Absolut Michael, absolut böse: Halloween! Was sonst?

Es gibt Geschichten, die sind erzählt, und gut ist. Man klappt das Buch zu, verlässt das Kino, schaltet den Fernseher aus und denkt: Feierabend. So war’s. Das war’s.

Bei Halloween, erstmalig vor legendärer Urzeit geguckt, hätte ich von der Grundstory her gewettet, dass die Killer-Karriere von Michael Myers prinzipiell ein einziger, zweifellos richtig bös‘ sauberer Mega-Abwasch sein müsste:

Klein-Michael als Killer-Clown verkleidet: Die Show beginnt

Ein gefährlicher Psychopath, der schon als Kind unbekümmert stumpfsinnig Familienangehörige abgeschlachtet hat, flieht fünfzehn Jahre später aus der Anstalt und kehrt in seine Heimatstadt zurück, um erstaunlich sinnlos Leute abzuschlachten. Punkt. Am Ende wird er geschnappt und natürlich getötet, damit sowas derb Fieses nicht noch mal passiert. Richtig? Nein, völlig falsch.

Die Geschichte wird erneut erzählt, dann noch einmal und noch einmal, und anstatt verstohlen gähnend zu erwähnen, dass man den komischen Kerl mit der wächsernen Gesichtsmaske und dieser unorthodoxen Art, harmlose Mitmenschen zuerst gewaltig zu erschrecken und dann niederzumetzeln, ja nun schon reichlichst kenne und der eigentlich eh‘ mausetot sein müsste, wird jeder frische Aufguss gierig in die alte Kanne gekippt und mit schauderhaftem Wonnegenuss komplett vertilgt.

Und warum machen wir das? Weil wir als Zehnjährige mit der gleichen Faszination Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann? in entsetzlich schöner Endlos-Schleife gespielt haben. Wir wollten Angst haben. Wir wollten selbstredend entkommen, nur mit Gänsehaut, bloß nicht mit imaginären kalten Klauen im Nacken. Und genau selbstverständlich wollten wir wiederkommen, um diese Angst nochmals und ein großartiges Mal mehr zu erleben. Wenn in der Nacht zu Halloween ein kleiner Junge lachend prophezeit…,

„Er holt dich heut! Er holt dich heut! Der schwarze Mann kommt! Der schwarze Mann kommt!“

…dann wissen wir, was für ein Film da abläuft. Wir sind erwachsen, wir schalten das Licht aus und zur Sicherheit wieder an. Wir kennen den Hyper-Horrorstreifen, in dem Michael Myers seine irren, blutigen Karten mischt, wir sind darauf bedacht, auch in den hintersten Ecken nachzusehen, versuchen, vernünftig zu erklären und nicken ernst, wenn der Junge sagt:

„You can’t kill the bogeyman.“

Er kommt, schweigt, starrt, tötet: Michael Myers, das personifizierte Böse

Nein, geht nicht. Myers ist jemand, etwas, irgendwas logisch nicht Greif- oder Definierbares, den/das nichts wirklich umbringen kann. Anders als Freddy Krueger, ursprünglich ein realer Mensch, für den gilt, dass erst der eigene Tod, der seiner Geschichte vorangeht, ihm die Unsterblichkeit und die damit verbundene finstere Macht ermöglicht, scheint Michael praktisch von Geburt an nicht von dieser Welt zu sein. Er ist kein wirklich echter Junge, kein wirklich echter Kerl, er ist der Schwarze Mann, ewig währendes Angstsymbol und nur vermeintlich Phantasieprodukt, weil er existiert: Purely and simply evil, mit Augen, die eine furchtbare Erkenntnis sind: Wer hineinblickt, sieht Seelenlosigkeit. Und weiß, dass auch nicht der geringste Funke eines Gewissens es zulassen könnte, einen zu verschonen. Schreien, wimmern, um Gnade betteln? Keine Chance.

„Ich hab ihn vor 15 Jahren kennengelernt. (…) Ich traf auf ein 6-jähriges Kind, mit einem blassen, farblosen, emotionslosen Blick und den schwärzesten Augen. (…) Ich wusste zu gut, was sich hinter diesen Augen verbirgt… das absolut Böse.“ – Dr. Sam Loomis (Donald Pleasance)

Dieses personifizierte Böse als originellen Halloween-Grusler auf die Leinwand zu bringen war 1978 einfach nur eine gute und zudem preisgünstige Umsetzung des jungen Regisseurs John Carpenter, dessen Story vom wahnsinnigen Killerknaben Michael aus dem Kleinstädtchen Haddonfield in Illlinois, der seine irrationelle Gewohnheit als Erwachsener konsequent weiter pflegt, vermutlich nicht als Genre-prägend mit immensen Konsequenzen gedacht war.

Die Idee stammte von dem amerikanischen Produzenten Irwin Yablans, der sich von Carpenter einen Film über einen total abgedrehten Killer wünschte, der an Halloween Babysitter umbringt. Der wurde Michael Myers getauft. Ein Name, so unschuldig wie Peter Müller. Und der könnte nett als Beifahrer sein. Oder auf der Rückbank sitzen und einem die Kehle durchschneiden.

