Silver Surfer – Norrin Radd von Zenn-La

Ungeplant

Fantastic Four #50

Die Entstehung des Silver Surfer ist eine der schönsten Schöpfungsgeschichten des amerikanischen Comics, weil es nämlich keine gab. Jack Kirby zeichnete im Frühjahr 1966 die dreiteilige Galactus-Geschichte für Fantastic Four #48–50. Plötzlich, ohne Absprache mit Stan Lee und ohne entsprechende Anmerkung im Skript, erschien auf einer Seite eine neue Figur. Ein silberfarbenes, nacktes Wesen auf einem kosmischen Surfbrett, das durch die Sterne reitet und dem unvorstellbar mächtigen Galactus vorausgeht wie ein Herold dem König. Als Lee das fertige Artwork öffnete und die Figur sah, war er, nach eigener Aussage, sofort überwältigt.

Kirby erklärte später, dass der Herold als dramatisches Konzept notwendig war. Galactus brauchte jemanden, der seine Ankunft ankündigt und zwischen dem Kosmischen und dem Menschlichen vermittelt. Warum dieser Herold jedoch genau so aussah – also silbern, glatt, und ohne Gesicht im eigentlichen Sinne, auf einem Brett wie ein einsamer Surfer auf einem Ozean ohne Ufer, kam aus einer Intuition, die Kirby nicht in Worte fassen konnte. Es war das Bild, das einfach entstehen musste. Und es war von Anfang an mehr als nur eine Nebenfigur.

Kirby & das Surfbrett

Kirby erschuf ihn. Lee erfand seine Stimme. Beide hatten recht.

Jack Kirby visueller schöpfer

Kirby brachte den Surfer ohne Vorankündigung auf die Seite – ein Akt schöpferischer Spontaneität, der in der Comicgeschichte einzigartig ist. Die Figur war bereits im ersten Panel visuell vollständig: die Silhouette, das Brett, die kosmische Einsamkeit. Kirby hatte keine Biografie, keine Herkunft und keine Sprache für sie geplant. Nur das Bild.

Stan Lee sprachliche stimme

Lee erkannte das Potenzial sofort und übernahm die ab 1968 startende Soloserie selbst als Autor. Er gab dem Surfer seine charakteristische Sprache: rhetorisch hoch, voller philosophischer Fragen an die Menschheit, manchmal bombastisch, aber immer aufrichtig. Diese Stimme ist Lees bedeutendster literarischer Beitrag zum Marvel-Universum.

Die Arbeitsteilung zwischen Kirby und Lee am Silver Surfer ist symptomatisch für die kreative Spannung, die das frühe Marvel-Universum prägte, und letztlich zu Kirbys Weggang führte. Kirby erschuf die Figur. Lee schrieb die Soloserie. Damit war Kirby jedoch nicht zufrieden, da er in seiner Figur eine andere Intention sah als die, die Lee in den 18 Ausgaben der Soloserie umsetzte. Lees Surfer war ein humanistischer Moralprediger, ein Zeuge der menschlichen Unzulänglichkeit. Kirbys Surfer – soweit man ihn aus dem Gesamtwerk rekonstruieren kann – wäre kosmischer gewesen, weniger auf die Sprache fixiert und mehr Bild als Wort.

Beide Versionen haben ihre Berechtigung. Und die Spannung zwischen ihnen hat eine Figur von einer Vielschichtigkeit produziert, die keine der beiden allein erreicht hätte.

Das Opfer

Norrin Radd lebt auf Zenn-La, einem Planeten, dessen Zivilisation alle Probleme gelöst hat. Es gibt dort keine Krankheit, keinen Krieg und keine Armut. Die Menschen von Zenn-La sind perfekt – und deshalb auch vollkommen gelangweilt. Norrin Radd ist der Einzige, der die Enge dieser Perfektion spürt, der sehnsuchtsvoll zu den Sternen blickt und mehr will. Und dann kommt Galactus.

