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23b

Endlich zu Hause, denke ich und schalte das Licht ein. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss, ich lege den Mantel ab und steige aus meinen Schuhen. Ich wohne hier erst seit einer Woche und doch fühlt es sich schon nicht mehr neu oder fremd an. Das Apartment ist spärlich möbliert, es besteht aus einem minimalistisch eingerichteten Wohnzimmmer mit angrenzender Küche, einem Schlafzimmer mit Doppelbett, sowie einem Bad mit Dusche und Wanne. Einzig der massive Schreibtisch in der hinteren Ecke des Wohnbereichs verleiht der Einrichtung eine persönliche Note. Altes Familienerbstück, mehr als zweihundert Jahre alt. Der Computer wirkt auf dem antiken Möbelstück wie ein Fremdkörper, aber auch Schriftsteller müssen mit der Zeit gehen. Schreibmaschinen mögen mehr Stil haben, sie sind aber auch äußerst unpraktisch. Neben dem Schreibtisch und einem bequemen Stuhl davor, gibt es noch ein Bücherregal, beinahe randvoll mit Werken bekannter Autoren, Biografien und Bildbänden. Das einzig besondere an meiner Wohnung ist die Tür neben dem Bücherregal, die direkt ins benachbarte Apartment führt. Sie ist so konstruiert, dass sie nur geöffnet werden kann, wenn sie von beiden Seiten aufgeschlossen wird. Verständlich, schließlich möchte niemand ungebetenen Besuch vom Nachbarn bekommen. Derzeit wohnt ohnehin niemand nebenan. Ich gehe zum Kühlschrank, nehme eine Wasserflasche heraus und trinke sie in einem Zug halb leer.

Irgendetwas bewegt sich auf dem Flur, jemand geht an meiner Tür vorbei. Das kommt ziemlich selten vor, da mein Apartment das vorletzte auf dieser Seite des Ganges ist und sich kaum einmal jemand hierher verirrt. Durch den Türspion erkenne ich, dass eine junge Frau zwei schwere Koffer hinter sich herzieht. Auf dem Rücken trägt sie etwas, das ein Geigenkoffer sein könnte. Wie es aussieht, zieht sie in 23b ein, direkt nebenan. Eine neue Nachbarin also, und eine hübsche noch dazu.
Als ich mich einige Zeit später an den Schreibtisch setze und meinen Rechner aufklappe, dringt Violinenklang von drüben an mein Ohr. Corelli, das erkenne ich sofort. Ich hatte schon immer eine Schwäche für Musikerinnen.

 

Als ich am nächsten Morgen das Haus verlassen will, stürmt mir meine neue Nachbarin durch die Tür der Lobby entgegen. Sie hat den Kopf gesenkt, schaut auf den Boden, und ich schaffe es gerade noch, einen Schritt zu Seite zu machen. Als sie an mir vorbeirauscht, streift sie mich mit der linken Hand. Für einen kurzen Moment schaut sie in meine Richtung, und unsere Blicke treffen sich. Ihre Augen sind gerötet, als hätte sie geweint.

»Alles in Ordnung?«, frage ich, während sie an mir vorbei zum Fahrstuhl geht. Sie drückt den Rufknopf, dreht sich zu mir und nickt. Sie ist hübsch, selbst jetzt, mit verlaufenem Make-up, zerzausten Haaren und offenbar nach einer Nacht ohne Schlaf. Könnte ich mir meine Nachbarin aussuchen, hätte ich wohl sie gewählt.

»Wie heißen Sie?«, frage ich und stelle mich vor.

»Jill«, gibt sie zurück, bevor sie den Fahrstuhl betritt. »Ich heiße Jill.« Die Tür schließt sich.

Draußen wartet das Taxi, das Val für mich bestellt hat. Ich nenne dem Taxifahrer die Adresse, lasse mich in den Sitz sinken und genieße ein paar Augenblicke der Ruhe. Meine Gedanken kreisen ziellos umher, halten nichts fest, wie in einem meditativen Zustand. Plötzlich ist da doch etwas, und ich spüre, dass meine Lippen ein Lächeln formen. Jill, die ich gestern zum ersten Mal gesehen habe, scheint mir schon jetzt nicht mehr aus dem Kopf zu gehen.

Als ich am Restaurant eintreffe, sitzt Valerie bereits am Tisch und tippt auf ihrem Telefon herum. Verlegerinnen sind immer im Dienst.

»Ah, gut dass du da bist, ich verhungere gleich«, sagt sie gespielt theatralisch und winkt nach dem Kellner. »Die haben hier eine hervorragende Muschelplatte.«

»Nicht für mich«, antworte ich und nehme Platz. »Ich kann mir keine Lebensmittelvergiftung leisten. Ich muss ein Manuskript fertig schreiben, erinnerst du dich?«

»Wie könnte ich das vergessen?«, antwortet Val spöttisch, weist auf unsere gefüllten Weingläser und hebt ihres.

»Auf den nächsten Bestseller!« Wir stoßen an, mit dem guten Rotwein, den Val ausgewählt hat. Spanischer, glaube ich. Ich schaue mich um. Val hat sich nicht lumpen lassen, das Restaurant macht einen exquisiten Eindruck. Warmes Licht von geschmackvollen Lampen an den Wänden verleiht dem Raum ein angenehmes Ambiente. Sanft dringt Musik an meine Ohren, ein Violinkonzert. Ich muss an Jill denken und lächle, während ich mehr von dem vorzüglichen Wein trinke.

Ich höre ein Summen an meinem rechten Ohr, wie das einer Fliege. Als ich den Kopf drehe, ist dort nichts zu sehen. Wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein.

Wir bestellen, ich nehme Wild, Valerie die Muschelplatte. Danach entspinnt sich ein Gespräch über Verkaufszahlen, Umsätze, Kritiken, Lesungen und diesen ganzen Kram. Val blüht förmlich auf, während sie umreißt, welch fantastische Aussichten mein neuer Roman auf dem Markt hat. Ihre dunklen Augen funkeln und lenken für ein paar Momente vom Zuviel an Schminke in ihrem Gesicht ab. Ihr Antlitz ist das einer erfolgreichen Frau, die Jahrzehnte ihres Lebens investiert hat, um etwas zu erreichen. Wohlstand spricht aus ihrer Kleidung, ihrem Schmuck, selbst ihrer Frisur. Wir beide wissen, dass diese Unterhaltung nur den Zweck hat, mich verstehen zu lassen, wie wichtig mein neuer Roman für Val ist. Und natürlich für mich. Dabei war Ruhm nie das, worauf ich es abgesehen hatte. Ich will schreiben, will meine Gedanken loswerden, will mich mitteilen. Nein, ich muss, damit sich all die Ideen und Worte nicht in mir ansammeln und sich einen anderen Weg nach draußen suchen. Val hingegen sonnt sich im Erfolg ihrer Autoren und genießt jeden Strahl des Rampenlichts.

