Vom Lesen eines Franzosen und der Ähnlichkeit mit nichts

Es findet sich selten etwas Notables in den Tagen, die herumschwappen, einer geschüttelten Melasse gleich, Tag und Nacht, hell und dunkel, hin und her zuletzt. Was man schreiben müsste, schreibt sich nicht, bevor man es nicht entdeckt hat; doch wo entdecken gehen? Gegenwärtig arbeite ich an einer – mehr oder weniger – Auftragsarbeit über ein maritimes Thema. Stets und immer wieder hatte ich meine Blogs vollgemacht mit Eigenansichten und Selbstbeschreibungen, ein leicht psychologisch zu durchschauendes Unterfangen, denn: sitze ich nicht seit fünfzehn Jahren auf einem Lebensstuhl, einem Möbel, das meinen Arsch nährt und nur einen kleinen X-Faktor entfernt von einer Liegemöglichkeit? Körperlich bin ich sehr unbewegt, eine Geisterreise entspricht mir hingegen in all ihrer Dynamik.

Viele Stunden am Tag bringe ich zu auf der Suche nach einem perfekten Buch für jemanden, der keine perfekten Bücher schreibt, oder überhaupt keine Bücher schreibt sondern Texte, die man im günstigsten Fall zu einem Buch zusammenfassen kann. Patrick Modiano, dessen Buch „Im Café der verlorenen Jugend“ mein zweites des Nobelpreisträgers von 2014 ist, wird weitere Bücher des Franzosen nach sich ziehen. Das liegt vornehmlich daran, dass er – und nur darin bin ich im ähnlich – ein Erinnerungskünstler ist, zumindest schreibt er über den Sog der Vergangenheit, das drohende Verschwinden und die dunkle Seite der Seele. Doch er macht das Filigran und drischt nicht mit dem schwersten Hammer, der im Sprachregal steht, auf den unendlichen Marmor ein. Ich reife seit über 50 Jahren in einem Sack meiner Existenz, nie aber habe ich einfache Worte für das Problem des Lebens gefunden.

Teichbestandteile

Es ist warm. Schwalben tauchen in die verspiegelten Fenster des großen schweren Hauses hinter mir. Während ich Nachtblätter mit leuchtend grünen Adern sammele, löst sich das Tuch, das ich mir um mein Haar geschlungen, auf meinem Kopf zu einem Dutt gebunden hatte. An meinem Hals, über meine Brust lassen sich Nattern in alle Himmelsrichtungen in meinen Garten herab. Ich werde schwarz und werde warten, bis die Schwalben das schwere Haus wieder verlassen. Als sie dann irgendwann aus den offenen Augen schwärmen, dringen die Nattern, nunmehr verjüngt, aus den umstehenden Büschen hervor. Sie lachen mit Stimmen noch sehr junger Kinder, die, während sie an meinem Körper hochschlängeln, meinen Körper tasten. Eine von ihnen hält an meinem Rücken auf Höhe meiner rechten Niere und sagt: »Teichbestandteile«. Die anderen unterdessen zischeln: »Es sind Kinder, die einen Lotos zerpflücken!«

Matt Cardin: Interview mit Thomas Ligotti

Interview geführt von Matt Cardin, Juli 2006, Erschienen in The Teeming Brain und in The New York Review of Science Fiction, Issue 218, Vol. 19, No. 2 (October 2006). Gedruckt erschienen in Matt Cardin: Born to Fear (Interviews mit Thomas Ligotti)

Übersetzt von Michael Perkampus, mit freundlicher Genehmigung von Matt Cardin

Anmerkung: Dieses Interview übersetzte ich im Dezember 2014, als ich begann, unter einer ähnlichen Problematik zu leiden wie Thomas Ligotti. Im Grunde war es für mich eine Art Trostpflaster. Daraus resultierte dann das PHANTASTIKON, das fünf Jahre lang Bestand hatte. Es ist natürlich wahr: Die Internet-Adresse ist nach der Schließung dieselbe, aber auf den Magazin-Charakter verzichte ich, was aber nicht heißt, dass es keinen Bezug zu den alten Artikeln mehr gibt. Was für mich persönlich Relevanz besitzt, wird in überarbeiteter Form erneut veröffentlicht werden. Matt Cardin: Interview mit Thomas Ligotti weiterlesen

Der achtspurige Gehsteig

 

Es ist nicht ausgeschlossen, dass die
Wahrheit im Einkaufskorb dieser Frau
Zu finden ist. Gerne erlaubt sich das Produkt
Einen Spaß, indem es fleißig winkt, ohne
Einen Blinker zu setzen. Das ist die falsche

Richtung, denkt man und steigt nicht wieder ein.
Wozu auch? Der Lebenslauf führt etwas anderes im
Schilde, mit mehr Enthusiasmus, versteht sich.
Da es manche ohne ihr Zutun wissen, als stecke es
In den Genen einer jeden publizierten Arbeit,

Schlagen wir es nicht in einem Lexikon nach.
Der Tanz stoppt wegen der viel zu schlechten
Schuhe. Gestern waren sie noch schwarz.
Auch die Fotos von früher haben Hängetitten, manche
Sind sogar barfuß. Auffällig ist der rechte Rand,

Der einem Schafott gleicht, die Klinge mit Sojamilch
Gereinigt. Wenn die Linse das gesehen hat, was
Hindert uns daran, alles zu wiederholen?

