Über einen Autor, der dem Silbernen Zeitalter seinen Glauben zurückgab und dabei zeigte, dass Nostalgie und Innovation kein Widerspruch sein muss, wenn man wirklich versteht, was genau man bewahren will.
Die Schule des Sehens

Geoff Johns wurde 1973 in Detroit, Michigan, geboren. Er wuchs in einer Umgebung auf, die das amerikanische Industriezeitalter in seinem Niedergang verkörperte. Seine Herkunft hat sich nicht so direkt in sein Werk eingeschrieben wie etwa die so genannten Troubles in Belfast bei Garth Ennis oder die Geschichte Northamptons bei Alan Moore. Detroit ist also kein eigentlich mythologisches Koordinatensystem in Johns‘ Comics. Möglicherweise aber hat das Aufwachsen in einer Stadt, die um ihre eigene Identität kämpft sein Gespür dafür geschärft, was verloren gehen kann und was es bedeutet, sich dagegen zu wehren.
Der entscheidende Moment in Johns‘ Karriere ist die Begegnung mit Richard Donner, dem Regisseur des Superman-Films von 1978. Johns arbeitete zunächst als persönlicher Assistent Donners, bevor er im Comicbereich Fuß fasste. Die Lehrzeit hat ihn in seinem Verständnis von Figurenmythologie, emotionaler Zugänglichkeit und dem Verhältnis zwischen Heldenfigur und Publikum geprägt. Donners Superman ist nicht zufällig der am häufigsten genannte kulturelle Referenzpunkt in Johns‘ Interviews: Dieser Film zeigt, wie man eine mythologische Figur ernst nehmen kann, ohne sie zu schwer zugänglich zu machen. Er zeigt, wie man Wunder inszeniert, ohne sie ironisch zu betrachten. Und er zeigt, wie man das Staunen als legitime emotionale Kategorie behandelt, statt als kindisches Verhalten, das überwunden werden muss.
Johns betrat die Bühne des Comics in den späten 1990er Jahren, zunächst mit kleineren Projekten. Dann aber übernahm er die JSA-Serie (Justice Society of America, DC Comics, ab 1999, zunächst gemeinsam mit David Goyer, später allein) und wurde zu einer der prägendsten Stimmen der frühen 2000er. Die JSA ist die älteste Superheldentruppe im DC-Universum. Deren Mitglieder stammen noch aus der Ära des Zweiten Weltkriegs und waren damals ein Nischensegment, ein Relikt der frühesten Comicgeschichte. Das nahm niemand wirklich ernst. Johns jedoch nahm sie sehr ernst.
Kontinuität als Poesie
Um zu verstehen, was Johns für die Comicgeschichte getan hat, muss man ein Wort kennen, das in der Kritik der elitären Hochliteratur als Unwort gilt: Kontinuität. In amerikanischen Superheldencomics bezeichnet Kontinuität die Gesamtheit aller vergangenen Ereignisse, Charakterentwicklungen und Handlungsbögen, die im Laufe von Jahrzehnten in einem fiktiven Universum stattgefunden haben. Für die meisten Leser (und viele Autoren) ist diese Kontinuität eine Last: ein unüberschaubares, widersprüchliches und häufig chaotisches Archiv, das neue Leser abschreckt und die kreative Freiheit behindert.

Johns sieht das anders. Für ihn ist sie das Wichtigste am Medium. Er meint damit die emotionale Bindung der Leser an die Figuren und ihre Geschichten. Viele wollten das um 1986 fast schon zwanghaft ändern, eine gute Idee war das aber nicht immer. Johns‘ Projekt ist deshalb auch das genaue Gegenteil davon. Er will die ursprüngliche Bedeutung dieser Bindung wiederherstellen, ohne alles in Grund und Boden zu stampfen.