Ich höre das Summen erneut, stärker und lauter als zuvor. Als wäre es nicht nur eine Fliege, sondern ein ganzer Schwarm. Instinktiv drehe ich den Kopf, suche mit den Augen den Raum ab und bleibe am Gesicht eines Gastes hängen, der direkt in meine Richtung starrt. Seine Haut ist vernarbt, als hätte er sich massive Schnittverletzungen zugezogen, eine Hälfte des Gesichts ist regelrecht entstellt. Er sitzt allein an einem Tisch, trägt eine schäbige Jacke, zerschlissene Schuhe und bleckt faulige Zähne, als mein Blick auf ihn fällt. Wie ist er in diesem Aufzug überhaupt hier hereingelangt? Vor ihm auf dem Tisch steht ein Glas, das mit dunkelroter Flüssigkeit gefüllt ist. Irgendetwas schwimmt darin. Sind das Augäpfel? Nein, das kann nicht sein. Ich zwinge mich, den Blick abzuwenden und schaue wieder zu Val, die noch immer in einem Monolog über die Großartigkeit ihrer und meiner Arbeit feststeckt wie in einer Endlosschleife. Sie scheint nichts bemerkt zu haben, weder das Summen, noch den unheimlichen Gast. Doch ich kann es noch immer hören, es klingt jetzt, als würden mich dutzende Fliegen umschwirren. Falls ich mir all das nur einbilde, wird es höchste Zeit für ein wenig frische Luft.

Ich erhebe mich, deute auf mein Telefon und dann nach draußen. Val versteht. Dann werfe ich einen vorsichtigen Blick in Richtung des Mannes mit dem vernarbten Gesicht. Für einen Augenblick hoffe ich, dass da niemand sitzt, dass der Schlafmangel und mein exzessiver Kaffeekonsum einfach ihren Tribut fordern und ich nur halluziniere. Doch meine Hoffnung wird jäh erstickt. Da sitzt er und taucht einen Finger in das Glas mit der roten Flüssigkeit, steckt ihn in seinen Mund und leckt ihn genüsslich ab. Dann, unvermittelt, starrt er wieder in meine Richtung. Sein Gesicht verformt sich. Wenn das ein Lächeln sein soll, ist es das furchtbarste, das ich je gesehen habe. Ich bin für einen kurzen Moment wie erstarrt, schaffe es dann aber, mich langsam zu bewegen. Val merkt von alldem nichts.
Der Mann erhebt sich. Ich höre etwas knacken, als würden Knochen brechen. Ein Anflug von Panik durchfährt mich und für einen Augenblick will ich einfach nur fliehen. Bevor ich auch nur einen Schritt machen kann, ist er bei mir und starrt mich an. Das Summen wird ohrenbetäubend.

»Sie sehen es noch nicht, oder?«, fragt er. Seine Stimme klingt blubbernd, heiser und unmenschlich. »Warten Sie, ich habe etwas für Sie.« Er greift sich ins Gesicht, beginnt mit den Daumen in seine Augenhöhlen zu drücken. Blut quillt hervor, läuft an seinen deformierten Zügen hinab. Ich schreie, rufe nach Hilfe, bin vor Angst wie gelähmt und blicke mich verzweifelt um. Niemand von den anderen Gästen, kein Kellner oder Val nehmen irgendeine Notiz von dem, was gerade geschieht. Niemand hört meine Schreie. Ich bin unfähig, mich von der Stelle zu rühren. Mein Magen fühlt sich an, als würden Ratten darin herumkriechen und sich durch die Eingeweide fressen, meine Hände zittern wie wild. Das Gefühl der absoluten Hilflosigkeit ist überwältigend, meine Knie werden weich, meine Sicht verschwimmt. Währenddessen höre ich den Mann lachen, leise zunächst, doch das Geräusch schwillt an, bis es selbst das Summen in meinen Ohren übertönt. Ein Geräusch für Albträume, etwas, das man nie mehr vergessen wird. Dann hat er es geschafft. Mit einem triumphierenden Aufschrei streckt er mir die Hände entgegen. Zwei blutige Augäpfel starren mich an, herausgerissen mit bloßen Händen.

»ES IST EIN GESCHENK!«, schreit er aus voller Kehle. Mein Kopf dröhnt, als mein Blick in sein Gesicht schweift. Ich sehe ich leere Augenhöhlen, schwarze Löcher, aus denen Blut hervortritt. Übelkeit steigt in mir auf. Gleich muss ich mich übergeben.

»Hey, was nimmst du? Das Wild, wie immer?«

Ich öffne die Augen und atme tief aus. Val sitzt vor mir. Ihrem Gesichtsausdruck zufolge, hat sie die Frage schon mehr als einmal gestellt. Der Kellner neben ihr hat den Notizblock gezückt und erwartet die Bestellung.

»Alles in Ordnung mit dir?« Val klingt besorgt. »Du warst für einen Augenblick wie weggetreten.«

Wir sitzen an unserem Tisch, so als wäre nichts passiert. Ich drehe den Kopf, suche nach dem Mann ohne Augen. An seinem Tisch sitzt eine Familie mit zwei Kindern, alle Anwesenden sehen normal aus.

»Das Wild«, sage ich langsam, während ich mich wieder Valerie zuwende und presse ein Lächeln hervor. Mit bebenden Händen greife ich zum Weinglas.

 

»Erzählen Sie mir von Jill!«, fordert der gut gekleidete Mann mich auf. Er trägt kurzes Haar, leicht grau bereits, eine teure Brille und einen Anzug, den ich mir nicht leisten könnte. Sein Gesichtsausdruck ist der eines Profis, frei von jeglicher Emotion. Ich frage mich, wie lange er für dieses Pokerface trainieren musste. Sein Tonfall, die Art, wie er Worte formt, sein ganzer Habitus deuten darauf hin, dass er oft solche Gespräche führt.

