Drei Jazz-Stories

Peter Straub – Pork Pie Hat

porkpiePork Pie Hat ist die Geschichte der fiktiven Jazzlegende mit dem gleichen Namen. Der Erzähler der Geschichte läßt die Zeit, als er noch ein College-Student war, Revue passieren, während der er von dem Saxophonisten ‚Hat‘ fasziniert war.
Als er Hat ein Stück spielen hört, bittet er den Musiker um ein Interview. Obwohl der sehr zurückhaltend ist, akzeptiert er die Fragen des Erzählers. Während des ‚offiziellen‘ Interviews beweist der Erzähler, daß er wirklich ein Kenner von Hats musikalischer Karriere ist und Hat bietet ihm an, eine Geschichte zu erzählen, die er noch niemals erzählt hat, wenn der Erzähler einwilligt, sie niemals zu publizieren.
Was folgt, ist aus Hats Perspektive erzählt, dem seit seiner Kindheit Erinnerungen an ein unsagbares Erlebnis quälen, daß er im Alter von elf Jahre in der Nähe des ‚verbotenen‘ Waldes mit dem Namen „The Back“ hatte. Jetzt, da er krank ist und sich dem Ende nähert, das der Alkohol und die Depression für ihn vorsieht, ist die Zeit gekommen, zu offenbaren, was er sah und vor allem: was er tat.
Straub verwendet große Aufmerksamkeit darauf, Hat lebendig darzustellen, portraitiert einen Mann mit unglaublichen musikalischen Talent, der von zahllosen persönlichen Dämonen verfolgt wird. Er entspinnt die Geschichte detailversessen und langsam. Herausgekommen ist ein Meisterwerk an Charakterisierung und Stimmung.

T.E.D Klein – Der schwarze Mann mit dem Horn 

coltraneIn dieser Geschichte geht es eigentlich überhaupt nicht um Jazz, auch wenn mit dem Titel ein Plattencover von John Coltrane und seinem Saxophon einhergeht. Es ist die Erzählung eines alternden Schriftstellers, der in seiner Jugend ein guter Freund Lovecrafts war, der nun, da er die Geschichte erzählt, 77 Jahre alt ist. Es handelt sich um Frank Belknap Long, mit dem Lovecraft einen regen Briefwechsel führte. Der Erzähler ist darüber verbittert, daß ihm Leben und Glück so einfach durch die Finger gleitet, gleichzeitig ist seine Freundschaft zu Lovecraft aufrichtig. Er ist eifersüchtig, aber doch ehrlich mit sich selbst, was sein Talent gegenüber dem Lovecrafts für einen Stellenwert besitzt. Man kommt nicht umhin, Mitleid mit dem Erzähler zu haben – und das ist der Punkt, an dem Klein den Horror losläßt.

Julio Cortázar – Der Verfolger 

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Charlie „Bird“ Parker

Cortazár schrieb formvollendete Erzählungen. Sein phantastischer Realismus, der stark vom Noveau Roman, mehr aber noch durch den Surrealismus geprägt wurde, ist bis heute solitär und einzigartig geblieben. Während Borges durchaus seine Epigonen fand, scheint es bei Cortázar unmöglich, seinen Stil auch nur annähernd zu erfassen. Zu viele Silhouetten, zu viele Variablen, zu viele technische Meisterleistungen lassen ihn – und nur darin gleicht er Poe – unnachahmlich bleiben.
Von den drei vorgestellten Erzählungen ist diese die einzige, die wahre, die dem Jazz huldigt,  zumindest aber einen seiner Legenden und Ikonen: Charlie Parker, von seinen Freunden „Bird“ genannt, dem Cortázar diese Geschichte widmet. Posthum, versteht sich.
Laut Cortázar wohnt dem Konzept des Schreibens eine musikalische Handlung inne, basierend auf dem Rhythmus des Textes. Ohne einen angemessenen Rhythmus verfehlen sich Autor und Leser in ihrer Kommunikation.
Also vergleicht Cortázar den Rhythmus, den er in seinen Geschichten wählt, mit dem Swing des Jazz. Er fügt hinzu, daß Jazz auf dem Prinzip der Improvisation basiert. Diese Improvisation nutzt Cortázar als Vehikel für seine Arbeit, Improvisation nämlich als Prozeß und nicht als Produkt. Der Charakter im Text, der Parker nachempfunden ist, heißt Johnny Carter. Bruno hingegen ist ein Jazz-Kritiker und hat vor kurzem Johnnys Biographie veröffentlicht. Diese beiden Protagonisten verkörpern völlig gegensätzliche Persönlichkeiten. Johnny, der intuitive Jazz-Improvisiteur und Bruno, der westliche Intellektuelle, der einem logischen System verbunden ist. Die Geschichte beginnt in Johnnys Apartment. Bruno trifft nach einem Anruf von Dédée, Johnnys Partner, dort ein, der ihn davon unterrichtete, daß es Johnny nicht besonders gut gehe.
Zeit bildet, nach dem Verständnis unserer gegenwärtigen kapitalistischen Wirtschaftswelt, die Grundlage für Effizienz und Produktivität. Das kapitalistische Individuum bewegt sich nach der Uhr. Im Falle von Bruno bedeutet das, er arbeitet für die Zeitung. Johnny begreift die konventionelle Konzeption von Zeit nicht als den Begleiter durch die tägliche Realität. Sein ‚Wahn‘ besteht darin, Brunos Logik herauszufordern und in Frage zu stellen. Für ihn besteht der eigentliche ‚Wahn‘ darin, die sozialen Normen zu akzeptieren, wie im Falle der Zeit. Der Leser bekommt den grundlegenden Beweis, wie es möglich ist, durch Improvisation über die Logik hinaus zu gehen, um ein anderes Verständnis von Realität zuzulassen.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.