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82 Frauen ermordet: Die Straßen vom Dreck befreit

Ein Polizist tötet Prostituierte, um die Straßen sauber zu halten. Guter Psychopathen-Stoff für böse Thriller. Ähnlich Gelagertes ist längst geschehen. Wurde gemacht, gedacht, geschrieben, gedreht. Nur nicht in dieser Größenordnung:

Mikhail Popkov (Archiv-Foto)

Mikhail Popkov hat 82 Frauen umgebracht. Zumindest ist das die Anzahl derer, an die er sich erinnert. Ob es noch mehr gewesen sind, die er angewidert als “Dreck” betrachtet und auf bestialische Art ermordet hat, um Russland (s)ein Stück vom moralischen Müll zu befreien? Popkov weiß es nicht. Er weiß aber, dass er lange Zeit getötet hat. Immer wieder. Zwanzig Jahre. Und er weiß, dass er seine Opfer, ausnahmslos Frauen im Alter von siebzehn bis Ende dreißig, in denen er Schande, Schmutz und Verderbnis sah, kompromisslos töten wollte, wobei er sich nie auf eine Tat tatsächlich vorbereitet hätte. Die Wahl der Mordwaffe überließ er dem Zufall. Es kam darauf an, nach welchem Werkzeug, das sich in seinem Auto befand, er zuerst griff.

Ich hätte jeden Gegenstand nehmen können, den Schlagstock, einen Schraubenzieher, das Messer, eine Axt…

Die Mordserie begann 1992. Popkov, als Polizeibeamter auf Streife, sah sich nach jungen Frauen um, die ohne Begleitung Bars und Diskotheken verließen, sprach sie an und machte ihnen das Angebot, sie in seinem Dienstwagen mitzunehmen. Willigten sie ein, einige vielleicht auch aus anfänglicher Sympathie für den nicht unattraktiven Mann, fuhr er mit ihnen zu abgelegenen Orten, vergewaltigte und tötete sie.

Metzelte sie ab wäre eine ehrlichere Formulierung. Popkov ging ungeheuer brutal vor, – einige köpfte er anschließend oder riss ihnen das Herz heraus – , wenn ihn das Verlangen überkam, Frauen für ihr “schlechtes Benehmen zu belehren und zu bestrafen”. Sie waren allein in der Nacht unterwegs und in seinen Augen für jedes Abenteuer mit Alkohol, Spaß und Sex bereit, das genügte, um sie hinzurichten und wie den Abfall, der ihn so störte, einfach nackt im Straßengraben liegen zu lassen.

Jahrelang wurde nach ihm gefahndet, erst 2010 konnte er gefasst werden. Und ergab sich resigniert, geschlagen von moderner Technologie. Ohne DNA-Untersuchungen, so Popkov, hätte er nie auf der Anklagebank gesessen. Es sei halt nicht sein Jahrhundert. Wahrhaft bedauerlich: Das 21. ist, zumindest theoretisch – , kein Jahrhundert für einen Massenmörder, der davonkommen könnte.

Mikhail Popkov aus dem sibirischen Argansk, 2015 verurteilt wegen 22-fachen Mordes, galt bereits als einer der schlimmsten Serienkiller der russischen Kriminalgeschichte, als er Anfang dieses Jahres sein Schauer-Geständnis ablegte. Der 52-jährige Ex-Polizist erklärte, tatsächlich sehr viel mehr Frauen, – 60 dazugezählt – , auf dem Gewissen zu haben…das er zweifellos endlich bereinigen wollte, indem er die volle Schuld übernähme. Ohne dabei die Betonung darauf zu vergessen, dass es seine Überzeugung gewesen sei, zum gegeben Zeitpunkt das Richtige zu tun: Die unsauberen Straßen zu”fegen”.

Legitime Säuberungsaktion!