»Ich verstehe nicht, worum es hier geht«, antworte ich. »Was wird ihr vorgeworfen? Warum bin ich hier?« Der Wachmann zu meiner Linken steht seit mehr als zwanzig Minuten regungslos da. Ich bin mit Handschellen gefesselt, die an einer Kette unter dem Tisch befestigt sind, sodass ich gerade einmal die Hände darauf legen kann, mehr ist nicht drin.

Mein Gegenüber lächelt sanft, ganz so, als hätte ich einen Witz gemacht. Er faltet die Hände vor der Brust, schaut mich durchdringend an, und ich sehe, dass das Lächeln auf seinen Lippen so schnell verschwindet, wie es erschienen war.

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, warum Sie hier sind. Es geht um Jill, Ihre Nachbarin, und um Dinge, die sie getan hat.« Er schaut an mir vorbei zum halbdurchsichtigen Spiegel, hinter dem es sich wahrscheinlich einige Zuhörer bequem gemacht haben. Ich kann mich nicht mal erinnern, wie genau ich hier gelandet bin.

»Also, wo waren wir?«, fragt er sanft. »Mein Name ist Matthews, ich versuche gemeinsam mit Ihnen herauszufinden, was in den letzten Tagen geschehen ist.«

Ich höre seine Worte, doch ich verstehe noch immer nicht, worauf er hinaus will. Ich erzähle, wie ich Jill kennengelernt habe, dass wir uns näher gekommen sind und seitdem viel Zeit miteinander verbracht haben. Dass ich Schriftsteller bin und sie Violine spielt und wir uns gut verstehen. Dass ihr Ex-Freund Max heißt und dass die Trennung alles andere als angenehm war. Dass ich mit ihm geredet habe, weil Jill mich darum gebeten hat. Dass Jill ein paar Kollegen erwähnt hat, andere Musiker, die ich aber nicht persönlich kenne. Matthews hört geduldig zu und es kommt mir vor, als wüsste er bereits, was ich sagen werde.

»Hat Jill jemals etwas von einem dunklen Ort erzählt?« Matthews’ Stimme klingt gespannt, fast erwartungsvoll. Die Worte schälen sich langsam aus seinem Mund. Wie kann er davon wissen? Nach ein paar Sekunden begreife ich es. Er führt dieses Gespräch nicht zum ersten Mal. Vor mir muss es andere gegeben haben. Das Licht im Verhörraum flackert, nur für einen Augenblick. Niemand außer mir scheint es zu bemerken. Ich schaue Matthews in die Augen und sehe für einen kurzen Moment etwas, das ich dort nicht erwartet habe. Ja, es ist mehr als deutlich. Er hat Angst. Vor mir? Oder vor dem dunklen Ort, und dem, was er dort finden würde?

 

Ich habe Val versprochen, das Manuskript binnen drei Tagen fertigzustellen. Das bedeutet noch mehr Kaffee, noch weniger Schlaf und womöglich weitere Halluzinationen. Das letzte Kapitel fehlt noch. Bekanntlich ist der Schluss eines Buches sein wichtigster Teil. Wer erinnert sich schon daran, wie es begann? Doch jeder weiß noch, wie es endete. Ich setze mich an den Computer, nehme einen Schluck aus meiner Kaffeetasse und lese den letzten Absatz ein weiteres Mal. Eine lange Nacht liegt vor mir.

Von nebenan dringen Geräusche herüber. Jill scheint zu Hause zu sein. Der Fernseher wird eingeschaltet, doch da ist noch etwas anderes. Sie weint. Zuerst bin ich nicht sicher, dann aber höre ich sie deutlich schluchzen. Ich lausche kurz an der Verbindungstür zwischen unseren Apartments.

»Jill, ist alles in Ordnung?«, frage ich laut und hoffe, dass sie es hört. Das Schluchzen verstummt für einen Moment.

»Nein, nichts ist in Ordnung«, antwortet sie mit halb tränenerstickter Stimme.

»Möchten Sie einen Kaffee?«, frage ich und weiß schon eine Sekunde später nicht mehr, warum ich das von mir gegeben habe. Aber nun ist es zu spät. Flucht nach vorn. »Ich habe den wirklich guten Stoff da.« Ein glucksendes Geräusch ertönt. Lacht sie etwa?

»Egal was, Hauptsache stark«, antwortet sie. Der Fernseher verstummt. Wenige Augenblicke später höre ich es klirren. Sie schließt die Tür auf!

»Moment, ich muss nur schnell …«, rufe ich, überrascht davon, dass der Spruch mit dem Kaffee funktioniert hat. Ich nehme das metallene Knäuel vom Tisch, suche den unscheinbaren Schlüssel und schließe meine Seite der Verbindungstür auf. Sie öffnet sich, gibt den Blick frei auf Jills Apartment. Meine neue Nachbarin sieht mich an, aus wundgeweinten Augen, ein Schlüsselbund in der Hand, und kann sich offenbar nicht recht entscheiden, ob sie lachen oder weinen soll. Ihre Haare sind pragmatisch hinter dem Kopf zusammengebunden, sie trägt kein Make-up und es sieht aus, als hätte sie den Tag über weite Strecken auf der Couch verbracht.

»Jeder andere hätte mir einen Drink angeboten«, sagt sie lächelnd. »Aber Kaffee ist sicher auch in Ordnung.« Sie schaut mich an, als wäre sie nicht sicher, was sie davon halten soll. Ich trete zur Seite und lasse sie herein. Während sie an mir vorüber geht, kann ich einen kurzen Blick in ihr Apartment werfen. Spartanisch eingerichtet, außer einer Couch und dem Fernseher sehe ich ein paar Stühle, einen Notenständer und einige Bücher, die auf dem Boden liegen.

»Wie lange wohnst du schon hier«, fragt sie, als sie auf einem der Sessel am Glastisch Platz genommen hat. Ich nehme zur Kenntnis, dass sie mit mir spricht, als wären wir alte Freunde.

»Seit ein paar Tagen erst«, antworte ich. »Länger als du jedenfalls.« Sie lacht. Ich gieße frisch gebrühten Kaffee in zwei große Tassen, stelle sie auf den Tisch vor Jill und setze mich zu ihr.

»Was ist passiert?«, frage ich und schaue sie an. Ihr Blick weicht meinem aus, sie greift nach der Tasse und nimmt einen zaghaften Schluck.

