Absolute Superman

Absolute Superman #1
© DC, gez. von Rafa Sandoval

Superman wurde 1938 von zwei jüdischen Söhnen aus Cleveland erfunden, die wussten, was es bedeutet, fremd zu sein in einem Land, das einem nicht immer wohlgesonnen ist. Ihr Superman war ein Immigrant, der die Sprache des Landes noch nicht kannte, aber für die kleinen Leute gegen korrupte Politiker, skrupelose Fabrikbesitzer und Kriegstreiber kämpfte. Sieht man sich heute einmal um, dann muss dieser Kampf als verloren gelten. Vielleicht wurde Superman deshalb über die Jahrzehnte zu etwas anderem, zum Amerikanischen Traum in Person. Die Krawatte vor dem Hemd, die Brust nach vorne, die Flagge im Hintergrund. Die Immigranten-Wurzeln verschwanden hinter einer recht verlorgenen Glorie. Jerry Siegel und Joe Shuster hätten ihren Helden garentiert kaum wiedererkannt.

Jason Aaron hat Superman zurückgeholt. Mit Absolute Superman, ( erscheint seit November 2024 bei DC), erzählt er jene Geschichte, die Siegel und Schuster 1938 meinten, aber angepasst an die Gegenwart. Das Ergebnis ist das beste Superman-Comic seit vielen Jahrzehnten. Und es ist auch das unbehaglichste.

Das DC-Marketing-Mantra für das Absolute Universe lautet: Wir zeigen ihn ohne Festung, ohne Familie, ohne Heimat und holen das hervor, was er ist ist der Absolute Stählerne. Bei Batman, der ja in diesem Universum ohne Geld auskommen muss, funktioniert das als zugespitztes Paradox ganz hervorragend. Bei Superman greift dasselbe Prinzip aber noch tiefer, weil Superman im Mainstream immer die stabilste, sicherste, am wenigsten angreifbare Figur des gesamten DC-Pantheons war.

Aaron lässt Kal-El als Jugendlichen auf der Erde ankommen, nicht schon als Baby. Er wächst auf Krypton als Sohn von Jor-El und Lara Lor-Van auf, als Sohn von Jor-El und Lara Lor-Van, auf einem Bauernhof in den Redlands als Angehöriger der Arbeiterklasse. Das ist die unterste Kaste in Kryptons rigide durchgesetztem Klassensystem. Und das verändert alles.

Der klassische Superman kommt als Säugling, weiß von nichts, ist leer wie ein Blatt Papier, das die Kents mit ihren ländlichen Werten beschreiben. Der jetzige Kal-El kommt mit schwerem Gepäck. Mit allen Erinnerungen, der Trauer, und dem Wissen, dass sein Planet nicht wegen einer Naturgewalt zugrunde ging, sondern an systembedingter Selbstzerstörung. Er hat es gesehen. Er war dabei, und hat als einziger überlebt.

Das ist der Kern, aus dem Jason Aaron seinen ganzen Comic entwickelt. Dieser Superman rettet Leben nicht einfach, weil es das Richtige ist. Er tut es, weil er bereits gesehen hat, wie eine Welt untergeht, und er weigert sich, das noch einmal zuzulassen. Das macht jeden Rettungsakt zutiefst persönlich.

Das S, das kein Hoffnungszeichen war

Das S-Symbol steht in Absolute Superman nicht für das Haus El. Tatsächlich war es das Kastensymbol der untersten Schicht. Arbeiter trugen es. Und Tagelöhner. Der Schriftzug, den die El-Familie trägt und der auf der Erde zum Heldensymbol wird, war auf Krypton ein Erkennungszeichen von Unterdrückung.

Das hat eine Wirkung, die man vielleicht unterschätzt. Wer das S kennt, sieht es plötzlich mit anderen Augen. Ein Symbol, das Kindern Hoffnung bedeutete, wird auf eine andere Ebene gehoben. Durch Kal-Els Geschichte wird es trotzdem wieder zu Hoffnung, aber es ist diesmal die Hoffnung derer, die nichts haben außer der Weigerung, sich zu ergeben.

Das ist Comichandwerk auf höchstem Niveau. Frank Miller hat einst mit dem Bat-Symbol gespielt. Alan Moore hat es mehr oder weniger verbogen. Jason Aaron hingegen wechselt die Bedeutungsebene innerhalb der gleichen Geschichte, für die gleiche Figur, ohne das, was Superman ausmacht zu verändern.

