Dr. Harleen Quinzel wurde in einer Zeichentrickserie geboren, aber schließlich vom Fandom kanonisiert.
Eine Nebenrolle, die dann die Hauptrolle übernahm

Harley Quinn ist die einzige Figur dieser Dokumentationsreihe, die in einer Zeichentrickserie für Kinder debütierte, was entscheidend für ihre Identität ist. Als Paul Dini und Bruce Timm sie im September 1992 für Batman: The Animated Series schufen, brauchten sie für die Episode Joker’s Favor eigentlich nur eine weibliche Assistentin des Jokers. Eine Nebenfigur. Einen Witz. Harley Quinn sollte nur in einer Episode auftreten.
Allerdings war die Resonanz so unmittelbar und eindeutig, dass sie wiederkehrte, denn nicht nur das Publikum mochte sie, auch Dini und das ganze Produktionsteam fanden gefallen an ihr. Es dauerte nicht lange, da wurde sie zur Hauptfigur und schließlich zum Publikumsphänomen. Dini und Timm erkannten ihr Potenzial und bauten es aus. Sie verpassten Harleen Quinzel eine Vergangenheit als Psychiaterin am Arkham Asylum, eine gefährliche Obsession für ihren berühmtesten Patienten und eine einzigartige Stimme: Arleen Sorkins Interpretation wurde das akustische Fundament der Figur und ihre Energie und Wärme überstiegen in jeder Folge mit Leichtigkeit den geschriebenen Text.
Arleen Sorkin
Paul Dini kannte Arleen Sorkin persönlich. Sie war jahrelang Darstellerin in der Seifenoper Days of Our Lives. Dini hatte eine Episode gesehen, in der Sorkin eine Narrenkönigin spielte. Dieses Bild blieb ihm im Gedächtnis. Als er Harley Quinn konzipierte, schrieb er die Figur mit Sorkins Stimme im Kopf. Er rief sie an und fragte sie, ob sie die Rolle übernehmen wolle, und sie sagte ja, ohne zu wissen, dass die Figur auch über dreißig Jahre später noch existieren würde. Sorkin sprach Harley Quinn in allen Animationsserien bis 2011. Ihre Stimme ist so sehr Teil der Figur, dass alle nachfolgenden Sprecherinnen zwangsläufig mit ihr verglichen werden.
Paul Dini autor & konzept
Dini ist der eigentliche Vater von Harley Quinn. Er schuf die Figur, gab ihr eine Biografie, eine psychologische Struktur und eine Sprache. Er schrieb auch ihre bedeutendste Einzelgeschichte: „Mad Love” (1994), die Harleen Quinzels Ursprungsgeschichte als Graphic Novel und später als Emmy-nominierten Zeichentrickfilm erzählt. Wie wir andernorts besprochen haben, hatte Dini eine tiefe persönliche Verbindung zu dieser Figur.
Bruce Timm design & produktionsleitung
Timm gestaltete Harleys ikonisches schwarz-rotes Harlekin-Kostüm. Der Name „Harley Quinn” ist ein Wortspiel mit „Harlequin”, der Figur aus der Commedia dell’Arte, und Timms Design macht diese Verbindung explizit: Harley ist Närrin, Akrobatin und Liebende in einer Person.
Die Frage, wer Harley Quinn erfunden hat, ist schwierig. Dini und Timm erschufen die Figur für Warner Bros. Wie in der Comicbranche üblich, hielt das Unternehmen die Rechte. Jahrelang haben sie kein Geld von den Verkäufen von T-Shirts und anderem Merchandise bekommen, obwohl sich Harley Quinn zu den lukrativsten DC-Figuren gemausert hat. Schließlich gab DC nach und räumte Dini und Timm eine finanzielle Beteiligung ein, aber dieser Schritt kam ziemlich spät und war wohl er widerwillig. Es ist das übliche amerikanische Verhalten.