»Ich war in meiner alten Wohnung«, beginnt sie, »und die Erinnerungen an früher haben mich überwältigt.« Sie schaut mir in die Augen. »Ich habe mich befreit, weißt du. Und wie es so ist mit Trennungen, irgendwas bleibt doch in deinem Herzen. Es noch einmal zu sehen ist … schmerzhaft.«

Ich nicke. »Ex-Freund?«, frage ich und verfluche mich gleich darauf innerlich. Hoffentlich versteht sie es nicht als plumpen Versuch, mehr über ihr Liebesleben herausfinden zu wollen.

Jill antwortet nicht sofort, sondern schaut mich auf eine merkwürdig vertraute Art an.

»All die Dinge, die man zurücklässt«, flüstert sie und stellt die Tasse zurück auf den Tisch.

»Wovor bist du davongelaufen?«, fragt sie plötzlich. »Was hat dich hierher geführt?«

»Meine Arbeit«, antworte ich und deute auf den Rechner auf dem Schreibtisch. »Ich schreibe. Das ist mein Beruf.«

Ich gehe zum Bücherregal und nehme einen meiner Romane heraus. »Eine neues Buch, eine neue Wohnung.« Jill macht große Augen, als sie auf den Einband schaut.

»Du bist Schriftsteller?«, fragt sie, so, als wäre es das Letzte gewesen, was sie erwartet hätte. Sie blättert durch die Seiten. Ich setze mich wieder, ohne ihr zu antworten. Irgendwo mitten im Buch bleiben ihre Augen hängen und sie beginnt zu lesen. Ich schaue sie unentwegt an. Zum ersten Mal seit Jahren habe ich jemanden getroffen, dessen Gegenwart ich länger als wenige Minuten ertrage.

Das Licht flackert für einen Augenblick, doch das spielt keine Rolle.

Ich werfe den Umschlag mit dem Manuskript in den Briefkasten. Fast zwei Tage und Nächte habe ich komplett durchgearbeitet, mehr als sechzig Seiten geschrieben, unfassbar viel Kaffee getrunken. Jill war da, hat gelesen und mir Gesellschaft geleistet, hat Violine gespielt. Früher hätte ich nie in Anwesenheit einer anderen Person schreiben können, doch mit ihr ist es anders. Es fühlt sich an, als würde sie meine Inspiration anregen, als flössen Gedanken und Worte nur so dahin, wenn sie in meiner Nähe ist. Wenn es Musen wirklich gibt, dann ist sie eine.

Die Metro ist brechend voll an diesem Abend. Doch sie ist der schnellste Weg zurück nach Hause, zurück zu Jill. Schwitzende Menschen, lärmende Jugendliche und pöbelnde Betrunkene machen den Großteil der Fahrgäste aus, und ich sitze mittendrin. Die Stimmung schwankt zwischen gereizt und offen feindselig. Ein Tag wie jeder andere in der Stadt. Das Leben macht aus den Menschen etwas Unmenschliches. Deswegen ziehe ich die Einsamkeit vor. Als die Metro in den Bahnhof einfährt und sich die Türen öffnen, quillt ein Strom aus Fleisch und Stoff aus der bis zum Bersten gefüllten Bahn und ergießt sich über den Bahnsteig. Ich lasse mich treiben in dieser Welle aus Menschen. Plötzlich spüre ich einen Stoß in der Seite. Irgendwer hat mich angerempelt.

»Hey Mann, hast du ein Problem?«, fragt ein stämmiger Kerl mit grimmigem Gesichtsausdruck. Ich mache eine abwehrende Geste, murmle eine Entschuldigung und wende mich ab. Doch der Kerl gibt sich damit nicht zufrieden. Er packt mich an der Schulter und reißt mich herum.

»Wenn du Ärger suchst, den kannst du haben!«, sagt er mit raubtierhaftem Grinsen, und ich sehe, dass er nicht allein ist. Fünf weitere Kerle versperren mir den Weg nach draußen. Um uns herum stehen ein paar Dutzend Fahrgäste. Die meisten von ihnen versuchen, etwas Abstand zwischen sich und die Gruppe um mich zu bringen.
»Hört mal«, sage ich, »es tut mir leid. Ich wollte nieman…«, hebe ich an, doch in diesem Augenblick versetzt der stämmige Kerl mir bereits einen Schlag in den Magen. Ich sinke nach vorn zusammen, falle auf die Knie und ringe nach Luft.

»Es tut ihm leid, hört ihr das?«, ruft der Kerl seinen Kumpanen zu. »Vielleicht sollten wir als Entschädigung seine Brieftasche mitnehmen?« Zustimmendes Gegröle ringsumher.

Ich erhebe mich unter Schmerzen, und deute an, dass ich meine Brieftasche heraushole.

Doch dann höre ich etwas. Musik. Corelli, kein Zweifel. Ich schaue dem Kerl in die Augen.

»Nein, es tut mir nicht leid«, sage ich leise. Er glotzt mich an, als hätte ich ihn in einer fremden Sprache angesprochen. An seinem Hals bildet sich ein dünner, horizontaler Strich. Er versucht zu sprechen, doch mehr als ein Gurgeln bringt er nicht hervor, bevor er zusammenbricht. Mehr und mehr Blut strömt aus seiner durchschnittenen Kehle und bildet eine dunkelrote Pfütze auf dem Boden. Drei seiner Gefolgsleute stürzen mir entgegen, ziehen Messer und lassen keinen Zweifel daran, was sie mit mir vorhaben.

Das Geräusch einer gezupfte Geigensaite durchhallt den Bahnsteig. Ein glasklares A. Alle Umstehenden, meine Angreifer, Fahrgäste und Bahnpersonal erstarren für einen Augenblick. Die Zeit scheint still zu stehen, ein feiner Nebel aus Blut liegt in der Luft. Ich sehe gespaltene Schädel, abgetrennte Arme, Beine und Köpfe, aufgerissene Augen. Es scheint, als wäre binnen eines Wimpernschlags jemand durch die Reihen geschritten und hätte die Ernte eingeholt. Die Schnitte sind fein, als wären sie mit einem dünnen Draht ausgeführt worden. Oder einer Violinensaite.
Dann plötzlich stürzen die zerschnittenen Körper zu Boden, im Bruchteil einer Sekunde ist der Bahnsteig übersät mit Leichenteilen. Eine Welle von Blut schwappt mir entgegen wie eine Springflut, der metallische Geruch lässt mich taumeln. Ich bin schockiert, erschüttert über das Massaker, versteinert fast vor Entsetzen.