Der Fahrtwind kommt von oben –
Aber kann das sein?

Die Rache steckt noch im Kühlschrank, der
Verdichterspirale, fest, neben der Butterdose
Ein Zelt aus Polymeren. Mit einem Mal löste die
Schrift ihre Knoten und hinterließ einen sehr
Langen Regenwurm, der sich durch ein Komma stülpte.

Der Text war augenblicklich nicht mehr zu gebrauchen,
Selbst das Papier hatte aufgehört, sich mit
Gedanken zu beschäftigen. Durch ein Radio konnte man
Kontakt mit dem Zimmer nebenan bekommen. Peilsender
sind das Ziel einer Yagi-Antenne. Im Spiegel

Wirken sie unnötig wiederholt. Nur achtet niemand auf
Dieses zweite Lied. Ein Fehler, wie sich schon oft
Herausstellen ließ. Die künstlichen Felle sind
Wahrscheinlicher. Auf einer Leine sterben sie in ihrer Haut.
Eine Zehntelsekunde lang wird alles wieder wie früher sein,

Oder aber die Täuschung ist mehr als gelungen. Auch
Der blaue Fleck auf dem Stuhl kehrt wieder. Es handelt
Sich um eine Wunde, mit Pfennigen geschlagen.
Ödland ist von der Terrasse aus zu sehen,
Gold wächst heran in eisernen Kisten, zerschossen,

Aber unbenutzt. Könnte je ein Hammer (Impuls und
Energie) so etwas anrichten? War es vielleicht
Etwas anderes? Nehmen wir den Wiesenfleck dort –
Er könnte das ganze Kapitel für sich beenden.
Der Philosoph arbeitet mit seinem Bart,

Stahlseile hängen von Kinn und Wangen,
Worte tropfen aus dem fiebrigen Mund,
hinterlassen einen Teller voll Buchstabensuppe.
Die Umkleidekabine ist angefüllt mit Wäsche,
Ein einsamer Badeanzug hängt an der

Klinke und stampft mit den Füßen auf. Später
Gesellt sich die Verwandtschaft hinzu.
Der Dorfkrug weint, weil er kein Geld mehr hat,
Die Reise zu bezahlen. Andere trachten ihm
Nach seiner Bleibe. Irgendwann wird er sie

Teilen oder sich verändern. Nur nicht heute.
Die Stadt heißt uns willkommen, auch wenn
Sie uns nicht einlässt. Noch schlafen die Menschen
Auf den Tischen, sorgen für einen Geräusch-
Pegel, der Insekten vertreibt. Der Ortswechsel
Kommt mir vor, als wäre ich schon einmal da gewesen,

Zwischen all den Kisten aus Glas, dem Taubenreigen,
Der Präsenz ominöser Bilder an den eingekerbten Wänden,
Taschenbücher ohne Rückgrat. Eine Wiege schaukelt
Im Foyer, hängt träge in einer unwirklichen
Stellung fest, bis ich komme, eine Hand unter die

Kufen klemme, die Dielen loslasse, sozusagen die
Fangarme spreize, um zu fangen, was aus dem Anzug rinnt.
Das Schaukelpferd ist nur ein Steckenpferd, das Kajak
Eine Luftmatratze. Wer die Stimme hört, verschafft sich die
Argumentation. Dazu gehört ein lang anhaltender Atem,

Ein Sirenenton,von Rippen erzeugt, durch das unbewegliche
Ausmaß gepumpt. In Teilen bleibt der Eindruck bestehen,
Hier sei etwas heimisch. Originalität ist ein Pfeifen in den Ohren.

Der Tramp (Ein mittelloser Jedermann)

Charlie Chaplin war auf eine Art und Weise berühmt, wie es noch niemand zuvor war; wahrscheinlich war seitdem niemand wieder jemals so berühmt. Auf dem Höhepunkt seiner Popularität galt seine schnurrbärtige Interpretation des „Tramp“ als das bekannteste Bild der Welt.

Sein Name stand an erster Stelle in den Diskussionen über das gerade aufkommende neue Medium „Film“ als populäre Unterhaltung und in seiner Verteidigung als eigenständige Kunstform – eine kulturelle Position, die danach nur noch von den Beatles eingenommen wurde, deren eigene, die Popkultur bestimmende Ära, der Chaplins allerdings nie entsprach. Er kommt dem, was man unter dem universellen kulturellen Maßstab des 20. Jahrhunderts versteht, am nächsten.

Filmhistoriker werden nicht müde zu betonen, dass Chaplins Massenpopularität der Art und Weise geschuldet war, wie der Tramp einen mittellosen Jedermann darstellte. Seine Filme verwandelten Hunger, Faulheit und das Gefühl, unerwünscht zu sein, in eine Komödie. Er war ein Einzelkünstler, ein Darsteller mit einer unheimlichen Beziehung zur Kamera, der den frühen Teil seiner Karriere damit verbrachte, seine Bildschirmpersönlichkeit zu verfeinern und den übrigen Teil davon zu dekonstruieren.

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