Galactus ist der Verschlinger von Welten. Ein Wesen von einer Macht, die jenseits menschlicher Kategorien liegt, und das Planeten wie Nahrung konsumiert. Als Galactus Zenn-La ins Visier nimmt, tritt Norrin Radd vor. Er bietet sich an, Galactus‘ Herold zu werden, um ihm den Weg durch den Kosmos zu bahnen und weitere bewohnbare Welten zu finden. Im Austausch dafür verschont Galactus Zenn-La und Norrin Radds Geliebte Shalla-Bal. Galactus nimmt den Pakt an und verwandelt Norrin Radd in den Silver Surfer, löscht seine Erinnerungen an Zenn-La und seine große Liebe und setzt ihn auf das Board.

Norrin Radd opferte sich für seine Welt und verlor dabei sich selbst. Das ist eine Tragödie in Hochform. Und der Silver Surfer ist, in seinem Kern, eine Figur der Trauer um ein Selbst, das man für andere weggab.

Diese Ursprungsgeschichte ist einer der emotionalen Höhepunkte des frühen Marvel-Universums und hat eine Qualität, die die meisten Superhelden-Herkunftsgeschichten nicht erreichen. Keine Unfall, keine Strahlung, keine Spinne und auch keine Rüstung. Es ist eine bewusste Entscheidung, die trotzdem falsch ausgeht, weil die Kosten erst hinterher sichtbar werden. Norrin Radd wollte sich opfern, aber er wusste nicht, dass dieses Opfer auch seine Erinnerungen miteinschloss. Und er hätte sich wahrscheinlich trotzdem so entschieden.

Die Erde als Käfig

In den ersten Jahren seiner Existenz ist der Silver Surfer im Marvel-Universum gefangen. Von Galactus auf die Erde verbannt, ist er unfähig, die Barriere zu durchbrechen, die seinen Herrn vom Herold trennt. Dies ist eine der ungewöhnlichsten Figurenkonstellationen im Superhelden-Genre. Ein außerirdisches Wesen, das im Universum herumreist und Planeten besucht, die wir uns nicht vorstellen können, sitzt auf einem kleinen Planeten fest.

Als Metapher betrachtet, sieht der Surfer die Menschheit von außen mit dem Wissen dessen, der den Kosmos kennt. Was er sieht, entsetzt ihn. Die Menschen kämpfen gegeneinander, zerstören ihre Welt und leugnen ihre eigene Schönheit. Stan Lee nutzte den gefangenen Surfer als Vehikel für eine moralische Kritik der menschlichen Zivilisation. Die Direktheit eines außerirdischen Beobachters verlieh dieser Kritik ihre Schärfe – ein Kunstgriff, der an Voltaires „Candide” oder Swifts „Gullivers Reisen” erinnert, an die Tradition des naiven Fremden, der das Selbstverständliche befragen darf, weil er einen anderen Blick darauf hat.

Die Gefangenschaft ist die Strafe für Mitgefühl. Der Surfer wandte sich gegen Galactus, weil Alicia Masters (eine blinde Bildhauerin, die in der Lage ist, aus dem Gedächtnis unglaublich lebensechte Darstellungen realer Personen zu schaffen) ihm zeigte, dass die Menschen auf diesem Planeten schützenswert sind. Er opferte die Freiheit des Kosmos für einen einzelnen menschlichen Moment. Das ist der zweite große Opferakt in seiner Geschichte nach Zenn-La, und diesmal geschah er mit offenen Augen.

Kitsch, Pathos und kosmische Würde

Die Sprache, die Stan Lee für den Silver Surfer entwickelt hat, ist zu Recht das umstrittenste Element der gesamten Figur. In der Soloserie spricht der Surfer in langen, rhetorisch hochgespannten Monologen über die Menschheit, die Schönheit des Universums, den Sinn des Opfers und die Einsamkeit des Andersartigen. Er stellt philosophische Fragen, er klagt über dieses und jenes, oder wundert sich. Mal klingt er wie ein biblischer Prophet, mal wie ein griechischer Tragödienheld und mal wie der Schulaufsatz eines sehr begabten Teenagers, der über das Elend der Welt spricht.

Silver Surfer · Soloserie · Stan Lee

Diese Sprache ist riskant. Sie kann ins Sentimentale kippen. Und das tut sie gelegentlich. In den besten Momenten, in denen Lee die Kontrolle über seinen eigenen Pathos behält, hat sie jedoch eine Wirkung, die keine zurückgenommene Prosa erreichen könnte. Sie macht die kosmische Dimension des Surfers auf menschliche Weise spürbar, ohne sie klein zu halten. Ein Wesen, das Galaxien kennt und trotzdem über ein weinendes Kind erschüttert ist, bekommt eine andere Dimension, eine moralische Entscheidung darüber, was wirklich zählt.