Ein Ruck durchfährt den Waggon, als die Bahn hält. Ich öffne die Augen. Ringsumher strömen Menschen auf den Bahnsteig. Keine entsetzten Schreie wegen zerstückelter Leichen, keine Fahrgäste, die bis zu den Knöcheln in einer Blutlache stehen.

Ich muss schlafen. Ganz dringend schlafen.

Als ich nach Hause komme, sitzt Jill auf einem Stuhl, den sie direkt vor das Fenster zur Straße gestellt hat. Sie scheint irgendetwas zu beobachten. Ein schwaches Klopfen ist zu hören, einmal, zweimal, dann noch einmal.
»Komm her und schau dir das an«, sagt sie. Ihr Tonfall lässt mir einen Schauer den Rücken hinunter laufen. Ich trete hinter sie und sehe eine Krähe, die auf dem Fensterbrett sitzt und wieder und wieder ihren Kopf gegen die Scheibe schlägt.

»Was zum …?«, setze ich an, als plötzlich der Schädel der Krähe mit einem trockenen Knacken aufbricht und sich Blut und Gehirnmasse über die Scheibe ergießen. Der leblose Vogel sackt zusammen und starrt uns aus toten Augen an. Ich möchte schreien, meinen Ekel ausdrücken, doch ich kann nichts anderes tun, als fasziniert hinzuschauen. Jill dreht den Kopf, sieht mich an und lächelt.

»Kannst du es sehen?«, fragt sie, und ihre Stimme klingt, als wäre sie Zeugin der wunderbarsten Sache auf Erden geworden. »Es hat begonnen und wir sitzen in der ersten Reihe.«

 

»Ich kenne keinen von diesen Menschen«, sage ich und hebe den Blick. Matthews fixiert mich, seine Augen kleben förmlich an mir. Er steht mir gegenüber, seine Handflächen auf die Tischplatte gestützt, und starrt herunter zu mir.

»Sind Sie sicher?«, hakt er nach.

»Absolut«, gebe ich wahrheitsgemäß zurück.

»Also gut«, erwidert Matthews, »vielleicht sagen Ihnen ja ihre Namen etwas.« Er tippt auf eines der Fotos, das einen Mann zeigt. Ein junger Kerl, muskulös, sportlich.

»Das ist Max Harper, siebenundzwanzig, arbeitet in einem Baumarkt.« Er schiebt das Bild beiseite und tippt auf das nächste. Eine Frau, Asiatin.

»Lianna Cheng, vierundzwanzig, Cellistin.« Er hält inne und mustert mich genau. Dann nennt er weitere Namen.

»Diese Namen hat Jill erwähnt«, werfe ich ein, »Max ist ihr Ex-Freund und Lianna spielt mit ihr im Orchester an der Philharmonie.« Ich überlege für einen Augenblick. »Die anderen sind Studienkollegen, glaube ich. Jill hat diese Namen erwähnt, da bin ich ziemlich sicher.«

Matthews’ Augen werden zu schmalen Schlitzen. Er setzt sich und breitet die Fotos vor mir aus. Es sind insgesamt zehn, sechs Männer und vier Frauen.

»Jill kennt also all diese Menschen?«, fragt er langsam.

Was ist denn das für eine Frage? Das habe ich ihm doch gerade gesagt. Ich nicke.

Ein triumphierender Ausdruck liegt auf dem Gesicht meines Gegenübers. »Sagten Sie nicht, Sie hätten mit Max Harper gesprochen, nachdem Jill Sie darum gebeten hatte?«, fragt er, und ich spüre, dass er gespannt ist wie ein Raubtier vor dem Sprung.

»Ja, das habe ich«, gebe ich zurück.

»Wie kann es dann sein, dass Sie ihn auf dem Foto nicht wiedererkannt haben?«, fragt Matthews.

»Ich weiß es nicht«, antworte ich, »vielleicht ist das Foto schon älter und er sieht heute anders aus.«

Matthews schiebt die Fotos zusammen und verstaut sie in einem Ordner. Dann schaut er mir in die Augen.

»Die Menschen auf den Fotos sind alle als vermisst gemeldet. Einige schon seit mehr als drei Wochen, andere erst seit ein paar Tagen.« Er schweigt für einen Augenblick. »Hat Jill kürzlich eine dieser Personen getroffen?«

Ich überlege. Dann schüttle ich den Kopf. »Nicht, dass ich wüsste.«

Matthews zieht ein großes Blatt Papier hervor. Darauf sind Fotos der zehn Personen zu sehen und weitere Bilder. Einige sind mit bunten Linien verbunden. In der Mitte steht, geschrieben mit roter Farbe, »Jill«. Eine Linie verbindet ihren Namen und mein Foto.

»Wissen Sie, was merkwürdig ist?«, fragt er und glaubt wohl wirklich, dass ich von allein drauf käme. Ich antworte nicht.

»Wir haben im Umfeld der Vermissten nachgeforscht, haben ihre Familien und Freunde befragt, ihre Arbeitskollegen, haben ihre E-Mails geprüft. Niemand kennt eine Jill. Weder ist sie die Ex-Freundin von Max Harper gewesen, noch spielt sie an der Philharmonie. Die Vermissten haben nicht einmal Verbindungen untereinander. Sie sind keine Kollegen oder Collegefreunde. Sie fahren nicht mal mit denselben Metro-Linien.«
Ich verstehe nicht, was er meint. Spielt er hier ein Spiel mit mir? Will er mich aufs Glatteis führen? »Ich möchte Jill sprechen«, sage ich, »sie wird das alles aufklären können.«

Matthews lehnt sich zurück.

»Nicht so schnell. Ich habe noch eine letzte Frage an Sie. Wenn Sie mir sagen, was ich wissen will, fahre ich Sie persönlich zurück in Ihre Wohnung.« Er schaut mich für einen Augenblick an. »Aber zuerst brauche ich eine Antwort von Ihnen«, setzt er nach.

Das Licht flackert. Nur ich bemerke es.

Matthews beugt sich mir entgegen über den Tisch. »Erklären Sie mir, wie es möglich ist, dass wir die Leichen dieser Personen in Ihrem Keller gefunden haben.«

 

Jill liegt neben mir, den Körper eng an meinen geschmiegt.

