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Alfred Kubin – Die andere Seite

Übersetzt von Michael Perkampus

Die Arbeit des Österreichers Alfred Kubin (1877 – 1959) fügt sich nahtlos in die Expressionistische/Dekadente/proto-Surrealistische Tradition. Das einzige erzählerische Hauptwerk des hochgelobten Künstlers ist: Die andere Seite, 1908 veröffentlicht. Obwohl der Roman nach wie vor unterschätzt wird, erlangte er Kultstatus nicht zuletzt dadurch, weil er der Lieblingsroman vieler Autoren und Künstler ist. Es ist zum Beispiel schwer zu glauben, dass Mervyn Peake Kubin nicht gelesen hat, bevor er seine Gormenghast-Romane schrieb. (Die andere Seite ist im Ton vielleicht am nächsten an Peakes Titus Alone (dt. Der letzte Lord Groan).

Die Datails aus Kubins Leben, die in Relevanz zu seinem Erzählwerk stehen, sind folgende: Seine Mutter starb, als er zehn Jahre alt war, er hatte eine Beziehung zu einer älteren, schwangeren Frau im Alter von elf, sein Vater war ein Tyrann, dessen Tod mitverantwortlich war für die Entstehung des Romans Die andere Seite. Alfred Kubin geht in seinen sonstigen Schriften erstaunlich offen mit diesen persönlichen Belangen um, was uns einen seltenen Einblick in seine Motivationen und Einflüsse gewährt.

Diese Ereignisse sowie einige unglückliche Romanzen trugen zu seinem Unbehagen, seiner melancholischen Stimmung bei, und manifestieren sich in einzigartigen Visionen, die sich wiederum in seiner Kunst niederschlugen, als der einzigen Möglichkeit, jenen Alpträume, die sich in seinem Kopf festgesetzt hatten, zu begegnen. Kubin hatte keinen inneren Zensor, der ihm sagt: „Nein, das ist zu viel.“ Er hatte noch nicht einmal die Fähigkeit, zu erkennen, daß das, was er entstehen ließ, die Leute erschreckte. Hat es ihn amüsiert oder schockiert, als Frauen wie Männer, die seiner Kunst ansichtig wurden, angeblich in Ohnmacht gefallen sind?

Karte der Stadt "Perle"

Karte der Stadt „Perle“

Es bleibt das Gefühl, auch wenn man das Lob seiner Zeitgenossen liest, daß sie ihn als zu roh und zu mangelhaft empfanden. Und doch ist es unmöglich, das „gute“ vom „schlechten“ zu trennen. Das ist eine Gemeinamkeit der besten Dichter und Künstler des Unheimlichen. Als der Österreichische Kritiker Richard Schaukal (Anm. d. Übers.: Schaukal war vor allem selbst ein Dichter der Décadence) im Jahre 1903 notierte:

„Er hat das Malen nie studiert. Das wird jedem auf den ersten Blick klar. Aber was sagt das aus, wenn wir seinem beeindruckenden Werken gegenüberstehen!“

Angesichts dieser Untermauerung der Kubin’schen Inspiration ist es vielleicht bemerkenswert, dass Die andere Seite so viel davon enthält, damit der Roman funktioniert; er besteht nicht nur aus einer Reihe von Bildern sondern ist ein wahres Meisterwerk an sich steigernder Spannung und Horror.

Die andere Seite erzählt die Geschichte eines Münchner Zeichners, der von einem alten Schulfreund namens Patera dazu eingeladen wird, das neu errichtete Traumreich irgendwo in Zentralasien zu besuchen. Patera regiert dieses Traumreich von der Hauptstadt „Perle“ aus. Der reiche Patera hatte eine Europäische Stadt entwurzelt und an einen neuen Bestimmungsort gebracht, zusammen mit fünfundsechzigtausend Einwohnern. Der Erzähler erklärt sich nach einigem Zögern zu einem Besuch bereit und reist zusammen mit seiner Frau über Konstantinopel bis Batum, Batu, Krasnowodsk und Samarkand – Samarkand als der letzten Orientierungshilfe auf dieser Reise.

Bald findet der Ezähler heraus, daß dieses Traumreich, nunja, tatsächlich ein Reich der Träume ist. Die Einwohner leben „nur nach ihren Launen“. Alles hier scheint der Willkür unterworfen zu sein. Eine große Wand hält die Welt draußen und „nie schien die Sonne, nie waren der Mond oder die Sterne sichtbar in der Nacht… hier waren nur die Illusionen Realität.“

Im Laufe der Zeit haben sich seltsame Rituale und Abnomalien eingebürgert. „Perle“ driftet mehr und mehr in befremdliche Gefilde. In diesem Sinne gibt es eine Verwandtschaft mit M. John Harrisons in ferner Zukunft angesiedeltem Viriconium, das mehr auf metaphorischer als auf chronologischer Grundlage fußt. Das beunruhigt den Erzähler zunächst nicht, doch als die Stadt sich mehr und mehr zum Grotesken hin verändert, wird ihm klar, dass das Traumreich ins Schwanken geraten ist, abwärts in den Wahnsinn gleitet.

Trotz der klaustrophobischen Atmosphäre und des unsichtbaren Schreckens, der die emotionale Grundlage des Romans bildet, ist Die andere Seite nicht nur anhand seiner lebendigen Bilder, beladen zwar mit surrealistischen Unterschwelligkeiten, bemerkenswert, sondern auch für die relativ modernen Aspekte des Romans – Amerikanische Touristen zum Beispiel – sind perfekt in ein zeitloses, schwärendes Milieu integriert.