Diese Methode ist in seiner Arbeit an Flash (DC Comics, ab 2000, hauptsächlich mit Scott Kolins), seinem ersten großen Werk, gut zu beobachten. Johns übernahm die Figur des dritten Flash – Wally West -, der seit 1986 in der Rolle seines verstorbenen Vorgängers Barry Allen operierte, und gab ihr zurück, was sie in den vorangegangenen Jahren verloren hatte: ein emotionales Innenleben, eine familiäre Verankerung sowie eine Gemeinschaft von Verbündeten und Gegenspielern. Dadurch erschien das Flash-Universum als eine logische Welt statt als Bühnenbild für einzelne Abenteuer. Johns nimmt also in dieser Phase keine großen mythologischen Umbrüche vor; aber er repariert Stück für Stück das soziale und emotionale Gewebe der Figur.
Das war keine bescheidene oder kleine Sache, wie man an der Wirkung sieht. Sein Flash-Run ist einer der stärksten in der Geschichte des Titels. Die Figuren, die er in dieser Zeit entwickelte oder zurückbrachte, gehören zu den Besten. Besonders die Schurken, die Flash so berühmt gemacht haben. Er gab ihnen eine Tiefe und Menschlichkeit, die man sonst selten findet.
Green Lantern — Das emotionale Spektrum als Mythologie

Johns‘ wichtigste Leistung als Comicautor ist die Serie Green Lantern (DC Comics, ab 2004, zunächst mit Carlos Pacheco, dann mit Ivan Reis). Die Serie und der zugehörige Handlungsbogen, der sich über Jahre entwickelte und in Sinestro Corps War (2007), Blackest Night (2009–2010) sowie Brightest Day (2010–2011) gipfelte, ist das vollständigste Dokument seiner mythologischen Methode und eines der strukturell kühnsten Projekte im amerikanischen Mainstream-Comic des frühen 21. Jahrhunderts.
Die Ausgangssituation ist folgende: Hal Jordan, der bekannteste Green Lantern und seit Jahrzehnten einer der zentralen DC-Helden, wurde in den 1990ern durch eine Reihe von Entscheidungen, die zu den umstrittensten der Branche gehören, zum Schurken, zum Massenmörder und schließlich zum Toten gemacht. Das war ein Versuch damaliger Autoren, die Figur zu „modernisieren”, der von einem großen Teil der Leserschaft als Verrat empfunden wurde. Auf einer Ebene ist Johns‘ gesamter Green-Lantern-Run die Antwort auf diese Entscheidung: die systematische Rückgewinnung der Figur, ihrer Mythologie und ihrer moralischen Substanz.
Zur mythologischen Struktur von Johns‘ Green Lantern, 2004–2013
John rehabilitiert Hal Jordan nicht nur durch die Handlung, sondern auch durch ein neues mythologisches Fundament für die Figur, sodass die Rehabilitation wie eine Offenbarung wirkt.
Die Idee hinter dieser Arbeit ist, dass die verschiedenen Farben im DC-Universum – Grün steht für Willenskraft, Gelb für Furcht, Rot für Wut, Orange für Gier, Blau für Hoffnung, Indigo für Mitgefühl, Violett für Liebe, Weiß für Leben und Schwarz für Tod – kein zufälliges System von Energiequellen sind. Sie stehen für ein zusammenhängendes Modell des Kosmos, das alle Gefühle abdeckt. Diese Idee mag trocken klingen, aber die Erklärung ist beeindruckend und erinnert an Tolkiens Arda-Kosmos: ein Weltgebäude, das aus einem einzigen Grundprinzip ein ganzes Universum von Figuren, Konflikten und Bedeutungen macht.
Blackest Night ist der Höhepunkt dieser Arbeit und eine der aufwändigsten Event-Erzählungen, die der amerikanische Mainstream-Comic je kannte. Es ist ein apokalyptisches Ereignis, bei dem die Toten des DC-Universums als schwarze Lanterns zurückkehren und die Emotionen der Lebenden fressen. Es besteht aus zwölf Miniserien und Tie-In-Ausgaben, die Johns allesamt koordiniert hat. Das war eine Leistung, die zeigt, dass Johns gute Arbeit als Kreativdirektor von DC Comics leisten kann. Am Ende ist Blackest Night ein großartiges Event, das den Erwartungen gerecht wird und gleichzeitig die Geschichte der letzten fünf Jahre gut erklärt. Das ist selten, wie dann die Event-Phase von Brian Michael Bendis gezeigt hat.