»Ich glaube, es ist jetzt soweit«, sagt sie verträumt. Ich schaue sie an und mache ein verwirrtes Gesicht. Sie lacht und erhebt sich. »Komm, ich zeig’ es dir.« Sie streckt die Hand nach mir aus. Ich folge ihr. Jill öffnet die Tür zu ihrem Apartment und weist mir den Weg.

Seit wir uns kennen, war ich nicht ein einziges Mal auf ihrer Seite der Verbindungstür. Es fühlte sich nicht richtig an, dorthin zu gehen. So als wäre ich noch nicht bereit dafür. Doch jetzt ist es anders.

Jill schließt die Tür hinter uns.

»Willkommen in meinem Reich«, sagt sie lächelnd, während ich durch die Fensterfront hinunter auf die Stadt schaue. Sie sieht verändert aus, doch ich kann nicht sofort erkennen, was anders ist.

»Siehst du es?«, fragt sie und stellt sich neben mich ans Fenster. Sie weist mit dem Finger auf etwas in einer der Straßen. Ich schaue genauer hin. Irgendetwas ist dort und es nicht menschlich. Dann sehe ich es noch an anderen Orten. Es scheint überall zu sein, so als würde unter der vertrauten Fassade der Wirklichkeit etwas lauern. Etwas Anderes. Etwas, das sich den Weg durch die Schatten bahnt, nur einen Wimpernschlag entfernt, zum Greifen nah und dennoch unsichtbar für alle außer uns.

»Es ist wunderbar«, sagt sie und nimmt meine Hand. Es fühlt sich an, als wäre es schon immer so gewesen.

»Habe ich dir jemals von dem dunklen Ort erzählt?«, fragt sie. Das Licht flackert einige Sekunden lang und erlischt schließlich. »Er ist, wohin wir gehen.« Sie hält inne und schaut sich um. »Nein, eigentlich sind wir bereits dort.«

 

Als ich nach Hause komme, blinkt das rote Licht an meinem Anrufbeantworter. Ich drücke auf den Knopf. Die erste Nachricht ist von heute morgen.

»Hier ist Val. Wir müssen reden. Es geht um dein Manuskript.« Mehr sagt sie nicht, aber es hört sich an, als würde sie schwer atmen. Ende der Aufnahme.

Nächste Nachricht, von heute Mittag. »Ich bin’s noch mal, Val. Ruf mich an. Ruf mich sofort an, wenn du das hörst!« Ende der Aufnahme.

Nächste. Gerade eben. »Was sind das für Worte?«, höre ich Valerie schreien. »Das ist keine Sprache, das ist grauenhaft. Ich sehe Dinge, seit ich das letzte Kapitel gelesen habe. Furchtbare Dinge.« Ende der Aufnahme.

Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wovon sie redet. Ich wähle Vals Nummer. Niemand nimmt ab. Ich versuche es in ihrem Büro. Nichts.

Jill kommt herein.

»Deine Verlegerin klingt aufgeregt«, sagt sie lächelnd.

Ich nicke. »Irgendwas stimmt mit ihr nicht. Sie halluziniert, so scheint es zumindest. Und sie sagt, es läge an meinem Manuskript«, antworte ich.

Jill schaut mich an und wirkt nachdenklich. »Du hast es noch nicht verstanden, oder?«, fragt sie. »Deine Verbindung zu dem, was war, ist stark.« Sie geht zu meinem Bett und holt einen Koffer von darunter hervor.
Er gehört mir nicht. Ich habe ihn nie zuvor gesehen.

»Jill, was wird das?«, frage ich und spüre, wie sich mein Magen verkrampft. Sie greift nach den Verschlüssen, klappt sie hoch und schaut mir in die Augen, bevor sie den Deckel des Koffers hochschlägt. Vals Initialen sind in Gold auf den Deckel geprägt.

»Vertraust du mir?«, fragt Jill. Ich nicke, ohne zu zögern.

Sie klappt den Koffer auf. Der Anblick raubt mir den Atem. Der Boden unter meinen Füßen scheint nachzugeben, mir wird schwindelig, Übelkeit überkommt mich.

Vals abgetrennter Kopf starrt mich aus milchigen Augen an, Jill packt ihn an den mit Blut verklebten Haaren und hält ihn hoch. Der Koffer ist gefüllt mit Körperteilen, ich sehe Finger, Zehen, Därme, Haut. Valerie ist da drin, in Stücke gehackt.

»Oh mein Gott, wer hat das getan?«, frage ich und bringe die Worte nur krächzend hervor.

»Denk mal darüber nach, wo du heute morgen warst«, antwortet Jill und klingt belustigt. Das Licht flackert und ich höre wieder dieses Summen wie von hundert Fliegen.

Jill lässt Vals Kopf fallen, er rollt über den Boden wie eine groteske Billardkugel.

»Das ist unvermeidlich«, sagt sie sanft, »mach dir keine Sorgen. Bald schon hast du dich daran gewöhnt.« Sie küsst mich und in diesem Augenblick ist es, als fiele die Last der Welt von meinen Schultern. Alles ergibt plötzlich einen Sinn, ich beginne zu verstehen. Die Dinge, an die ich mich zu erinnern glaube sind wie Eisblumen an einer Fensterscheibe. Sie verwehren den Blick auf das, was dahinter liegt.

Jill ist meine Muse und mein Werk ist das Ende. Das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Der Beginn von etwas Neuem, etwas Größerem.

 

Auf dem Tisch vor mir liegen Tatortfotos. Leichenteile in Plastiksäcken. Ich kann mich nicht daran erinnern, diese Menschen getötet, ihre Leichen zerstückelt und in meinen Keller geschafft zu haben. Aber es ist mein Keller, zumindest sieht es auf den Fotos so aus.

»Ist es das, was Sie Jill vorwerfen?«, frage ich fassungslos. »Dass sie diese Menschen ermordet hat und ihre Leichen dann in meinem Keller deponiert hat?«

Matthews sitzt einfach nur da und starrt mich an. Ein Käfer krabbelt aus seinem linken Ärmel und läuft quer über den Tisch, über die Fotos zerhackter Körper.