Krypton als politisches Lehrstück

Ein typischer Superman-Comic verbringt so wenig Zeit wie möglich auf Krypton. Der Planet ist nur die Hintergrundgeschichte, ein wiederkehrendes Kindheitstrauma. Er explodiert, damit Clark Kent auf der Erde aufwachsen kann.

Aaron macht Krypton zum zentralen Handlungsort.

Auf Krypton steht eine wissenschaftliche Elite ganz oben und herrscht über die ungelernten Arbeiter. Die Els sind Bauern und Gelegenheitsmechaniker, aber nicht, weil sie ungebildet wären – ganz im Gegenteil -, sondern weil sie früh erkennen, was da vor sich geht und für ihre Kritik bestraft werden. Unabhängige wissenschaftliche Forschung ist für ihre Klasse illegal. Jor-El weiß, dass der Planet stirbt. Er hat die Berechnungen gemacht. Aber er gehört zur falschen Kaste, und niemand, dem es etwas nützen würde, will zuhören.

Die Wissenschaftsgilde hat Schiffe entwickelt, um sich selbst zu retten und den Rest der Klassen verrecken zu lassen, natürlich unter dem Vorwand, nichts von Jor-Els Warnungen zu wissen, während sie heimlich ihre eigene Evakuierung vorbereiten.

Das ist ein präzises Abbild dessen, was Klimaökonomen seit Jahrzehnten beschreiben und was wir selbst gegenwärtig erleben: die Reichen kaufen sich raus, die Armen bleiben mit den Konsequenzen zurück. Krypton stirbt an Klassenpolitik. Und Kal-El weiß das. Er hat es mit eigenen Augen gesehen. Und dann landet er auf einer Erde, die dabei ist, dieselben Fehler zu machen.

Das ist Aarons eigentliche These, und sie ist alles andere als subtil, denn das muss sie nicht sein. Wir leben auf Krypton kurz vor der Explosion. Und was wir brauchen, ist jemanden, der das nicht vertuscht, nicht verleugnet oder irgendeinen anderen Unfug von sich gibt.

Die Lazarus Corporation — Lex Luthor war gestern

Der klassische Superman-Antagonist ist Lex Luthor. Der reiche, brillante Mann, der Superman hasst, weil er der einzige ist, der ihm nicht unterlegen ist. Luthor symbolisiert das Ego als Weltbedrohung, einen kalten Kapitalismus als persönliche Vendetta.

In Absolute Superman gibt es keinen Lex Luthor. Was es aber gibt, ist die Lazarus Corporation — und sie ist in mehrfacher Hinsicht interessanter.

Die Lazarus Corporation setzt Technologie zur Verhinderung von Regen ein, um die Kents zu zwingen, ihr Land zu verkaufen. Das ist das erste, womit Kal-El auf der Erde konfrontiert wird, noch bevor er sich darauf einen Reim machen kann. Eine Firma, die das Wetter kontrolliert, um kleine Farmer zu ruinieren, ist kein zufällig gewähltes Bild.

Hinter der Lazarus Corporation steht Ra’s al Ghul, der unsterbliche Öko-Fanatiker, klassischerweise ein Batman-Schurke. Aaron übernimmt ihn und gibt ihm eine neue Textur. Diesmal ist er kein mystischer Wahnsinniger, sondern ein Jahrhunderte alter Patriarch. Ra’s als CEO von unendlichem Kapital, das sich durch Lazarus-Gruben regeneriert und er verliert dabei nie die Kontrolle.

Die Entscheidung, Ra’s al Ghul als Hauptantagonisten von Superman zu etablieren statt von Batman, sagt etwas über den thematischen Kern der Serie, nämlich dass es hier nicht um eine persönliche Vendetta geht. Thematisiert werden stattdessen Systeme, die älter sind als jeder lebende Mensch und die sich erneuern, egal wie viele Einzelkämpfer gegen sie anrennen.

Jason Aaron — der Außenseiter, der Superman versteht

Jason Aaron ist zunächst einmal kein naheliegender Superman-Autor. Er kommt von Scalped, einem harten Crime-Epos über das Leben auf indianischen Reservaten. Von Southern Bastards, einer blutigen, düsteren Geschichte über Football und Gewalt im amerikanischen Süden. Von einem siebenjährigen Thor-Run bei Marvel, der nebenbei das Gesamtbild der nordischen Mythologie im Comic neu definiert hat.