Teen Titans, JSA und die Frage der Generationen
Ein Thema, das in Johns‘ Werken oft vorkommt, aber oft nicht richtig benannt wird, ist die Übergabe von Verantwortung von einer Generation zur nächsten. Dabei geht es um die Frage, was bewahrt wird und was sich verändern soll. Schon in seinen JSA-Jahren hat er dieses Thema behandelt. In der Justice Society werden die Helden des Zweiten Weltkriegs mit ihren modernen Nachfolgern verbunden. In Teen Titans (ab 2003, gezeichnet von Mike McKone) wird das dann auf eine andere Generation übertragen: Jugendliche wachsen im Schatten ikonischer Erwachsener auf und lernen, ihr eigenes Verhältnis zu Macht und Verantwortung zu finden.
Zur Frage der Nostalgie
Johns wird häufig als ein nostalgischer Autor bezeichnet, der das Silver Age des Comics – also die vermeintlich unschuldigere Ära der 1950er und 60er um jeden Preis zurückbringen will. Da ist zwar was dran, aber ganz richtig ist es nicht. Richtig ist, dass Johns eine tiefe Zuneigung zu den Figuren und Ideen dieser Ära hegt und aktiv gegen den Zynismus vorgeht, der das Genre nach Watchmen und The Dark Knight Returns überrollte. Irreführend ist jedoch die Annahme, seine Arbeit sei konservativ im Sinne des Rückwärtsgewandten. Johns bringt das Alte wieder neu heraus. Er zeigt, was darin immer schon steckte, aber nie vollständig ausgearbeitet wurde. Es gibt nicht unbedingt eine Rückkehr, sondern nur eine Vertiefung.

Johns hat in Interviews immer wieder von seiner persönlichen Erfahrung mit dem Tod seiner Schwester gesprochen. Sie starb bei einem Flugzeugabsturz, als er noch jung war. Johns fragt sich durch dieses Trauma, was er seinen eigenen Kindern einmal hinterlassen würde. Diese Frage ist in seinen Werken immer präsent, auch wenn er sie nie direkt beantwortet. Die Superhelden in Johns‘ Universum sterben nicht, um eine dramatische Wirkung zu erzielen. Wenn sie sterben oder zurückkehren, fühlen die Menschen echte Trauer und echte Hoffnung.
In Action Comics und seiner Arbeit an Superman zeigt Johns, wie er mit der bekanntesten aller Figuren umgeht. Er zeigt Superman als Idealfigur, als einen Menschen, der das Gute verkörpert. Das erfordert Fingerspitzengefühl. Nur wenige Autoren können das. Johns gehört dazu.
Der unterschätzte Aquaman

Kein Werk aber zeigt Johns‘ Methode so klar und bescheiden auf wie sein Aquaman-Run (DC Comics, ab 2011, gezeichnet von Ivan Reis). Viele Witze über Aquaman handeln davon, dass er mit Fischen spricht und nicht cool genug für einen Superhelden ist. Johns macht gerade das zum Thema seiner Geschichte. In der ersten Ausgabe sitzt Aquaman in einer Fast-Food-Kette und hört zu, wie die Bedienung und die anderen Gäste über ihn lachen. Das ist mutig, weil es genau das anspricht, was die Leser (mich eingeschlossen) über ihn denken.
Was folgt, ist eine Figur, die von Johns ernst genommen wird. Er gibt ihr die Würde zurück. Atlantis ist eben kein langweiliger Ort, sondern ein Königreich mit Geschichte, Politik und Kultur. Arthur Curry ist ein Mensch, der eigentlich in keine Welt so richtig gehört. Diese Zerrissenheit ist ein schon alter aber erfolgreicher Mythos. Johns entdeckt sie in einer Figur, in der niemand sie gesucht hat.