Die Ursprungsgeschichte

Paul Dinis Batman: Mad Love ist ein wichtiges einzelnes Dokument über die Figur. Es ist auch eines der interessantesten Erzählungen der Batman-Animationsserie. Die Geschichte handelt von Dr. Harleen Quinzel, eine angehende Psychiaterin mit zweifelhaften Karriereplänen. Sie wird die Therapeutin des Jokers im Arkham Asylum, verliebt sich in ihn, opfert ihren Verstand, ihren Beruf und ihre Identität, um bei ihm zu sein. Aber der Joker erwidert ihre Gefühle nicht.
Das Herz von Mad Love ist ein Moment, der das gesamte Verhältnis zwischen dem Joker und Harley Quinn in einem einzigen Panel festhält. Harley ist drauf und dran, Batman auf eine Weise zu töten, die dem Joker selbst nie gelungen ist. Doch das gefällt dem Joker nicht. Er ist wütend, weil Harley fast erreicht hat, was ihm selbst nie gelungen war. Er schlägt sie und wirft sie aus dem Fenster. Schwer verletzt und wieder in Gefangenschaft lächelt sie. Sie ist froh, dass er sie beschimpft hat. Denn so hat er zumindest an sie gedacht.
Mad Love ist freilich kein romantisches Comic. Es ist eine der klarsten Darstellungen toxischer Abhängigkeit, die das Superhelden-Genre je hervorgebracht hat. Die Tatsache, dass die Geschichte in einer Zeichentrickserie für Kinder verwurzelt ist, macht sie nicht weniger wild. Im Gegenteil.
Dini schrieb diesen Stoff aus einer persönlichen Erfahrung heraus, die er in Interviews angedeutet hat. Er hatte selbst eine Beziehungserfahrung gemacht, die emotionale Parallelen zu Harleys Situation aufwies. Das verleiht Mad Love eine Authentizität, die über das Handwerk hinausgeht.
Vom Trickfilm in den Comic

Harley Quinns Weg in den Kanon der DC-Comics ist in der Geschichte des Mediums einzigartig. Normalerweise verläuft es so: Ein Comic erschafft eine Figur, die dann in einen Film oder eine Serie adaptiert wird. Bei Harley Quinn war es umgekehrt. Die Zeichentrickserie erschuf die Figur und der Comic übernahm sie. Zunächst geschah dies noch zögerlich. Die ersten Comicauftritte in den 1990er Jahren folgten der Animation, doch dann mit zunehmenden Selbstbewusstsein bis sie im regulären DC-Kanon so selbstverständlich war, als wäre sie immer schon da gewesen.
Ihr erster eigenständiger Comic-Auftritt im regulären DC-Kanon war Batman: Harley Quinn (1999), der wiederum von Dini geschrieben und von Alex Ross illustriert wurde – ein Heft von atemberaubender visueller Qualität, das gleichzeitig die Aufnahme der Figur in den Hauptkanon markierte. Ab 2000 erschien die Figur regelmäßig in Batman: Gotham Adventures und ähnlichen Titeln. Die erste eigenständige Ongoing-Serie bekam sie im Jahr 2001.
Die Fandom-Rolle
Die Kanonisierung von Harley Quinn wurde vom Fandom mitgetrieben. Die Figur hatte bereits in den 1990er Jahren eine Fanbasis, die Fanfiction, Artwork und Cosplay produzierte – lange bevor DC sie in den regulären Kanon aufnahm. Das zeigt, dass die digitale Fankultur die Entscheidungen der Verlage beeinflussen kann, sofern die Resonanz stark genug ist. Harley Quinn ist das erste große Beispiel dafür im amerikanischen Mainstream-Comic.
Vom Harlekin zur Ikonografie
1992 Schwarz-rotes Harlekin-Kostüm. Timms klassisches Design. Vollständig, konzeptuell perfekt, sofort ikonisch.
2011 New-52-Neustart: skurrileres, bunteres Design. Zweiteilig, popkulturell. Mehr Freiheit, weniger Strenge.
2016 Margot Robbie-Variante: Shorts, T-Shirt, bunte Haare. Halloween-Klassiker eines ganzen Jahrzehnts
2019+ Animated-Series-Look: bequemer, farbiger, persönlicher. Das Design einer Frau, die für sich selbst lebt.
