Alan Moores Weg zum einflussreichsten Comic-Autor der Moderne begann in den „Burroughs“, einem heruntergekommenen Arbeiterviertel in Northampton, England. Diese Herkunft ist durchaus entscheidend für sein gesamtes Werk: Moore schreibt aus einer Position des Außenseiters, geprägt von einer tiefen Skepsis gegenüber Autoritäten und einem ausgeprägten Gespür für die soziale Realität des britischen Post-Industrialismus. Sein früher Schulverweis wegen des Handels mit LSD markierte dabei den endgültigen Bruch mit bürgerlichen Lebensentwürfen und trieb ihn direkt in die Arme der Underground-Kultur und des Fanzine-Wesens der 1970er Jahre.
Alan Moore als Erneuerer des Mediums „Comic“
In dieser Phase entwickelte Moore jene Stimme, die später das gesamte Medium transformieren sollte. Er begann als Autor und Zeichner, erkannte jedoch bald, dass seine wahre Stärke doch eher in der narrativen Architektur lag. Während seine frühen Arbeiten für das britische Magazin 2000 AD noch im Rahmen der Science-Fiction operierten, deutete sich bereits in Marvelman (später Miracleman) sein radikaler Ansatz an. Moore nahm die damals stagnierenden Superhelden-Figuren und setzte sie einer gnadenlosen psychologischen und politischen Realität aus. Er fragte nicht, was ein Held tun würde, sondern welche katastrophalen Auswirkungen die Existenz eines gottgleichen Wesens auf das Gefüge der menschlichen Gesellschaft tatsächlich hätte.
Diese Dekonstruktion gipfelte Mitte der 1980er Jahre in Watchmen. Zu diesem Zeitpunkt war Moore bereits in die USA zu DC Comics gewechselt, doch er brachte eine europäische, nihilistische Sensibilität mit. Gemeinsam mit Dave Gibbons schuf er ein Werk, das die bis dahin moralische Unbedenklichkeit des Genres zertrümmerte. Die Helden in Watchmen sind keine Vorbilder; sie sind Psychopathen, Faschisten oder emotional verkrüppelte Genies. Moore nutzte das Medium hier erstmals mit einer formalen Komplexität – durch Spiegelungen, Meta-Texte und eine streng symmetrische Seitenaufteilung –, die den Comic auf eine Stufe mit der anspruchsvollsten Literatur hob.
Doch Moores Karriere ist ebenso sehr von seinem Widerstand gegen die Industrie geprägt wie von seinem Erfolg. Sein Zerwürfnis mit den großen Verlagen über Urheberrechte und die Kommerzialisierung seiner Schöpfungen führte dazu, dass er sich in den 1990er Jahren zunehmend unabhängigen Projekten zuwandte. In dieser Zeit vollzog er auch seine persönliche Wandlung zum praktizierenden Magier. Für Moore ist Kunst – wie für alle echten Künstler – ein magischer Akt, das bedeutet, dass es sich dabei um die Fähigkeit handelt, durch Worte und Bilder die Wahrnehmung eines anderen Menschen zu verändern. Diese Philosophie floss direkt in Werke wie From Hell ein, eine düstere Sezierung des viktorianischen Zeitalters, in der er die Morde von Jack the Ripper als rituelles Opfer zur Zementierung des Patriarchats umdeutete.
In seinem Spätwerk hat Moore das Medium Comic fast gänzlich hinter sich gelassen. Mit monumentalen Romanen wie Jerusalem kehrte er literarisch in die Straßen seiner Kindheit zurück, um dort das Alltägliche mit dem Metaphysischen zu verweben. Sein Werdegang ist somit die Geschichte einer ständigen Ausweitung des Kampfplatzes: Von den Sprechblasen kurzer Strips hin zu einer umfassenden Mythologie des modernen Lebens, immer geleitet von dem anarchistischen Grundsatz, dass die Macht der Erzählung dem Individuum gehört und nicht den Konzernen.
Noch einmal zurück zur oben angedeuteten Magie und somit einer „Wortwerdung“:
Es war an seinem 40. Geburtstag, als Alan Moore für alle überraschend verkündete, von nun an ein Magier zu sein. Was viele für einen bizarren Marketing-Gag oder eine Midlife-Crisis hielten, war in Wahrheit die logische Konsequenz seines literarischen Schaffens. Moore erkannte, dass das, was er als Autor tut – das Erschaffen von Welen, das Manipulieren von Emotionen und das Verändern der Wahrnehmung seiner Leser –, exakt der Definition von Magie entspricht.
Die Kunst als magischer Akt
Moore bezieht sich bei seinen Aussagen meist auf die eigentliche Bedeutung eines Wortes, also auf die Etymologie: Das Wort „Grammatik“ leitet sich vom selben Stamm ab wie „Grimoire“ (ein Zauberbuch). Für ihn ist ein Schriftsteller jemand, der Zaubersprüche (Spells) webt, indem er buchstabiert (Spelling).
- Die These: Wenn ein Autor eine Geschichte schreibt, die Millionen von Menschen dazu bringt, die Welt anders zu sehen (wie etwa die Skepsis gegenüber der Polizei nach Watchmen), dann hat er die Realität verändert. Er hat „Magie“ gewirkt.
- Die Gefahr: Moore kritisiert die moderne Werbeindustrie als „schwarze Magie“, da sie Symbole nutzt, um Menschen dazu zu bringen, Dinge zu wollen, die sie nicht brauchen, und so ihren Willen manipuliert.
„Promethea“: Alan Moore und das Lehrbuch der Magie
Sein Hauptwerk in diesem Bereich ist die Serie Promethea. Was als Standard-Superheldengeschichte beginnt, verwandelt sich schnell in eine geführte Tour durch die westliche Hermetik und den Kabbala-Lebensbaum.
- Die Protagonistin ist eine Manifestation der menschlichen Vorstellungskraft.
- Moore nutzt die visuelle Ebene des Comics, um komplexe philosophische Konzepte (wie das Verhältnis von Mikrokosmos und Makrokosmos) direkt erfahrbar zu machen. Es ist weniger ein Comic als vielmehr ein ritueller Text in Bildern.
Psychogeografie und der Geist der Orte
Ein weiterer Aspekt seiner Magie ist die Psychogeografie. In Werken wie From Hell oder seinem 1.200-Seiten-Roman Jerusalem behauptet Moore völlig richtig, dass Orte eine Art Gedächtnis haben. Ereignisse, die an einem bestimmten Punkt in der Geschichte stattgefunden haben, „vergiften“ oder „segnen“ diesen Ort für alle Ewigkeit. Moore hält sich auch hier an die Wissenschaft, wenn er sagt, dass Zeit nicht linear abläuft, sondern ein massiver Block ist (der „Eternalismus“). Alles, was jemals passiert ist, passiert jetzt immer noch. Der Magier/Autor ist derjenige, der in der Lage ist, die Perspektive zu wechseln und diese Gleichzeitigkeit zu sehen.