Die Scream-Queen in prekärer Lage

Schauriges Entertainment ohne allzu kompliziertes Drumherum, hübsch bedrohlich mit vom Regisseur persönlich komponierter, geschickt einfach nervender Synthesizer-Musik unterlegt, stand ergo auf dem Programm, dafür wurden 325.000 Dollar locker gemacht, die galten als verschmerzbar, falls der Film keine Gunstzuweisungen erhalten hätte. Die erhielt er aber. Massig. Wohl bekannt. Allein an US-amerikanischen Kino-Kassen spielte Halloween 47 Millionen Dollar ein, weltweit über 70 Millionen. Für die blutjunge Jamie Lee Curtis, im Film die Laurie Strode, Mutter aller Scream-Queens, war’s ein absolutes Sprungbrett, gleichsam eine Art Aber-gern-Verpflichtung, sich noch zwanzig Jahre später (Halloween H20) an Michael erinnern zu müssen.

Längst schon zählt das Urgestein aller Slasher-Filme, – das im Vergleich zu seinen unzähligen „Zöglingen“ krasserer Natur mit erfrischend wenig Blut auskommt -, zu den erfolgreichsten Horror-Machwerken überhaupt, wurde demzufolge auch 2006 ins National Film Registry aufgenommen und gilt damit unweigerlich als Meisterarbeit: Bildungsarm, wer die nicht kennt. Darf gesagt sein, jeglichem anderen Intellektverständnis zum Trotze.

Carpenter selbst hatte wohl seine eigene Motivation. Sein zentrales Thema, von Sheriff Brackett (Charls Cyphers) durchaus treffsicher genannt…

„Heute ist Halloween, da darf jeder jeden mal so richtig erschrecken.“

…war für ihn damit abgehandelt. Mit weniger Gemetzel denn tüchtigem Erschrecken. Wie es sein sollte. Das änderte sich freilich. Dem phantastischen Boom folgte 1981 die unweigerliche Fortsetzung mit Halloween II, – Das Grauen kehrt zurück, Carpenter agierte als Drehbuchautor, – Regie führte Rick Rosenthal – , und Carpenter befand, dass einige Szenen getrost durchaus blutiger ausfallen dürften. Es wurde derber, der berüchtigte Paragraph 131 (strafbare Gewaltverherrlichung) kam auf den Tisch. Egal.

Michael Myers, im ersten Teil von Psychiater Dr. Loomis (fast) zur Strecke gebracht, dann wohl doch eben doch nicht und im zweiten Teil frisch stumpfsinnig mit Strubbel-Haar und wächsernem Totengesicht parat stehend für das nächsten wirre Massenmorden, war/ist wieder da. Agiert, ohne zu zucken, erschlägt, vergiftet, durchbohrt, ersticht, steht immer da, irgendwo, irgendwie, guckt, geht, kommt, macht Angst, fürchterliche Angst zudem, lässt schreien, schreien, ein letztes Mal auch noch schreien. Aus. War klar. Und wird damit endgültig zur…

…Kraft, die nie vergehen wird. (Carpenter)

Michael Myers: Der zur ersten Horror-Ikone unserer Zeit aufgestiegene und vom Podest der ganz großen Bösen nicht mehr wegzudenkende Un-Mensch, dessen Intention, – konzentriert und doch völlig teilnahmslos mit seiner Klingenwaffe Leute, vorzugsweise Verwandte umzubringen – , genauso un(er)fassbar ist wie seine anatomische Beschaffenheit: Michael, der im ersten Film von sechs Kugeln getroffen wird und vom Balkon fällt, überlebt. Und ebnet damit den Weg dafür, unzerstörbar zu bleiben.

Rolle (s)eines Lebens: Tony Moran als Michael Myers, Fotos copyright: Compass International Pictures, Falcon International Productions

Ob mit Stricknadel im Hals, Kleiderbügel im Auge, Messer in der Brust, ob nach einer Gasexplosion, einem Auto-Crash, Sturz vom Abhang, grundsätzlich definitiv tödlichem Stromschlag, – 2002: The Homecoming – , er bleibt der Alte. Ein seltsamer stummer Kerl mit roboterhaften Bewegungen im dunklen Overall, mit eigentümlicher Maske, merkwürdiger Frisur und fiesen Augen, dessen Grund, zu töten, der beste Psychiater nicht herauskitzeln könnte.

Lust auf Blut, Aversion gegen Sex, Hass auf alles? Rachewahn, blanker Irrsinn, Kindheitstrauma oder plumper schwarzer Humor, gänzlich falsch interpretiert? Am besten: Nichts davon. Es sei einfach nur mit den einladenden Worten von Dr. Loomis gesagt:

„Willkommen in der Hölle!“

Elf Halloween-Filme, zwei davon thematisch ausgebaute Neuverfilmungen, gibt es bis dato, ein zwölfter ist in der Schwebe. Michael Myers, der bei seinen ersten Morden 1963, – er sticht seine Schwester und deren Freund ab – , ein sechsjähriger Junge war, hat mittlerweile die sechzig überschritten. Rente in Sicht? Bei der Sturheit nicht. Ein bisschen (mehr) Halloween geht eh‘ immer. Und solange die Maske nicht fällt…

Das hässliche Gummiteil, das sich Michael im ersten Teil nach seinem Ausbruch aus der Anstalt in Haddonfield pünktlich zu Halloween zwecks Verkleidung aufsetzt und nicht mehr ablegt, zeigte übrigens ursprünglich das generell sympathische Gesicht von Capain Kirk alias William Shatner. Aber der hat nun rein gar nichts damit zu tun.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)