Was all diese Werke eint: Aaron schreibt über Menschen am Rand. Über Würde unter unmöglichen Bedingungen. Über das, was bleibt, wenn institutionelle Systeme versagen oder sogar aktiv an der Zerstörung mitwirken.

Seine Idee für den Absoluten Superman war die Rückkehr zu dem, was Siegel und Schuster 1938 mit der Figur beabsichtigten, als sie junge Immigranten waren, die in Amerika eine idealisierte Version der Einwanderergeschichte schufen. Ein Teil seiner Arbeit sei es, diese Geschichte für 2024 neu zu interpretieren, sagte er.

Superman ist kantiger und wütender als der Superman, den man kennt.

Das ist eine wichtige Entscheidung. Der glatte, unerschütterliche, immer-lächelnde Superman des Mainstreams ist tatsächlich eine schwierig zu schreibende Figur, weil er von sich aus kein Drama generiert. Er ist immer die Lösung und nie das Problem. Aarons Superman ist noch nicht vollständig. Er ist traumatisiert, sucht Zugehörigkeit, macht Fehler. Er ist erst am Erwachen.

Rafa Sandoval — Schönheit als politisches Argument

Die Entstehungsgeschichte des visuellen Stils von Absolute Superman ist ungewöhnlich und verdient einen Moment der Aufmerksamkeit. Ursprünglich sollte Rafael Albuquerque den Comic zeichnen, der Mann, der mit Scott Snyder American Vampire gemacht hat. Er musste das Projekt wegen schwerer Überschwemmungen in seiner Heimat Brasilien aufgeben, und Sandoval kam einen Monat vor der Ankündigung des Comics als Ersatz hinzu.

Unter diesen Umständen hätte leicht ein Notbehelf entstehen können. Stattdessen entstand eine der visuell stärksten Superhelden-Serien der letzten Jahre.

Sandoval ist kein Newcomer, er hat bereits The Flash und Action Comics gezeichnet. Aber in Absolute Superman läuft er zu einer Form auf, die seinen vorherigen Arbeiten überlegen ist. Aarons eigene Beschreibung des ersten Panels, das Sandoval ablieferte, trifft es gut: Superman in einem Feld, mit seinem staubigen roten Sonnensteinkostüm. Das ist ein Bild, von dem man zunächst glaubt, es schon viele Male gesehen zu haben, aber hier sehen wir es mit einer Dunkelheit und Körnung, die so viel über die Figur bereits zusammenfasst.

Sandovals Krypton fühlt sich gleichzeitig grandios und erdrückend an — glänzende Städte, errichtet auf dem buchstäblichen Rücken von Arbeitern, die in Kristallminen schuften. Der visuelle Kontrast zwischen herrschender Klasse und Arbeitergilden braucht keinen Dialog, um systemische Ungleichheit zu kommunizieren.

Das ist das Meisterstück visuellen Erzählens. Die Seiten zeigen, was der Text nicht sagen muss. Man sieht die Unterdrückung. Man muss sie nicht lesen. Sandoval zeichnet Krypton wie einen brutalen Industriekomplex, der sich als Zivilisation verkleidet hat, und wenn dieser Komplex explodiert, fühlt es sich nicht wie Naturkatastrophe an, wir sehen die Konsequenz.

Der einsame Superman

Eine der interessantesten strukturellen Entscheidungen von Absolute Superman ist die radikale Isolierung der Hauptfigur. Dieser Superman existiert ohne die traditionellen Begleitfiguren. Selbst vertraute Orte wie Metropolis oder der Daily Planet fehlen zunächst vollständig.

Im Mainstream ist Superman von einem dichten Netz an Beziehungen umgeben — Lois, Jimmy, die Kent-Eltern, die Justice League, der Daily Planet als Institution. Dieses Netz ist nicht nur emotionale Unterstützung, es ist auch ein narrativer Sicherheitsgurt. Es gibt immer jemanden, den man anrufen kann. Immer einen Boden, auf dem man stehen kann.