Galactus, Thanos, Eternity — die kosmische Hierarchie des Marvel-Universums

Der Silver Surfer hat im Laufe seiner Geschichte eine einzigartige Rolle im Marvel-Universum übernommen. Er ist der menschlichste Bewohner des kosmischen Raums und der unwirklichste Bewohner der Erde. Aufgrund dieser Doppelzugehörigkeit ist er der natürliche Vermittler zwischen den beiden Ebenen des Marvel-Universums: der Welt der Superhelden mit ihren Städten und Identitäten einerseits und der kosmischen Ebene, auf der Wesen wie Galactus, Thanos, Eternity und das Living Tribunal operieren, andererseits.

Galactus

Herr und Kerkermeister. Das Wesen, das Norrin Radd erschuf und zerstörte. Die Beziehung zwischen beiden ist die komplexeste Vater-Sohn-Dynamik des Marvel-Universums.

Thanos

Rivale und gelegentlicher Verbündeter. Thanos versteht die kosmische Einsamkeit des Surfers, ohne seine Humanität zu teilen. Die zwei Seiten derselben kosmischen Münze.

Shalla-Bal

Die verlorene Geliebte, der Anker auf Zenn-La. Ihre Existenz ist das Fundament aller Trauer des Surfers — das, was er opferte und nie zurückbekommt.

Die Beziehung zwischen dem Surfer und Galactus ist die am besten ausgearbeitete im gesamten Marvel-Universum. Galactus ist kein Bösewicht, sondern etwas, das existieren muss, damit das Universum im Gleichgewicht bleibt. Der Surfer versteht das und hasst es zugleich. Er diente einem Herrn, dessen Größe er bewunderte, dessen Natur er jedoch verabscheute. Als er sich ihm widersetzte, verlor er seine Freiheit. Die Frage, die diese Beziehung aufwirft, lautet: Kann man einem System dienen, das man für falsch hält, wenn die Alternative schlimmer ist? Diese Frage wird im Superhelden-Genre selten gestellt. Der Surfer stellt sie jedoch in jeder Ausgabe.

Die zugänglichste Version

Auf den ersten Blick ist Dan Slotts und Mike Allreds Silver-Surfer-Serie (2014–2016) das Gegenteil von allem, wofür die Figur steht. Sie ist bunt, heiter und von einer Leichtigkeit, die Stan Lees Existenzmelancholie vollständig beiseitelässt. Der Surfer bekommt eine menschliche Begleiterin namens Dawn Greenwood – eine normale, bodenständige, humorvolle Frau aus einem kleinen Ort in Neuengland – und bereist mit ihr das Universum wie in einer kosmischen Romcom.

Farm, gezeichnet vom Holländischen Maler Piet Mondrian (1872 – 1944)

Allreds Stil ist eine Alternative zur Ästhetik von Kirby. Er ist farbenfroh und erinnert an Comics aus dem Silbernen Zeitalter und an den Holländischen Maler Piet Mondrian. Slotts Entscheidung, dem Surfer eine menschliche Begleiterin zur Seite zu stellen, ist eine Antwort auf ein Problem der Figur. Ein Wesen, das alles kennt, hat nur wenige Möglichkeiten zur Entwicklung. Dawn Greenwood kennt noch nichts und sieht alles neu. Sie gibt dem Surfer die Erlaubnis, die Welt ebenfalls neu zu sehen.

Die Serie gipfelt in einer Ausgabe, die formal und inhaltlich zu den mutigsten des Jahrzehnts gehört. Es ist eine Geschichte, die vorwärts und rückwärts gelesen werden kann. Sie arbeitet mit Symmetrie und Palindrom-Struktur, um die zyklische Natur von Erinnerung und Verlust zu visualisieren. Das ist Comic-Kunst, die Literatur und Grafik gelungen miteinander vereint.