Popkovs Name für seine Berufung. Er “säuberte” mit Mordinstrumenten aus dem Vorrat beschlagnahmter Waffen der Polizei, die er nach anschließender gewissenhafter Reinigung wegwarf. Er war gründlich. Nur einmal verlor er am Tatort seine Polizeimarke, kehrte zurück und stellte fest, dass eines seiner Opfer, – er hatte dort zwei Frauen, vermeintlich tot, im Graben liegen lassen – , noch atmete.

Ich brachte das dann mit einer Schaufel zu Ende.

Der fanatisch krankhaft Besessene, in den russischen Medien schon vor seiner Horror-Enthüllung als Maniac (Wahnsinniger) und Sibirischer Werwolf tituliert, steht jetzt (mit) auf ganz oben auf dem Podest der irren Bestien in Menschengestalt wie der “Metzger von Rostov” (Andrej Tschikatilo, 53 Morde), der “Schachbrett-Mörder” (Alexander Pichuschkin, 49 Morde) oder der “Terminator von Tschernobyl” (Anatolij Onoprijenko, 52 Morde. Der Maniac hat sie eiskalt überrundet. Aber weltweit einer der größten Teufel ist er nicht: Da gibt es noch das kolumbianische Kaliber mit Luis Gravito, – Die Bestie – , der 147 Jungen umgebracht hat, oder Pedro Lopez, – Das Monster der Anden – , auf dessen Konto über 300 Mädchenleichen gehen.

Ein guter Polizist, Ehemann und Vater sei er gewesen, so Popkov, alle hätten ihm das stets bestätigt. Er sei auch während seiner Dienstzeit regelmäßig medizinisch untersucht worden, stets mit positivem Ergebnis. Natürlich hätte er gewusst, dass er ein Gesetzesbrecher war, als er mordete, und demzufolge wären auch alle Spuren wie Fingerabdrücke ordentlich von ihm entfernt worden. Niemals hätte jemand aus seinem näheren Umfeld, schon gar nicht seine geliebte Frau, seine vergötterte Tochter,  im Leben auch nur eine Sekunde gedacht, er könnte ein Massenmörder sein. Und er sagt:

Ich habe mich nie für geistig krank gehalten.

Räumt aber ein, dass ihm klar war, eine gespaltene Persönlichkeit zu sein: Der Gutmensch Popkov, ein “Normaler”, und der andere Popkov. Dieser Zweite in ihm ermordete auch die Musiklehrerin seiner Tochter, für deren Beerdigung er der Schule Geld spendete. Nach außen hin der Anstand, innendrin der Schlächter. Tatsächlich waren es keineswegs nur Prostituierte, denen Popkov in seiner Heimatstadt Argansk, später in der gesamten Region von Irkutsk in Zentralsibirien auflauerte, um ihnen mit der Berechtigung des Irrsinns so grausam ihr viel zu kurzes Leben zu nehmen. Es waren oft einfach nur Frauen, die das schreckliche Pecht hatten, aufgrund ihres Aussehens, ihrer Art von Popkov als bereitwillige Sexobjekte definiert zu werden.

2000 wurde Popkov impotent, er hatte sich mit einer nicht behandelten Geschlechtskrankheit infiziert. Er ging seinen Weg unbeirrt weiter. 82 tote Frauen: Die Ermittler gehen zwar bis dato davon aus, dass die Zahl stimmt, aber Popkov reiste häufig von Angarsk nach Wladiwostok, und ob dort, auf der 3000 Kilometer langen Route, noch irgendwo Leichen von vielleicht vermissten Frauen liegen, bleibt noch die Frage.

Mikhail Popkov erwartet aufgrund seines Geständnisses ein neuer Prozess, – die Todestrafe wurde in Russland 1997 abgeschafft – , und damit auch eine Haftverschiebung. Er sitzt in Sicherheit hinter schützenden Mauern. Vor dem Arbeitslager hat er wohl Angst. Der Frauenmörder würde umsonst um Gnade winseln. Wie seine Opfer.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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