Der aufkommende Krieg zwischen dem Irrationalen und dem Rationalen, als das Traumreich dann zerbricht, weist aktualisierte „Grand Guignol“ – Qualitäten auf, und trägt, eigentümlich genug, den Anstrich unserer modernen, heutigen Kriege. Fast ist es, als channelte der Roman Apocalypse Now durch Hieronymus Bosch.

Woher kommt Die andere Seite, abgesehen von Kubins visionärer Kunst? Beachten wir das Gewirr von Einflüssen: Kubin war 1907 von einem Münchner Verlag damit beauftragt worden, ein Buch von Edgar Allan Poe zu illustrieren. Etwa zur gleichen Zeit traf Kubin mit Gustav Meyrink zusammen, um Illustrationen zu Meyrinks Der Golem zu besprechen. Als Meyrink Schwierigkeiten damit hatte, den Golem fertigzustellen, nahm Kubin einige seiner vorläufigen Notizen an sich und fand Mittel und Wege, diese in Die andere Seite unterzubringen. Nicht lange nach der Veröffentlichung, hatte Franz Kafka Die andere Seite gelesen und genossen, um dann später einige Elemente daraus für seinen Roman Das Schloss zu benutzen. (Es kann allerdings auch sein, daß Kubin einige der frühen schriften Kafkas kannte und daraus seine Inspiration zog.)

Kubin, Die grosse Boa

Kubin, Die grosse Boa

Etiketten wie „künstlerischer Außenseiter“ einmal weggelassen, verkehrte Kubin durchaus mit den Kreativen seiner Zeit. Natürlich: als Kubin in München ankam, um als Jugendlicher Kunst zu studieren, wie sollte er da nicht vom legendären Franz Blei entdeckt werden, der auch einer der Freunde Kafkas war. Blei hinterließ uns eine halb amüsierte Beschreibung Kubins als

„zerbrechlichen Jungen, der immer schwarz gekleidet, mit einem blassen Knabengesicht, das sich zur Verdüsterung ein bisschen anstrengte und scheu tat wie ein junger Wolf, den man aus der Grube ans Licht gezogen hat.“

(Blei war ein wenig boshaft, in seinem Das Bestiarium der modernen Literatur beschreibt er Meyrink beispielsweise als „das einzige je auf die Erde gefallene Mondkalb, das einzufangen gelang… Offiziere wie deutsch -nationale Abgeordnete wollten die Schaustellung des Meyrinks verbieten, weil es sie mit seinem einen großen Auge verzerrt, wie sie sagten, spiegele.“)

Dass Kubin ein Schöpfer war, der entweder „von Mächten, die seine Hand führten“, gezwungen war, oder sich diesen Zwang selbst antrainiert hatte, wird deutlich, wenn man seine eigene Aussage über eine Ausstellung von Max Klingers Radierungen in München 1882 heranzieht:

„Und da überkam mich auf einmal ein ganzer Sturz von Visionen schwarzweißer Bilder — es ist garnicht zu schildern, was für einen tausendfaltigen Reichtum mir meine Einbildungskraft vorspiegelte. Ich verließ rasch das Theater, denn die Musik und die vielen Lichter störten mich jetzt, und irrte ziellos in den dunklen Straßen, dabei fortwährend überwältigt, förmlich genotzüchtigt von einer dunklen Kraft, die seltsame Tiere, Häuser, Landschaften, groteske und furchtbare Situationen vor meinen Geist hinzauberte. „

In diesem Zusammenhang, betreffend Kubins Inspiration, gibt es vielleicht keine schönere Anspielung des Effektes, das seine Kunst und Die andere Seite hervorrufen, als die Beschreibung, die 1903 in der Berliner Illustrierten abgedruckt wurde:

Bald unterhalten uns Kubins Blätter wie die losen Spielereien eines dilettierenden Hallodri, bald erschrecken sie uns wie die unanfechtbaren Weissagungen eines apokalyptischen Sehers. Kubins Kunst ist Urwald als Aufbau und Schönheit aus Untergang: In dem phantastisch verschlungenen Dunkeln und Dämmern verschwinden Himmel und Erde. Es wimmelt von Geschöpfen, die für den ersten scheuen Blick auch dann phantastisch wirken, wenn Art und Gestalt kaum fremdartig sind. Immer neue Pflanzenwelten wuchern auf Pflanzen. Neue Saaten keimen schon im werdenden Samen. Und bei verführerischen Leuchten gehen morsche Kleinwelten unter im ewigen Vergessen. Ewigkeitsbilder sind’s im Spiegel unserer Tage. Aus welcher Erde wuchs dieser Wald? Auf welchen Boden stützen sich seine Hauptwurzeln? Wo ist nach Weite und Tiefe die Grenze seiner Wurzelfasern? Kubin scheint alle Weltteile durchwandert zu haben und zu allen Gezeiten. Wo überall sah er die beklemmenden Steinschluchten seiner Weltstädte, ihr verrufenes Gewinkel, ihre Spelunken, ihre Salons, ihre Langeweile, ihre Dirnen und Herren? Hat er oft so Gleiches gesehen wie wir? Wo ist seine Heimat?

Die andere Seite spricht aufgrund der Qualität nach wie vor moderne Leser an, nachdem viele andere Romane, die man dauerhaft präsent glaubte, längst schon verblasst und vergessen sind.

Jeff Vandermeer
Über Jeff Vandermeer (5 Artikel)
Jeff Vandermeer wurde am 7. Juli 1968 in Pennsylvania geboren. Seine eigenen Werke bezeichnet er als Magischen Realismus. Im Jahr 2000 erhielt er den World Fantasy Award für die Novelle "The Transformation of Martin Lake". Er ist außerdem als Herausgeber und Redakteur tätig.
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1 Kommentar auf "Alfred Kubin – Die andere Seite"

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