggern um, könnte man durchaus der Meinung sein, dass es arttypisch ist, seine Lesegepflogenheiten den Jahreszeiten anzupassen. Allerdings ist das ein Umstand, der bei mir nie verfangen hat; ganz im Gegenteil löst das bei mir eine große Verwunderung aus. Erklärbar wird dieses Verhalten allerdings durch die Marketingkampagnen der Verlage, ausgelöst durch die Tatsache, dass zum Beispiel zur Weihnachtszeit Jahr für Jahr bestimmte Filme im TV laufen und das auch vom Publikum angenommen und gewünscht wird. Das ließe sich doch auch auf den Buchsektor transferieren und erweitern.

(mehr …)