»Wie haben Sie es gemacht?«, fragt Matthews. »Wie haben Sie die Leichen zerteilt? Unsere Forensiker konnten nicht herausfinden, womit diese Menschen getötet wurden. Die Nachbarn haben Lärm aus Ihrer Wohnung gehört, wie Hammerschläge. Hat es damit zu tun?«

»Ich habe diese Menschen nicht getötet«, antworte ich. »Aber es war eine Violinensaite, mit der ihre Körper zerteilt wurden.«

Matthews schluckt. Wieder sehe ich Angst in seinen Augen.

»Wenn Sie es nicht waren, woher können Sie das wissen?«, fragt er, und ich höre deutlich das Beben in seiner Stimme. Irgendetwas scheint ihn beinahe zu Tode zu ängstigen. Vielleicht … vielleicht glaubt er mir? Vielleicht ist er bereit dafür.

Ich streiche mit der Hand über die Fotos.

»Um das zu verstehen, müssen Sie erst etwas über den dunklen Ort erfahren«, sage ich leise und sehe, dass sich die Augen meines Gegenübers weiten. Er nickt. »Geben Sie mir etwas zu schreiben«, fordere ich, »dann zeige ich es Ihnen.« Er bedeutet dem Wachmann, uns kurz allein zu lassen und etwas zu schreiben zu holen. Ein paar Augenblicke später kehrt der Uniformierte zurück und hat einen kleinen Notizblock sowie einen Kugelschreiber dabei. Matthews nimmt beides an sich und schaut mir in die Augen.

»Keine Spielchen mehr«, sagt er und schiebt Stift und Block langsam über den Tisch zu mir. Ich greife danach und beginne zu schreiben. Ein paar Zeilen, dann reiße ich das oberste Blatt ab. Ich reiche es Matthews. Er liest wortlos, steht auf, macht ein paar Schritte durch den Raum und hält den Zettel mit der beschriebenen Seite an das halbdurchlässige Spiegelglas. Offenbar will er, dass unsere Zuschauer lesen, was ich geschrieben habe. Ein Lächeln zuckt über mein Gesicht. Als er an mir vorbeigeht, halte ich den Kugelschreiber zwischen zwei Fingern in die Höhe. Gerade soweit, wie es meine gefesselten Hände erlauben. Matthews ergreift ihn, wirbelt herum, rammt ihn dem Wachmann mit voller Wucht in den Hals und reißt ihn dann wieder heraus. Mit einem gluckernden Geräusch bricht der Uniformierte zusammen, versucht vergeblich, die sprudelnde Blutung zu stoppen und stirbt binnen weniger Augenblicke. In aller Ruhe, so als wäre nichts gewesen, nimmt Matthews die Waffe des Polizisten aus dem Holster, spannt den Hahn und hält sie sich an den Kopf.

»Keine Spielchen mehr«, sage ich.

Er drückt ab.

 

Ich deute auf die Tür zum Apartment nebenan. Die Umstehenden tauschen Blicke aus, einige machen sich Notizen. Obwohl ich Handschellen trage, und die beiden bewaffneten Beamten mich keine Sekunde aus den Augen lassen, spüre ich es mehr als deutlich. Sie haben Angst vor mir. Nach der Sache mit Matthews sind alle nervös geworden, und wer könnte es ihnen verdenken. Ein Psychiater, der aus heiterem Himmel ausrastet und sich den Kopf wegpustet, nachdem er die letzten Zeilen meines neuen Romans gelesen hat. Eine Handvoll Augenzeugen, die sich kurz nach dem Vorfall das Leben nehmen. Verrückt, nicht wahr?

»Kommen Sie her«, sagt einer der Ermittler und winkt mich heran. Ich trete näher. Er zeigt auf den Bauplan des Gebäudes, der auf einem Tisch ausgebreitet ist. »Hinter dieser Wand ist nichts. Nicht mal ein Lüftungsschacht oder sowas.« Er fährt mit dem Finger an etwas entlang, was der Grundriss meiner Etage zu sein scheint. »Es gab auch nie ein Apartment 23b in diesem Haus, weder hier noch auf der anderen Seite des Flurs. Ihres ist das letzte, danach kommt nur noch die Außenmauer. Wir haben mit dem Hausverwalter gesprochen. Er kennt niemanden, auf den die Beschreibung passt, die Sie uns von Jill gegeben haben.«

Ich schaue zurück zur Tür. Wovon spricht er?

»Dort ist ein Bücherregal, aber kein Durchgang«, fährt er fort.

Ich traue meinen Augen nicht, aber als er den Satz ausspricht, verschwimmen die Umrisse der Tür zu Jills Apartment. An ihre Stelle schiebt sich mein Bücherregal, das plötzlich vor einer nackten Wand steht. Es ist, als würde ein Stück meiner Realität verschwinden. Was geschieht hier? Ein paar Uniformierte machen sich an dem Regal zu schaffen und rücken es beiseite. Die Wand dahinter sieht aus, als wäre sie mit einem Hammer bearbeitet worden.

»Die Spuren passen zu den Berichten der Nachbarn über Hammerschläge«, sagt einer der Polizisten, während er die Einkerbungen untersucht. »Es sieht aus, als hätte jemand einen Durchgang in die Wand schlagen wollen.« Er schaut mich an. »So etwas wie eine Tür.«

»Halten Sie weiterhin an der Geschichte mit Ihrer mysteriösen Nachbarin fest?«, fragt eine Stimme neben mir. Mein Blick bleibt auf die Wand geheftet. Außer der Tatsache, dass in meinem Keller Leichen gefunden wurden, hat die Polizei keinerlei Beweise, dass ich irgendwas damit zu tun habe. Keine Abdrücke, keine Aufnahmen von Kameras, kein Motiv, keinerlei Verbindung zu den Opfern. Ich lächle.

»Unsere Wirklichkeiten sind nicht dieselben«, sage ich leise. »Noch nicht.«

»Nehmen Sie ihn wieder in Gewahrsam!«, befiehlt der Ermittler. Ich werde unsanft von zwei Polizisten gepackt.

Bevor sie mich wegzerren, kann ich noch einen Blick mit dem Einsatzleiter wechseln.

»Und wenn ich Ihnen sage, dass das erst der Anfang ist?«, frage ich. »Würden Sie mir glauben?«

 

»Es ruft uns«, sagt Jill, »und wir folgen.« Ich weiß, was sie meint. Ich sehe ganz klar, so wie kein Mensch es könnte. Wir stehen noch immer am Fenster in Apartment 23b und schauen hinunter auf die Stadt.