Es sagt bereits alles über die Figur aus zeigt in einer Silhouette, dass sie närrisch ist, akrobatisch und in einem theatralischen Spiel gefangen ist, das sie selbst nicht als Spiel versteht. Jede spätere Version des Kostüms zeigt, wie sich das verändert hat. Wird die Narrenkapuze abgelegt? Werden die Farben bunter und individueller? Das Design zeigt immer, wie es Harley Quinn innerlich geht.
Die Beziehung, die sie fast auslöschte
Die Beziehung zwischen Harley Quinn und dem Joker ist die bekannteste Darstellung einer toxischen Liebesbeziehung in Geschichten über Superhelden. Das Medium hat Jahrzehnte gebraucht, um zu entscheiden, was es damit sagen will. In den frühen Jahren der „Animated Series“ wurde die Beziehung ambivalent dargestellt. Der Joker misshandelte Harley, aber sie kehrte immer zu ihm zurück. Das wurde als Charakterzug behandelt und nicht als moralische Frage. Das Unbehaglichste an der frühen Harley-Quinn-Geschichte ist nicht die Darstellung der Misshandlung – Mad Love ist dabei äußerst explizit und klar –, sondern die Momente, in denen das Zurückkehren romantisiert wurde.
Die Figur hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Man kann das leicht an den verschiedenen Geschichten der verschiedenen Autoren ablesen. Amanda Conner und Jimmy Palmiotti haben zum Beispiel eine Serie geschrieben, in der Harley in Coney Island lebt und eigene Abenteuer erlebt. Sie ist jetzt unabhängiger und selbstständiger. In der animierten Serie von 2019 wird der Joker als das dargestellt, was er ist: ein narzisstisches Wesen, das Harley nie geliebt hat. Harley erkennt das und verlässt ihn.
In der 2019 erschienenen Harley-Quinn-Serie wird zum ersten Mal in der dreißigjährigen Figurengeschichte die entscheidende Frage direkt gestellt und beantwortet: Was wäre Harley, wenn sie aufhören würde, Jokers Harley zu sein? Die Antwort lautet: mehr.
Die Beziehung, die sie rettete
Wir haben in einem anderen Beitrag schon über die Beziehung zwischen Harley Quinn und Poison Ivy gesprochen. Aber aus Harleys Perspektive stellte sich diese Beziehung anders dar. Harley ist für Ivy wie ein Anker, der sie dem Menschlichen wieder nahe bringt. In ihrer Welt der Pflanzen drohte sie alles zu verlieren. Für Harley wiederum ist Ivy der erste Mensch in ihrem Leben, der sie wirklich sieht.
Ivy liebt Harley nicht trotz ihrer Fehler oder ihrer Vergangenheit mit dem Joker. Sie liebt Harley so wie sie wirklich ist; sie erkannt man, dass Harley ein vollständiger Mensch ist, mit Geschichte, mit Narben und einer unzerstörbar scheinenden Fähigkeit zur Freude. In Comics, in denen es um Liebe geht, ist das selten: Es wird akzeptiert, dass zwei Menschen sich lieben, ohne dass sie sich verändern müssen.

Die Hochzeit in der Serie ist der Abschluss einer Geschichte, die 1992 mit der Freundschaft zwischen zwei Schurkinnen begann. Das Fandom hat diese Geschichte die ganze Zeit über schon vor sich gesehen. Es dauerte manchmal länger, bis die Verlage etwas verstanden.
Die Verkörperung
Margot Robbie hat Harley Quinn in vier Filmen gespielt — Suicide Squad (2016), Batman v Superman (Cameo), Birds of Prey (2020) und The Suicide Squad (2021). Ihre Leistung ist in diesen vier Filmen von sehr unterschiedlicher Qualität, weil die Filme selbst von sehr unterschiedlicher Qualität sind und äußerst selten das erreichen, was Comicfans tatsächlich sehen wollen. Was konstant bleibt, ist Robbies instinktives Verständnis der Figur. Sie spielt Harley nie als Clown, nie als Opfer, nie als Komödie. Sie spielt sie als jemanden, der genau weiß, was er tut, und der die Konsequenzen trägt.