Johns als Kreativdirektor
Johns wurde 2010 Kreativdirektor von DC Comics. Er arbeitete an der Filmreihe des „DC Extended Universe“, die mit Man of Steel (2013) begann, und war maßgeblich an der Entwicklung dieser Filmreihe beteiligt. Das war das komplizierteste Kapitel seiner Karriere. Er arbeitete jetzt nicht mehr als Autor, sondern als Institutionspolitiker, was viele Konflikte mit sich brachte.
Johns hat also bei der Planung von Batman v Superman: Dawn of Justice (2016) und bei der Entwicklung des DCEU-Gesamtkonzepts mitgeholfen. Dieser Zusammenschluss von Filmen wurde von den Zuschauern sehr unterschiedlich bewertet und war künstlerisch ziemlich uneinheitlich. Johns glaubt an emotionale Zugänglichkeit, an mythologische Würde und an das Staunen als legitime Kategorie. Die Entscheidungen der Filmproduktionen gingen aber häufig in die entgegengesetzte Richtung. Johns hat diese überraschenden Unterschiede nie vollständig öffentlich erklärt.

2018 trat er von seiner Leitungsrolle bei DC zurück. Die genauen Umstände sind nicht bekannt. In den 2010ern gab es in der Branche viele Diskussionen über die schlechte Arbeitsatmosphäre. Weil Johns nun einmal an den zu dieser Zeit entstandenen Produktionen beteiligt war, hat das seinem Ruf erheblichen Schaden zugefügt. Man kann das nicht ignorieren, auch wenn es den Rahmen eines comichistorischen Essays übersteigt.
Nach seinem Rückzug aus der Leitungsfunktion kehrte Johns mit Doomsday Clock (DC, 2017–2019, gezeichnet von Gary Frank) zur eigentlichen Comicarbeit zurück. Er ging das Projekt mit derselben Kühnheit an, die er bereits in seiner Green-Lantern-Phase gezeigt hatte. Die Fachkritik fand das Werk jedoch nicht so gut. Doomsday Clock ist ein fehlerhaftes und in seiner Ambition dennoch bewundernswertes Werk. Es ist der Versuch, Moores in sich abgeschlossenes Universum in den DC-Mainstream zu integrieren. Dass dieser Versuch sowohl beeindruckende als auch unglückliche Seiten hat, ist kein Urteil über Johns‘ Talent, sondern über die Natur der Aufgabe.
Das Licht in der Dunkelheit
Unter den Autoren dieser Reihe ist Geoff Johns derjenige, dessen Stellung am stärksten von der Spannung zwischen künstlerischer Leistung und Verstrickungen mit Institutionen geprägt ist. Seine Comicwerke sind authentische Beiträge zur Geschichte des Mediums. Sie zeigen, dass man Restauration und Innovation durchaus miteinander verbinden kann, dass es okay ist, wenn man für seine Werke nicht zu viel Neuerungen verlangt, und dass der Glaube an die emotionale Kraft der Superhelden-Mythologie eine ästhetische Position der Würde ist und nicht mit Naivität verwechselt werden sollte.
Johns hat dem DC-Universum in den 2000ern etwas zurückgegeben, das es in der Zeit nach Watchmen verloren hatte: Es darf sich selbst ernst nehmen, ohne zynisch zu werden. Er hat gezeigt, dass man einen Mythos nicht nur dekonstruieren kann, dass es genauso ehrenwert ist, einen Mythos von innen heraus zu verstehen und zu erweitern. Diese Position wurde lange unterschätzt. Sie verdient Anerkennung, unabhängig von den Entscheidungen, die Johns in seiner Rolle jenseits des Comicschreibens getroffen hat.
Wenn man den Lärm von Institutionen ausblendet, bleibt ein Mann, der gut schreiben kann und an viele gute Dinge glaubt. Er ist jemand, der das Staunen für eine Form der Intelligenz hält und Hoffnung nicht als Schwäche betrachtet. In einer Industrie, die das Dunkle über Jahrzehnte als Tiefgründiges vermarktete, hat er hartnäckig daran festgehalten, dass das Licht ebenso komplex sein kann wie der Schatten. Es liegt allein an dem, was man sich vorstellen kann.