»Ich kann es sehen«, sage ich ehrfürchtig. Jill dreht ihren Kopf zu mir. Sie lächelt.

»Ich weiß«, antwortet sie. »Komm, ich muss dir noch etwas zeigen.«

»Wohin gehen wir?«, frage ich. Jill steuert auf die Ausgangstür ihres Apartments zu.

»Das siehst du gleich«, antwortet sie. Als sie die Tür öffnet, stockt mir der Atem. Vor uns erstreckt sich ein Panorama, als stünden wir auf einem Turm, der hoch über allem thront. Groteske Kreaturen durchstreifen die Straßen, wie Teppiche, geknüpft aus menschlichen Leibern. Körper winden sich in Agonie, bizarre Gebäude aus Fleisch und Knochen säumen die Straßen. Die Stadt liegt uns zu Füßen, einem gigantischen Organismus gleich, der sich fortwährend selbst zu verschlingen und wieder zu gebären scheint.

Jill tritt aus der Tür hinaus. Sie findet Halt, so als ob dort eine unsichtbare Brücke wäre. Ich folge.

»Das ist, was kommt«, sagt sie. Ich wende mich um, schaue zurück zum Apartment 23b, zu diesem dunklen Ort. Die Tür steht offen, nur einen Spalt. Ringsumher ist nichts, kein Gebäude, kein Flur.

»Was sind wir?«, frage ich. Jill schaut mich an und deutet auf die Tür.

»Geh zurück und sieh selbst«, sagt sie. »Du bist jetzt bereit dafür. Ich habe mich befreit und du musstest das auch tun.« Sie nimmt meine Hand. »Wenn du es gesehen hast, erkläre ich dir alles.«

Ich gehe zurück zu der Tür im Nichts, öffne sie und trete hindurch. Anders als zuvor führt sie direkt in mein Apartment. Dort steht ein Stuhl vor der Wand, durch die ich in Jills Wohnung gelangen wollte. Nein, gelangt bin. Jemand sitzt dort, hat die Arme auf die Lehnen des Stuhls gelegt, die Beine ausgestreckt, den Kopf nach hinten in den Nacken gekippt. Der Boden unter dem Stuhl ist von einer braunen Masse bedeckt. Geronnenes Blut. Etwas ist darin eingeschlossen, als wäre es in Bernstein konserviert. Ein Messer? Ich höre Fliegen summen, es müssen hunderte sein. Sie krabbeln auf dem Körper umher, schwirren durch die Gegend und werden plötzlich von etwas aufgescheucht. Eine Ratte schält sich aus dem aufgerissenen Bauch des toten Körpers hervor, springt zu Boden und läuft davon. Ich spüre keinen Ekel, darüber bin ich weit hinaus. Während ich näher trete, dringt langsam in mein Bewusstsein, dass ich es bin, der dort liegt. Ich sehe, dass meine toten Hände etwas umklammert halten. Ich habe es wirklich getan. Ich habe mir mit bloßen Händen die Augen herausgerissen. Leere Augenhöhlen starren mir entgegen, mein Mund steht offen, die Haut ist über und über mit Narben bedeckt. Ich habe mir Wunden zugefügt, tiefe Schnitte, die meinen Körper langsam ausbluten ließen.

Eine Zeitung liegt auf dem Boden, direkt neben dem Stuhl. Ich schaue auf das Datum.

Es ist der Tag, an dem ich Jill das erste Mal begegnet bin. Bedeutet das, dass ich hier seit mehr als drei Wochen liege? In meinem Kopf rasen die Gedanken. Bilder, Erinnerungen, Gerüche, Töne strömen auf mich ein. Ich bin nicht sicher, ob von den Dingen, an die ich mich erinnere, irgendetwas wirklich geschehen ist, oder ob sie nur ein Echo waren, eine schwache Erinnerung an das, was hätte sein können.

»Wir sind die ersten einer neuen Art«, sagt Jill, die hinter mir das Apartment betreten hat. »Wir haben uns befreit von dem erbärmlichen Dasein als Menschen. Wir bereiten den Weg für das, was danach sein wird. Wir schreiten durch Felder aus Hass, Abscheu, Neid und Missgunst. Wir holen die Ernte ein. Wir nutzen unsere Gaben, Worte und Musik, um ein neues Zeitalter einzuläuten. Wir bringen Erlösung.«

Ich drehe mich zu ihr. Zum ersten Mal sehe ich sie so, wie sie wirklich aussieht. Ihre leeren Augenhöhlen sind nachtschwarze Löcher, die Haut ihres nackten Körpers ist über und über mit Narben bedeckt und sieht kaum mehr menschlich aus, ihr Haar ist zu einer bizarren Skulptur aus geronnenem Blut geworden. Die Hand, die sie mir entgegen streckt, besteht nur noch aus Knochen und fauligem Fleisch. Ich schaue sie an und sehe das Lächeln der Hölle auf ihrem Gesicht.

Sie ist wunderschön.

»Es ist ein Geschenk«, sage ich, »das verstehe ich jetzt. Du hast mich gefunden.«

Jill nickt.

»Wir sind eins«, sage ich und reiche ihr meine Hand. Oder das, was davon übrig ist.

»Ja«, erwidert sie. »Das sind wir. Für immer.«

Sascha Dinse

Sascha Dinse wohnt, schreibt und lebt, wenn man das so bezeichnen will, in Berlin. Da mag es kaum verwundern, dass in seinen Geschichten oft der Moloch Großstadt die Hauptrolle spielt. Ein ums andere Mal erwacht das Grauen aus dem Alltäglichen, schleicht sich von hinten an und zeigt zunächst ein freundliches Gesicht. Doch schon im nächsten Augenblick zieht es dem Protagonisten den Boden der vertrauten Wirklichkeit unter den Füßen weg, lässt ihn hilflos am Rand des Abgrunds taumeln, wankend, nur eine Handbreit von der Hölle entfernt.

Sascha Dinse hat Kurzgeschichten in diversen Anthologien veröffentlicht, allen voran im »Zwielicht«, arbeitet derzeit an seiner ersten eigenen Sammlung und wird in 2018 die Arbeit an seinem ersten Roman aufnehmen. Seine Genres sind »Urban Horror« und Science-Fiction, immer gespickt mit philosophischen und surrealen Elementen, bösen Twists und doppelten Böden.

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