Birds of Prey (2020) ist aber der einzige der vier Filme mit Harley Quinn als Protagonistin, der dem Sujet gerecht wird. Er ist laut, farbenfroh, körperbetont und hat einen emotionalen Kern, der von Harley Quinns Ablösung vom Joker handelt. Der Film ist imperfekt und vital – eine Beschreibung, die auch auf Harley Quinn selbst zutrifft, wenn man es recht bedenkt.
Lady Gaga
Todd Phillips besetzte für den totalen Flopp Joker: Folie à Deux (2024) Lady Gaga als Harley Quinn – eine Entscheidung, die sofort wild diskutiert wurde und in einem Film resultierte, der ebenso an den Erwartungen seiner Harley-Quinn-Darstellung scheiterte wie an allem anderen. Rückwirkend demonstrierte das Experiment, was Robbie richtig gemacht hatte: Sie nämlich verstand, dass Harley Quinn gleichzeitig Komödie und Tragödie ist und dass man beides gleichzeitig spielen muss, um sie richtig darzustellen.
Die Figur, die das Fandom erschuf

Harley Quinn ist die erste bedeutende Figur der amerikanischen Comicgeschichte, die vom Fandom zur Hauptfigur gemacht wurde, noch bevor der Verlag diese Entscheidung traf. Das ist ein bedeutendes Statement. Es zeigt, dass die Entscheidung darüber, wem Comicfiguren gehören, nicht bei den Juristen liegt, sondern bei den Kulturschaffenden. Harley Quinn gehörte von Anfang an dem Publikum. Das Publikum liebte sie, kleidete sich wie sie und schrieb Fanfiction über sie, noch bevor sie im regulären Comic existierte. DC hat keine bereits kanonisierte Figur eingesetzt, sondern eine, die von den Fans schon vollständig und lebendig gestaltet worden war.
In den dreißig Jahren seitdem hat das weitreichende Folgen gehabt. Heute ist Harley Quinn einer der erfolgreichsten DC-Charaktere, sei es in Comics, im Merchandising, bei Kostümen und in sämtlichen anderen Formaten. Vielleicht ist sie die erste Figur, bei der die Kommerzialisierung vollständig dem Wunsch des Publikums folgte, anstatt umgekehrt. Dieses Modell ist bis heute ein Thema in der Comicbranche.
Und sie ist trotz allem noch immer interessant. Das ist das eigentliche Wunder. Drei Jahrzehnte kommerzielle Ausbeutung haben eine Figur hinterlassen, die in ihrer besten Ausprägung – in der Animated Series von 2019, in Dinis Mad Love oder den besten Ausgaben von Conner/Palmiotti – noch immer etwas zu sagen hat: über Liebe, Abhängigkeit, Humor als Überlebensstrategie und die Möglichkeit, die Person zu werden, die man immer hätte sein können.
Sie war nie nur seine Harley
Dr. Harleen Frances Quinzel hat einen Doktortitel in Psychiatrie. Sie hat eine Turnkarriere hinter sich, durch die sie ein Stipendium erhielt. Sie ist intelligent, körperlich außergewöhnlich und verfügt über einen Humor, der sowohl Waffe als auch Schild ist. All das war immer da – in Dinis Konzeption, in Sorkins Stimme, im Design von Bruce Timm. Und trotzdem dauerte es dreißig Jahre, bis eine Version der Figur erschien, die aufhörte, sich durch die Augen des Jokers zu sehen.
Dann nämlich würde sie einen bestimmten Menschen heiraten, der Pflanzen liebt und die Menschheit für eine fragwürdige Spezies hält. Sie würde in einem bunten Apartment in einer Welt leben, die sie nicht verdient, und jeden Morgen aufwachen und entscheiden, wer sie an diesem Tag sein möchte. Ohne Kostüm als Vorschrift. Ohne Joker als Spiegel. Nur Harley Quinn.
Paul Dini schrieb 1992 eine Nebenrolle. Das Fandom machte daraus eine Hauptfigur. Und die Figur selbst machte daraus schließlich eine Person. Das ist eine Entstehungsgeschichte ohne Parallele im Medium. Und sie ist noch nicht abgeschlossen.