Thanx, Iain Banks.

James Last, Wolfgang Jeschke, Pierre Brice, Ornette Coleman, Christopher Lee, Harry Rowohlt – ein etwas seltsames Gefühl, die erste Kolumne hier mit einem Nekrolog zu beginnen. Doch es muss derzeit auf der anderen Seite sowas wie die Einladung gegeben haben, in einem ganz besonderen Pantheon ruhen zu dürfen. Wie sonst ist es zu erklären, dass vom Giganten der Unterhaltungsmusik über einen der ganz großen Jazz-Saxophonisten bis zur britischen Schauspiellegende alles abtritt, das zugegebenermassen ein gewisses Alter erreicht hat. Aber diese Häufung: Vielleicht eine Staffelübergabe der besonders deutlichen Art.

Hier möchte ich allerdings an einen anderen der ganz Grossen erinnern, einen Science Fiction-Giganten, der vor zwei Jahren durch eine besonders heimtückische Art von Krebs sein 60. Lebensjahr nicht vollenden durfte. Der Schotte Iain Banks (als SF-Schriftsteller Iain M. Banks) überraschte damals durch die öffentliche Ankündigung seines eigenen Todes via Blog, bevor er noch ein (sehr humorvolles) Fernsehinterview gab und letztendlich in einem Krankenhaus verstarb.

Warum gerade jetzt an Iain Banks denken? Es liegt nicht an einer besonderen Art von Pietät, sondern eher daran, dass mir der Tod eines meiner Lieblingsschriftsteller aus meiner SF-Jugend so richtig weh getan hat. Deswegen habe ich das vermutlich unbewusst ausgeblendet und mich mit vielen anderen Autoren und Büchern beschäftigt. Aber man entkommt natürlich nicht – der geniale “Tesla Motors”-Gründer und “SpaceX”- Unternehmer Elon Musk hat im ersten Quartal dieses Jahres bekanntgegeben, dass er zwei Landeplattformen nach Raumschiffen aus Banks’ “Kultur”-Universum  benennen wird. Und ein paar Monate später hat die von mir unglaubliche geschätzte und kürzlich vollkommen zu Recht mit dem Kurd Laßwitz-Preis bedachte Redaktion von “die zukunft” die gesamte “Kultur”-Reihe von Banks bei Heyne als E-Book neu aufgelegt.

Ein guter Zeitpunkt also, den Zeh vorsichtig wieder mal in die Untiefen eines der ganz großen Science Fiction-Zyklen der neueren SF-Geschichte zu stippen. Wie das bei mir allerdings immer so ist – nach den ersten, vorsichtig angelesenen Seiten des ersten Buchs des Zyklus, “Bedenke Phlebas”, bin ich dann komplett unter- und eingetaucht.

Denn, das möchte ich gleich vorwegnehmen, es hat anscheinend doch etwas unglaublich Tröstliches, nach geraumer Zeit das Werk eines verstorbenen Lieblingsschriftstellers neu zu entdecken. Vor allem, wenn es ein dermaßen gewaltiges, nach allen Seiten wucherndes, rhizomatisches Gebilde ist, in dem es so viele Winkel und Ecken – respektive Planeten und Galaxien neu zu entdecken gibt, wie bei den “Kultur”-Romanen. Vielleicht hält sich der Geist des Autors in irgendeiner Weise noch darin auf? Ich stelle mir das so vor, und es tut mir gut.

Eine ultrakurze Einführung in die „Kultur“, geklaut von Wikipedia: “Die Kultur ist eine fiktive, auf anarchistischer Grundlage fußende Gesellschaftsutopie ohne jede Knappheit an Geld oder Gütern (post-scarcity, Nach-Knappheit), die der schottische Autor Iain Banks erdacht hat. Sie bildet den Erzählraum, in dem mehrere seiner Romane und Kurzgeschichten angesiedelt sind, die unter dem Stichwort Kultur-Zyklus zusammengefasst werden.”(¹) Das Wort “Utopie” ist in diesem Zusammenhang übrigens eher vorsichtig zu genießen, denn ein Meisterautor wie Banks lässt im besten Sinne von George R. R. Martins populär gewordener Erzähltechnik natürlich keine einheitliche Sichtweise zu – gleich im ersten Roman lernen wir das gesellschaftliche Konzept der “Kultur” vom Standpunkt ihrer Feinde als etwas eher Abstoßendes, ja Hassenswertes kennen. So ungefähr wie im echten Leben eine überpatriotische, übersteigert selbstbewußte Nation wie Amerika seit vielen Jahrzehnten ungefragt dem oftmals verständnislos agierenden Rest der Welt “ihren Sheriffstern zeigt” (frei nach H. Grönemeyer).

Die politische Allegorie (auch auf den Thatcherismus und den willfährigen US-Lakai Tony Blair, den Banks besonders verachtete) ist allerdings nur EIN Aspekt der “Kultur”. Neben den soziologischen Beobachtungen und philosophischen Betrachtungen, die für ein so groß angelegtes literarisches Universum die unabdingbare Basis bilden, kommt natürlich auch die Action und der Spaß nicht zu kurz – zum Glück allerdings nicht mit einem so riesigen winkenden Zaunpfahl wie bei einem Douglas Adams oder Terry Pratchett (euer Kolumnist gibt ehrlich zu, mit “Parodien” seit vielen Jahren seine liebe Not zu haben), sondern in der Art von aufblitzendem, überbordenden Genius, so wie der von mir ebenfalls hochverehrte Philip K. Dick das selbst in seinen düstersten Zukunftsvisionen immer wieder durchscheinen hat lassen.

Das Wichtigste allerdings an diesem grandiosen Zyklus, in dem man sich trotz seiner Begrenztheit auf 10 Bände jahrelang, jahrzehntelang immer wieder von vorn verlieren mag, ist das, was dessen Schöpfer Banks mit meiner Phantasie anstellt. An anderer Stelle hab ich schon einmal darüber geschrieben, welchen Stellenwert die Genres Fantasy und vor allem Science Fiction in meinem Leben (seit früher Jugend) einnehmen(²) – in einem menschlichen Leben, dessen Ausgang mehr als ungewiss ist, tröstet der weise Satz von George R. R. Martin aus “A Dance with Dragons” ungemein: “A reader lives a thousand lives before he dies, said Jojen. The man who never reads lives only one.” Der Banalität des Alltags zu entfliehen, mit einem Buch in der Tasche, dessen zwischendurch schnell gelesene Sätze ein ultraschnell zu durchschreitendes Portal in eine vollkommen andere Welt ermöglichen – gibt es was Schöneres? Danke, Iain Banks.

(¹) https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Kultur

(²) VISIONARIUM 5: Träume und Schatten

 

Doc Nachtstrom

Geboren 1967 in Graz/Österreich, in den 1990er-Jahren als Elektronikmusiker und Filmkomponist beschäftigt, seit dem Millennium Moderator in einem Grazer Privatradio und in Wien für die Sendung „House of Pain“ bei FM4/ORF tätig. Arbeitet weiters als Journalist und Herausgeber (Zeitschrift „Visionarium“, Anthologien) ist leidenschaftlicher Büchersammler (8000+) und Die Hard-Fan aller Spielarten der Phantastik.