Aaron entzieht Kal-El diesen Boden. Er ist buchstäblich allein auf einer Erde, die er nicht kennt, mit Kräften, die er noch nicht ganz versteht, ohne die kulturellen Codes, die ihm sagen, wie man hier existiert. Stattdessen streift er Jahre lang durch die entlegensten Winkel der Welt, lebt unter den ärmsten Menschen des Planeten, arbeitet in Minen und konzerngeführten Farmen, kämpft für die Verlorenen und Unerwünschten

Das ist eine zutiefst menschliche Geschichte, obwohl (oder gerade weil) die Hauptfigur absolut kein Mensch ist. Die Suche nach Zugehörigkeit, die Unfähigkeit, irgendwo wirklich anzukommen, das Gefühl, überall der Fremde zu sein — das sind Erfahrungen, die Millionen Menschen täglich machen.

Aaron schreibt die Immigranten-Geschichte, die Siegel und Schuster im Kopf hatten, für eine Welt, in der die Grenzen zwar digital verwaltet werden, aber kein bisschen durchlässiger geworden sind.

Das Unbehagen als Qualitätsmerkmal

Es wäre unehrlich, Absolute Superman nur als Triumph darzustellen. Es gibt eine Spannung in der Serie, die manchen Lesern missfällt, die ich allerdings für produktiv halte.

Dieser Superman ist alles andere als angenehm. Er ist wütender als er es jemals war. Eine Kritikerstimme beschreibt ihn als Kreuzung zwischen Jon Kents Aktivismus-Persönlichkeit und Zack Snyders düsterem Man of Steel — und das trifft einen echten Nerv. Der Zack-Snyder-Vergleich ist als Kritik zu verstehen, weil Snyders Filmversionen oft Dunkelheit um ihrer selbst willen schufen, ohne den emotionalen Boden voll ausschöpfen zu können. Aber das ist ein Problem, das Filme in diesem Genre immer haben, der Comic kann ja grundsätzlich mehr.

Aaron meistert dieses Risiko, aber er ist nicht immer auf dem richtigen Weg. Der Comic beschäftigt sich manchmal so sehr mit seiner politischen Meinung, dass die Figur schwächer wirkt als beabsichtigt. Kryptonische Rückblenden, politische Symbolik, Kritik an Konzernen – das ist viel Stoff für eine Figur, die gleichzeitig Gefühle zeigen soll.

Wo Absolute Batman Snyders Thesen durch Charaktermomente atmen lässt, zum Beispiel durch Alfreds Entscheidungen, durch Bruces Kindheitsfreunde, durch kleine menschliche Gesten im Großen, läuft Absolute Superman gelegentlich Gefahr, Argumentation über Empathie zu stellen.

Aber die Serie ist noch jung. Und Aarons beste Form lag noch nie in den ersten Akten. Scalped brauchte seine Anlaufzeit, Southern Bastards auch etwa länger, bis alle Stricke zusammenfanden. Wer Aaron kennt, weiß, dass er auf lange Bögen setzt.

Was Absolute Superman will

Am Ende ist Absolute Superman ein Comic darüber, ob Ideale überleben können, wenn man sie aus der Theorie holt und in die Wirklichkeit wirft. Der klassische Superman ist so ein Ideal, das in Sicherheit aufgewachsen ist, behütet von Kansas-Werten, getragen von der Kent-Familie, beschützt von seinem eigenen Status als gottgleiche Instanz.

Dieser Superman hat keine Sicherheit. Er hat nur die Entscheidung, was er mit dem, was er gesehen hat, anfängt. Er hat gesehen, wie ein Klassensystem eine ganze Welt vernichtet. Er landet auf einer Erde, die exakt denselben Weg geht. Und er entscheidet sich, sich einzumischen, weil er es nicht noch einmal untätig mitansehen kann.

Ein Superman der Gegenwart muss sich entscheiden, auf welcher Seite des Klassenbruchs er steht. Er kann nicht neutral sein. Neutralität ist eine Entscheidung, die nur die Privilegierten treffen können.

Siegel und Schuster hätten das garantiert verstanden.

Empfohlener Einstieg: Absolute Superman Vol. 1: Last Dust of Krypton (DC Comics, 2025). Für den historischen Vergleich lohnt sich ein Blick in die Action Comics #1 von 1938, um zu sehen, wie direkt Aaron die Linie von dort bis hierher zieht. Sie ist kürzer, als man denkt.

Veröffentlicht von

RED.

Inhaber des Phantastikon. Autor, Übersetzer, Forscher popkultureller Zusammenhänge. Host des alten Phantastikon.