Mike Allred Silver Surfer
Mike Allreds Surfer © Marvel

Der Fremde als Spiegel — eine literarische Tradition

Der Silver Surfer steht in einer langen literarischen Tradition des Fremden, der die Menschheit beobachtet und darüber berichtet, und seine Berichte sind selten schmeichelhaft. Von Voltaires Candide über Swifts Gulliver bis zu Kurt Vonneguts außerirdischen Beobachtern in The Sirens of Titan (dt. Das höllische System): Die Figur des Außenstehenden, der die Selbstverständlichkeiten einer Zivilisation mit frischen, unbestechlichen Augen sieht, ist ein Werkzeug der Satire und der Philosophie. Dieses Werkzeug hat das Comic-Medium in der Figur des Surfers in sein eigenes Vokabular übernommen.

Was den Silver Surfer allerdings von seinen literarischen Vorfahren unterscheidet, ist die Kombination aus Überlegenheit und Verlust. Voltaires Candide ist naiv. Swifts Gulliver ist desillusioniert. Der Surfer weiß von Anfang an mehr als die Menschheit, und leidet trotzdem, weil sein Wissen ihn nicht vor dem schützt, was er auf der Erde sieht. Er ist kein überlegener Beobachter. Er ist der überlegene Gefangene. Und das ist die Variante, die ihn zu einem wichtigen Beitrag zum Genre macht.

Der Silver Surfer ist die einzige Figur im Marvel-Universum, die gleichzeitig zu viel weiß und zu viel verloren hat, und deshalb das Leiden der Menschen versteht, ohne es teilen zu können.

2007 und das Problem der kosmischen Übersetzung

Der Silver Surfer erschien 2007 in Fantastic Four: Rise of the Silver Surfer. Seine dortige Darstellung ist ein Lehrstück darin, was passiert, wenn eine zutiefst philosophische Figur in das Actionsommer-Kino überführt wird, denn für Tiefe und Intelligenz gibt es darin keinen Platz. So war das Ergebnis zwar visuell beeindruckend, aber inhaltlich leer. Wir sahen einen Surfer, der seine kosmische Einsamkeit nicht fühlt, weil der Film keine Zeit hat, um sie aufzubauen.

In seinen besten Momenten ist der Silver Surfer eine Figur der Stille, ein Wesen, das durch das Vakuum des Alls gleitet, ohne Lärm, ohne Gesellschaft, nur mit dem Rauschen des „Power Cosmic” (die grenzenlose kosmische Kraft) in den Ohren. Das ist ein Anti-Blockbuster-Konzept. Kein Wunder, dass die Umsetzung scheiterte. Die MCU-Ära hat sich noch nicht ernsthaft mit der Figur auseinandergesetzt. Sie wird das wahrscheinlich auch nicht hinbekommen können.

Er reitet noch immer

Norrin Radd traf eine Entscheidung, als es keine anderen Möglichkeiten gab. Er bezahlte einen hohen Preis dafür. Das ist die Grundstruktur all seiner Geschichten seither. Er denkt über Entscheidungen nach, die er nicht rückgängig machen kann. Und er lebt in einer Welt mit Wesen – der Menschheit –, die ihn faszinieren und zugleich entsetzen.

Jack Kirby zeichnete ihn spontan auf eine Seite, ohne Erklärung. Stan Lee gab ihm eine zu große Stimme, die manchmal aber genau die richtige war. Steve Englehart ließ ihn reisen. Dan Slott ließ ihn lieben. Sie schufen alle eine Figur, die sehr vielseitig ist: Sie weiß zu viel, um naiv zu sein, und hat zu viel verloren, um zynisch zu werden.

Das ist die Position, die der Silver Surfer im Genre einnimmt. Er steht zwischen Wissen und Verlust, zwischen Kosmos und Erde, zwischen dem, was war, und dem, was sein könnte. Auf seinem Board bewegt er sich in einem grenzenlosen Universum, das er nicht verlassen will, weil er gelernt hat, dass das Wichtigste nicht im Kosmos liegt.

Es findet sich auf einem kleinen, blauen Planeten. Und er versteht immer noch nicht ganz warum.

Veröffentlicht von

Anski Spiegel

Studium der Literatur und der Philosophie. Comics sind für mich das Medium, das allen anderen Medien haushoch überlegen ist. Vergleiche hinken, immer. Aber dennoch gibt es nichts, das unser Dasein präziser in eine Form bringen könnte.